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Stromrebellen planen Coup gegen Konzerne

Poker um E.ON-Tochter  

Stromrebellen planen Coup gegen Konzerne

03.08.2009, 18:30 Uhr | Anne Seith, Spiegel Online, Spiegel Online

E.ON will seine Beteiligungsgesellschaft Thüga verkaufen (Quelle: imago images)E.ON will seine Beteiligungsgesellschaft Thüga verkaufen (Quelle: imago images) Es soll ein Befreiungsschlag für die Energiemärkte werden: In Freiburg will eine Bürgerinitiative beim Kauf einer E.ON-Tochter mitmischen. Satte 100 Millionen Euro wollen die Stromrebellen dafür zusammenkratzen - so mancher Manager nimmt die Pläne durchaus ernst. #

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100 Millionen Euro einsammeln

Die Stimmung ist aufgekratzt. "Das ist bestimmt eine halbe Million", sagt Beya Stickel und streckt triumphierend den Stapel bunter Briefe in die Höhe, die Post eines einzigen Tages. Darin stecken zumeist Geldzusagen für die Bürgerinitiative. Mehr als 15 Millionen sind schon zusammen. Das sei natürlich erst der Anfang, sagt Stickel. 100 Millionen sollen es bis Ende des Jahres werden, "als Zwischenetappe", sagt Eckhard Tröger, der neben Stickel sitzt und sofort begeistert anfängt, die Briefe zu zählen.

Bürger wollen beim Thema Energie mitmischen

Seit Wochen geht es so, stapelweise Post, 30 bis 40 Faxe täglich, unzählige E-Mails. Kürzlich hat einer 400.000 Euro auf einmal überwiesen. Der Plan, den die Bürgerinitiative "Energie in Bürgerhand" auf ihrer Seite selbst als "unglaubliche Idee" bezeichnet, hat Tausende mobilisiert. So wie Stickel und Tröger - sie Büroleiterin in einem Berufsverband und Mutter dreier Kinder, er der Betreiber einer kleinen Kommunikationsagentur - scheinen viele Bürger selbst mitmischen zu wollen im großen Energiepoker.

Erfahrene Stromrebellen am Werk

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Bewegung von Stromrebellen in der Gegend entsteht, die genug hat von überhöhten Preisen und Atomenergie. Schon vor einigen Jahren sorgte Michael Sladek, ein Landarzt mit ergrautem Räuber-Hotzenplotz-Bart, für Schlagzeilen, als er und seine Mitstreiter das Stromnetz seines Heimatorts aufkauften und einen eigenen Öko-Energieanbieter gründeten. Die Elektrizitätswerke Schönau haben mittlerweile 83.000 Kunden in Deutschland - und Sladek ist auch dieses Mal wieder mit dabei.

Thüga hat bundesweit Beteiligungen

Die Offensive, die derzeit in Freiburg vorbereitet wird, ist freilich mehrere Nummern größer: Der Energiegigant E.ON will seine Tochter Thüga verkaufen - eine Beteiligungsgesellschaft, die Anteile an Stadtwerken im ganzen Land hält. Bei diesem Mega-Deal wollen die Freiburger mitmischen, sich einkaufen in dem Milliardengeschäft. Um als Anteilseigner direkt Einfluss zu nehmen auf die Ausrichtung der Stromanbieter.

"Riesenchance für die Demokratie"

Deshalb verbringen Stickel, Tröger und ihre Mitstreiter seit Wochen jede freie Minute mit der Vorbereitung ihres Coups. Beya Stickel sitzt in jeder Mittagspause und meist noch bis tief in die Nacht am Laptop. Trotzdem wirkt sie immer noch begeistert vom großen Ziel, spricht von einer "Riesenchance für die Demokratie", wenn Bürger mit den wichtigen Energiemanagern an einem Tisch sitzen. Und dafür sind die Freiburger auch bereit, ungewöhnliche Allianzen einzugehen - denn dass man das große Vorhaben nicht alleine stemmen kann, ist allen Beteiligten klar.

Partner aus verschiedenen Welten

Einer von denen, mit dem sich die Freiburger einlassen, ist Maik Wassmer. Es klingt komisch, wenn er erzählt, wie er ausgerechnet mit dem bärtigen Stromrebell Sladek noch lange nach dem ersten Treffen geplaudert habe, der "unheimlich sympathisch" sei. Denn die beiden kommen aus verschiedenen Welten. Wassmer ist 39, sein dunkelbraunes Haar ist sauber gescheitelt, Hemd und Anzughose wirken noch am Freitagnachmittag wie frisch aus der Reinigung. Er ist Finanzvorstand des Freiburger Energieversorgers Badenova, der zu 47 Prozent der Thüga gehört.

Badenova will wieder Herr im eigenen Haus werden

Die Badener wollen nun wieder Herr im eigenen Haus werden - und E.ON die Thüga deshalb im Verbund mit einer Reihe anderer Stadtwerke möglicherweise abkaufen - und die Stromrebellen wollen mitspielen. Deshalb ist man in Gesprächen, und so kam es Anfang Juli zum Zusammentreffen zwischen Wassmer und Badenova-Chef Thorsten Radensleben auf der einen und Sladek und weiteren Vertretern der Bürgerinitiative auf der anderen Seite. Bei den Stromrebellen heißt es seitdem, man sei dabei, einen "letter of intent" für die Badenova zu erstellen.

Misstrauen gegenüber der Bürgerinitiative

Dort sieht man das allerdings etwas anders. Wassmer mag es gar nicht, wenn von einer solchen Absichtserklärung die Rede ist, das ist ihm anzusehen. Ein letter of intent beruhe auf einer gemeinsamen Verabredung, sagt er. Man müsse aber erst wissen, "was die Bürgerinitiative genau will". Die Badenova sei aber bereit, das "Eckpunktepapier" der Stromrebellen nach der Fertigstellung den verbündeten Stadtwerken vorzulegen. Wassmer spricht mit gedämpfter Stimme, als ob das Gesagte nicht in alle Ecken des schicken Vorstandbüros mit seiner breiten Fensterfront dringen sollte. Schließlich ist man mit E.ON derzeit noch in der heiklen Phase der "Gespräche" - nicht einmal von "Verhandlungen" kann man sprechen.

Badenova nimmt Bürgerinitiativen ernst

Wassmer ist Profi, seine Sätze klingen geschäftsmäßig. Einer lautet: "Wenn wir den Kunden näher sein wollen, müssen wir mit ihnen in Dialog treten." Ein anderer: "Bürgerengagement entsteht, wenn Wirtschaft und Politik versagen." Bei der Badenova hat man in den vergangenen Jahren schmerzlich lernen müssen, Bürgerinitiativen ernstzunehmen. Sladeks Elektrizitätswerke etwa haben sich zur ernstzunehmenden Konkurrenz gemausert.

Stadtwerke warten ab

Doch es bleibt Misstrauen. Bei "Energie in Bürgerhand" wird jede Äußerung der Badenova-Oberen in der Presse mit Argusaugen begutachtet. Badenova-Manager Wassmer bezeichnet die Haltung der anderen Stadtwerke-Vertreter als "abwartend". Ein bisschen Angst vor chronischen Unruhestiftern scheint trotz aller geäußerten Sympathie da zu sein - es gebe in "der Szene" immer Leute, die das richtige Ziel mit den falschen Mitteln verfolgen. Die Stromrebellen, die er bislang kennengelernt habe, handelten aber sehr "konstruktiv", fügt er hinzu.

"Bürger brechen Monopole"

Tatsächlich wirkt die Bürgerinitiative so professionell, wie das bei einem Zusammenschluss von Ehrenamtlichen eben möglich ist. Obwohl sie reichlich spontan entstand - auf einem Diskussionsabend, der unter dem Motto "Bürger brechen Monopole" stand. Auch ein Film über die Elektrizitätswerke Schönau wurde gezeigt. Die Diskussion lief heiß - wie genau das Thema der Stadtwerke in die Runde geworfen wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die Interessierten jedenfalls verabredeten sich für später im Foyer auf einen Kaffee.

Fachleute aus verschiedenen Branchen

Inzwischen ist eine Genossenschaft gegründet, die auf Fachleute aus allen möglichen Branchen zurückgreifen kann. Als prominente Vorkämpfer sind Sladek und der Ökoarchitekt Rolf Disch dabei. Dischs "Sonnenschiff", ein mit Solarenergie betriebenes Bürogebäude, dient als Kampfzentrale. Ein Rechtsanwalt, ein Experte für die Gründung von Genossenschaften, Organisationstalent Stickel und der Kommunikationsfachmann Tröger schaffen weite Teile der täglichen Verwaltungsarbeit weg.

Die Aktivisten aus Freiburg

Vielleicht ist so etwas nur in Freiburg möglich, wo sogar die Straßenbahn mit Ökostrom fährt und jeder schon einmal irgendwie politisch aktiv gewesen zu sein scheint. Beya Stickel etwa schaufelte schon nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl eigenhändig den Sand aus den Buddelkisten der Stadt, um die Kinder vor Strahlen zu bewahren. Ihr Mitstreiter Tröger wurde von den Eltern bereits als Siebenjähriger zu Anti-Atomkraft-Protesten mitgenommen.

Am Ende fünf bis zehn Prozent Anteil

Die Frage ist allerdings, was der Einstieg bei der Thüga wirklich bringen kann. Denn im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Energie-Genossenschaften werden die Freiburger, wenn alles gelingt, nicht Herr im Hause werden - im Gegenteil. Ihr Anteil wird sich allenfalls auf fünf oder zehn Prozent belaufen. Einfluss auf die Preispolitik einzelner Unternehmen zu nehmen ist undenkbar - weil auch die Thüga bei den Stadtwerken normalerweise Minderheitsgesellschafter ist.

Die Bürgerinitiative als "nette Geste"

Das Engagement der Bürger sei vor allem eine "nette Geste, die man nur begrüßen sollte", sagt Holger Krawinkel, Energieexperte der Verbraucherzentralen, deshalb. Für ihn ist die eigentliche Revolution, dass sich die Stadtwerke mit dem geplanten Kauf aus dem Schatten der großen Energiekonzerne lösen, "die starke vertikale Verflechtung auf dem Energiemarkt aufbrechen".

Lieber leise Stimme als gar keine

Im Sonnenschiff will man solche Argumente nicht gelten lassen. Die Freiburger Stromrebellen wollen lieber eine leise Stimme am Tisch der Anteilseigner haben als gar keine. Man wolle die Stadtwerker auf gemeinsame ökologische Grundwerte festnageln - und gegebenenfalls auch viel mit öffentlichem Druck arbeiten. Es gehe darum, "Transparenz zu schaffen". Um das Gefühl, "selbst handlungsfähig zu sein", sagt Stickel.

Vielversprechende Investition oder Geld zurück

Die Briefe auf dem Tisch sind ein Indiz dafür, dass es vielen Leuten ähnlich geht. 500 Euro ist die Untergrenze für eine Beteiligung - im Schnitt werden den Bürgerrechtlern pro Zuschrift 6500 Euro zugesagt. "Ein Anrufer sagte mir, es sei ihm lieber, wenn wir das Geld in den Sand setzen, als wenn es Großunternehmen tun", witzelt Energiestreiter Tröger. Wirklich gefährlich ist die Investition freilich nicht. Sollte der Coup gelingen, liegt das Geld in einer ziemlich vielversprechenden Branche. Scheitern die Freiburger, wird alles zurückgezahlt.

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