Treffen Putin – Erdogan, neue Getreidelieferungen und ukrainische Patienten in EU-Krankenhäusern

Von ella, dpa05.08.2022, 19:03

Kremlchef Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan haben sich am Freitag erneut zu einem Gedankenaustausch über den Krieg in der Ukraine getroffen. In einem Statement vor den Gesprächen hat Putin Erdogan für dessen Vermittlung im Konflikt um Getreideexporte aus der Ukraine durch das Schwarze Meer gedankt sowie für die mit der UN vereinbarte "Paketlösung über die störungsfreie Lieferung russischer Lebens- und Düngemittel auf die Weltmärkte". Nach ukrainischen Angaben haben russische Truppen eine größere Offensive im Osten des Landes, im Gebiet Donezk, gestartet.

Der ukrainische Generalstab berichtete am Freitagmorgen in seinem Lagebericht von gegnerischen Angriffsoperation im Raum Donezk gegen Bachmut und Awdijiwka. Demnach versuchen russischen Truppen sich damit in eine gute Ausgangsposition zu bringen, um ihre Kontrolle auf das Gebiet westlich von Donezk zu erweitern und die Städte Soledar und Bachmut zu erobern. Beide Städte sind Teil der Verteidigungslinie östlich eines Ballungsraums, des letzten im Donbass, den Kiewer Truppen noch kontrollieren.

Viele schwierige Themen zwischen Putin und Erdogan im Gespräch

In einigen Bereichen haben die Türkei und Russland gemeinsame Interessen, aber die Türkei ist Mitglied der Nato. Im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine nahm Erdogan die Rolle des Vermittlers ein, unter anderem beim Ende Juli unterzeichneten Abkommen über Getreideexporte.

Die Pipeline Turkstream, die von Russland über die Türkei führt, wurde von Putin vor den Gesprächen gelobt. Die sei nicht nur eine der wichtigsten Versorgungsadern Europas, sondern funktioniere "im Gegensatz zu anderen Richtungen unserer Kohlenstofflieferungen störungsfrei, dynamisch und ohne Ausfälle", sagte der Kremlchef mit Blick auf die seit Juni gedrosselten Gasliefermengen bei der Pipeline Nord Stream 1.

Auch über die Situation in Syrien werde man sprechen, sagte Erdogan. Seit Wochen kündigt die Türkei eine neue Offensive auf den Norden des Landes an. Der Türkei wurde bisher von Russland und dem Iran – beide ebenfalls Akteure im syrischen Bürgerkrieg – davon abgeraten. Die Türkei hält bereits Gebiete in Nordsyrien besetzt und begründet eine erneute Offensive mit einer "terroristischer Bedrohung" seitens der syrischen Kurdenmiliz YPG, die Ankara als Terrororganisation betrachtet.

Weitere Getreidelieferungen durch das Schwarze Meer angelaufen

Drei weitere Getreidefrachter sind am Freitagmorgen aus ukrainischen Häfen ausgelaufen. Infrastrukturminister Olexandr Kubrakow sagte auf dem Telegram-Kanal, die erste Karawane mit ukrainischem Getreide sei aus den Häfen von Groß-Odessa in See gestochen – mit insgesamt 57 000 Tonnen Mais. Nach ukrainischen Angaben kommen die Frachter aus Odessa und dem angrenzenden Hafen Tschornomorsk und sind auf dem Weg in die Türkei, nach Großbritannien und Irland. In Istanbul werden sie laut dem türkischen Verteidigungsministerium dann inspiziert.

Die erste Getreidefrachter aus der Ukraine war Anfang der Woche nach einer mehrmonatigen russischen Seeblockade gestartet. Für die Stabilisierung der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt ist die Wiederaufnahme der ukrainischen Getreideexporte wichtig. Aus Sicherheitsgründen will Kiew zunächst nur drei Schiffe pro Tag schicken.

Angaben des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zufolge ist der Transport von Millionen von Tonnen Getreide auf dem Schiffsweg nicht möglich. Rund 570 Schiffsladungen müssten für die eingelagerten 20 Millionen Tonnen abgefertigt werden. Vincent Stamer, Leiter des Kiel Trade Indicators des IfW, erklärte am Freitag, dass andere Transportmöglichkeiten wie Züge und Lkw voll ausgeschöpft werden müssten, weil "die Ernte von Getreide jetzt wieder beginnt und die Lager dafür dringend gebraucht werden".

1000 ukrainische Patienten in EU-Krankenhäusern

Um das durch den Krieg stark belastete ukrainische Gesundheitssystem zu entlasten, haben die EU-Staaten nach Angaben der Europäischen Kommission 1000 Patienten aus dortigen Krankenhäusern aufgenommen. Die EU-Kommission sagte am Freitag, dass lokale Krankenhäuser darum kämpfen, mit dem Andrang Schritt zu halten, da die Zahl der Verletzten in der Ukraine Tag für Tag steigt. Seit dem 11. März koordiniert die EU die Verlegung von Patienten in andere europäische Länder, um den Druck auf die lokalen Krankenhäuser zu lindern.

Nach Angaben der EU-Kommission nahmen insgesamt 18 Staaten an der Hilfsaktion teil. Die Brüsseler Behörde teilte mit, dass bei den jüngsten Transfers Anfang des Monats 15 Patienten nach Deutschland, vier in die Niederlande und 2 nach Tschechien und Norwegen gebracht wurden.

London sieht Europas größtes Atomkraftwerk in Gefahr

Die Sicherheit des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja ist laut britischen Geheimdiensten mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Aktionen der russischen Streitkräfte gefährdet. In einem Update des britischen Verteidigungsministeriums hieß es am Freitag, dass Moskaus Absichten im Hinblick auf das größte Atomkraftwerk in Europa fünf Monate nach dem Krieg noch unklar seien. Anfang März hatten russische Truppen die Anlage besetzt. Das Kernkraftwerk wurde danach von russischen Nuklearspezialisten überwacht, aber von ukrainischem Personal weiterbetrieben.

Urheber dieses Inhalts ist die ella AG. Die Ströer Digital Publishing GmbH kann daher für deren Richtigkeit, Genauigkeit und Vollständigkeit keine Gewähr übernehmen.