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Abu Dhabi: Die neue Macht am Golf

Abu Dhabi versus Dubai  

Die neue Macht am Golf

12.04.2010, 13:35 Uhr | Spiegel Online

Abu Dhabi: Die neue Macht am Golf. Die Skyline von Abu Dhabi (Foto: Reuters)

Die Skyline von Abu Dhabi (Foto: Reuters)

In den Vereinigten Arabischen Emiraten gab es bisher eine klare Arbeitsteilung: Dubai stand im Rampenlicht, Abu Dhabi blieb im Schatten. Damit ist jetzt Schluss: Offensiv vermarktet sich das superreiche Öl-Emirat Abu Dhabi als Boomregion mit Öko-Image.

Dubai muss Gelder zurückzahlen

Die Schmach stand Scheich Mohammad Al Maktoum, dem Herrscher Dubais, ins Gesicht geschrieben, als er der Welt den Namen des neuen Wahrzeichen Dubais verkündete. Aus Burdsch Dubai machte er kurzerhand Burdsch Khalifa, benannt nach dem Herrscher Abu Dhabis, Scheich Khalifa Bin Zayed Bin Sultan Al Nahyan. Dieser hatte im vergangenen Jahr seinen Nachbarn vor dem finanziellen Ruin bewahrt: 25 Milliarden Dollar sind in die leeren Kassen Al Maktoums geflossen. Erkauft hatte sich Abu Dhabi den Namen nicht: Das Geld muss Dubai zurückzahlen. Dennoch ist es ein Kniefall der Maktoums und ein deutliches Zeichen, wer in Dubai das Sagen hat.

Erst schillernder Aufstieg, dann Krise

"Die Zeit der Alleingänge ist vorbei", sagt der Golfexperte Belabbes Benkredda. Der 31-Jährige ist seit vier Jahren Medien- und Unternehmensberater in Dubai. Den schillernden Aufstieg hat er miterlebt, die Krise auch. "Es wird sich einiges ändern. Dubai war lange eine Art Staat im Staat, dessen eigenwillige Praktiken von Abu Dhabi allenfalls geduldet wurden", erklärt er. Nachdem sicher ist, dass Dubai auf absehbare Zeit kein Geld auf den internationalen Kreditmärkten bekommen wird, ist es auf das Wohlwollen Abu Dhabis angewiesen.

Abu Dhabi stellt Bedingungen

"Wie jeder Gläubiger stellt Abu Dhabi Bedingungen, an die sich Dubai halten muss," sagt Benkredda. Dabei gehe es zum einen konkret um die Weiterverwendung des Geldes. Zum anderen sichert sich Abu Dhabi mittelbar seinen Einfluss: Dubai müsse sich in Zukunft in vielen Bereichen enger mit dem Nachbarn abstimmen, etwa in der Migrations-, Handels-, Sicherheits- und Finanzpolitik, vor allem aber in der Außenpolitik.

Pro Palästina - oder pro Israel?

Dadurch könnte sich das Verhältnis zu Israel verändern. Die Al Maktoums sind traditionell pro-palästinensisch eingestellt, die Herrscherfamilie in Abu Dhabi orientiert sich stärker an der israelischen Schutzmacht USA. So reiste nur zwei Wochen nach der Einweihung des Burdsch Khalifas zum ersten Mal ein israelisches Kabinettsmitglied, Infrastrukturminister Uzi Landau, in die Emirate.

Schritt aus dem Schatten Dubais

Abu Dhabis Schritt aus dem Schatten Dubais kam nicht plötzlich: Im Jahre 2005 öffnete das Hotel "Emirates Palace" die Tore. Insider munkeln, dass der Glanz des Hotelpalastes Bundeskanzlerin Angela Merkel etwas zu viel war, als sie 2007 an den Persischen Golf fuhr. Wer aber vermuten würde, dass in der Hauptstadt der Emirate ein zweites Dubai entsteht, der täuscht sich. "In Dubai muss sich jeder Quadratzentimeter rentieren und verkauft werden, in Abu Dhabi nicht", erklärt Benkredda.

Nicht nur auf Business ausgerichtet

Die Al Nahyans haben beides: Platz und das nötige Kleingeld für Großprojekte. Bis 2030 soll das Stadtzentrum verschoben werden, das sieht ein Masterplan vor. Noch ist die Skyline an der Küste das Herz der Stadt. Ein neues Zentrum soll nun um die große Scheich-Zayed-Bin-Sultan-Al-Nahyan-Moschee gebaut werden, mit kleinen Parks, Plätzen mit Cafés und Restaurants - typische Orte einer Stadtlandschaft, die sich abheben soll von einer Architektur, die auf das reine Business ausgerichtet ist.

Beide Emirate brauchen einander

Die Machtverschiebung bedeutet aber keinesfalls das Ende Dubais. Im Gegenteil. "Keines der Emirate hat ein Interesse an einer Schwächung Dubais, schon gar nicht Abu Dhabi", sagt Sabine Reindel, Rechtsanwältin in der Kanzlei Rödl & Partner. "Dafür sind die strategischen Ausrichtungen zu unterschiedlich. Beide Emirate brauchen einander." Während Dubai sich als Handels- und Finanzplatz positioniert, investiert Abu Dhabi kräftig in die Verwertung seiner Öl- und Gasressourcen. Mit dem Industriekomplex Chemaweyaat will Abu Dhabi weltweit konkurrenzfähig werden. So sollen das eigene Öl und Gas genutzt werden, um chemische Produkte für den Export zu erzeugen. Ein Schlagwort für die erwünschte Wettbewerbsfähigkeit ist Vernetzung: Reststoffe und Abwärme der einen Fabrikanlage sollen als Grundstoffe und Prozesswärme der nächsten dienen. Bis 2014 soll die erste, zehn Milliarden Dollar teure Anlage entstehen. Mehr als zehn Millionen Tonnen chemische Produkte wollen die Gesellschafter jährlich exportieren. Die Hauptanteilseigner sind mit jeweils 40 Prozent der "Abu Dhabi Investment Council" (ADIC) und die "International Petroleum Investment Company" (IPIC).

Abu Dhabi setzt auf Ökoenergie

IPIC hat schon früher auf sich aufmerksam gemacht: 2008 wurde bekannt, dass das Unternehmen mit 70 Prozent bei der deutschen MAN-Tochter Ferrostaal einsteigt. In diesem Jahr übernimmt es nun auch die restlichen Anteile. Dafür wurden Ferrostaal schon jetzt Projekte für Chemawayaat im Umfang von zwei Milliarden Dollar zugesagt. In den vergangenen Jahren hat sich die Essener Ferrostaal auf den Anlagenbau für die Petrochemie spezialisiert. Somit passt das Unternehmen perfekt ins Portfolio von IPIC. Deutsche Befürchtung, Abu Dhabi werde sich zu sehr in die Firmenpolitik einmischen, haben sich bislang nicht bestätigt: Das Management bleibt in deutscher Hand, die Konzernzentrale in Essen. Mit Ferrostaal kauft sich IPIC aber auch wichtige Technologien für erneuerbare Energien ein.

Prestigeprojekt Masdar City

Denn neben der Chemieindustrie setzt Abu Dhabi vor allem auf Zukunftstechnologien. Ein wichtiger Meilenstein soll das 22 Milliarden schwere Prestigeprojekt Masdar City werden. Ein Land, das förmlich auf dem Öl sitzt, baut nun eine Stadt, die keinen Tropfen davon verwendet: eine Stadt, die komplett ohne Kohlendioxid-Emissionen auskommen soll und als Freihandelszone für technologieorientierte Unternehmen fungiert. Über 1500 Firmen, vornehmlich aus dem Ökologiesektor, sollen sich hier ansiedeln. Als Herzstück der Anlage ist ein Forschungszentrum geplant.

"Die Jungs in Abu Dhabi sind clever"

Masdar City soll, so wünscht es sich die Herrscherfamilie, kein isoliertes Projekt bleiben. "Jede Baustelle steht unter strengen Kontrollen", sagt der Schweizer Kudy Reuteler, der als Bauleiter im Emirat tätig ist. Nicht nur Staubproduktion und Abfälle kontrollieren die Behörden. Noch dieses Frühjahr sollen neue Vorschriften erlassen werden, um den Energieverbrauch zu drosseln. In Zukunft dürfen Häuser nicht mehr als 30 Prozent Glasflächen besitzen. Dies würde alleine den Stromverbrauch für Klimaanlagen um die Hälfte reduzieren. "Die Jungs in Abu Dhabi sind clever. Die machen vieles besser im Vergleich zu den anderen Emiraten", sagt Reuteler anerkennend.

Bonn blieb hinter Abu Dhabi zurück

Als im vergangenen Juli entschieden wurde, den Hauptsitz der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena) nach Abu Dhabi zu vergeben, bekam das Ganze neue Impulse. Das Emirat, das sich mit der Finanzierung der Startkosten von 136 Millionen Dollar sowie der Zusage von jährlichen Förderungen in Höhe von 50 Millionen Dollar den Zuschlag erkauft hatte, stach damit die Stadt Bonn aus. Die Bundesregierung wähnte sich zu sicher und machte nur Zusagen in Höhe von acht Millionen Euro. Eine Enttäuschung für Bonn und den Standort Deutschland, das mit dem Hauptsitz der Irena seine ökologische Führungsrolle unterstreichen wollte.

Öl und Gas stehen im noch im Vordergrund

Ob sich die Staatengemeinschaft mit dem Zuschlag für Abu Dhabi einen Gefallen getan hat, bleibt abzuwarten. Denn die Entwicklung des Marktes für regenerative Energien hängt stark vom politischen Willen ab. Und der tendiert am Golf nach wie vor zur Förderung von Öl und Gas. Die Organisation der arabischen Erdöl-exportierenden Staaten (OAPEC) warnte jüngst davor, dass der Ölpreis destabilisiert würde, wenn Biokraftstoffe und erneuerbare Energien zu stark gefördert werden.

Bis 2020 gerade einmal sieben Prozent Ökostrom

Noch sind die ökologischen Ansprüche auch bescheiden: Bis 2020 sollen in den Emiraten sieben Prozent des Strombedarfs mit regenerativen Energien gedeckt werden. Bislang fehlen auch Konzepte zur intelligenten Stromeinspeisung. Das verhindert, dass Solarenergie konkurrenzfähig wird. Ein großer Absatzmarkt für Solar- und Windkrafttechnik werden die Emirate auf absehbare Zeit wohl nicht werden. Dennoch investierte die staatseigene Investitionsgesellschaft Mubadala in eine eigene Photovoltaikfabrik. Die Tochterfirma MasdarPV eröffnete im vergangenen Jahr ihre erste Produktionsstätte im Solar Valley von Thüringen, in Ichterhausen. In Taweelah bei Abu Dhabi soll bis Ende 2010 eine weitere Fabrik entstehen, doppelt so groß wie die in Thüringen.

EU-Länder bieten gute Exportmöglichkeiten

Auch wenn die heimischen Märkte keinen großen Absatz erwarten lassen, die Länder der Europäischen Union, allen voran Deutschland, bieten gute Exportmöglichkeiten. Dazu entwickeln sich Lateinamerika und die USA zu wichtigen Absatzmärkten für Solartechnik. "In den Vereinigten Staaten entstehen gerade interessante Perspektiven. Der politische Druck, in erneuerbare Energien zu investieren, wird zunehmend größer. Wer sich jetzt auf dem amerikanischen Markt nicht rechtzeitig positioniert, wird keinen Fuß mehr in die Tür bekommen", erklärt Wilhelm Berg, Koordinator der Exportinitiative erneuerbare Energien im Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Abu Dhabi mit seinen traditionell guten Beziehungen in die Vereinigten Staaten sieht hier große Chancen.

Das Emirat muss technologisches Know-how importieren

Insgesamt setzt Abu Dhabi im Gegensatz zu seinem kleineren Nachbarn Dubai für die Zukunft auf den Export von hoch spezialisierten Produkten. Dafür muss das Emirat allerdings weiterhin technologisches Know-how importieren. Hier bieten sich für deutsche Unternehmen exzellente Chancen, im Bausektor, dem Gesundheits- und Versicherungswesen, der Sicherheitstechnik sowie der Telekommunikation. Ende des Jahres wird der erste von zwei Yahsat-Satelliten ins All geschossen. Geliefert werden die Systeme von einem Konsortium der deutschen EADS Astrium und der französischen Thales Alenia Space.

Qualität spielt wesentliche Rolle

Aber nicht immer kommen europäische Unternehmen zum Zuge, wie die französische Atomlobby unlängst erleben musste, als ein Konsortium aus Südkorea den Franzosen einen 20-Milliarden-Deal für den Bau von vier Atomkraftwerken in Abu Dhabi vor der Nase wegschnappte. "Oft ist es eben doch eine Frage des Preises", sagt Sabine Reindel von Rödl & Partner. "Obwohl in Abu Dhabi viel investiert wird, wird ganz genau auf den Preis geachtet. Qualität spielt dabei auch eine wesentliche Rolle. Aber die Preisvorstellungen vieler europäischer, insbesondere deutscher Unternehmen, sind nicht immer wettbewerbsfähig."

Hohe Meinung von deutschen Produkten

Reindel lebt seit zwölf Jahren in Abu Dhabi und begleitete über diesen Zeitraum viele Firmen bei Vertragsverhandlungen mit Emiratis. "Von deutschen Produkten haben die Bürger der Vereinigten Arabischen Emirate eine hohe Meinung, dennoch haben sie oft das Gefühl, man wolle sie übervorteilen." Wer aber ein erstes Geschäft erfolgreich abgeschlossen habe, berichtet Reindel weiter, "der sitzt recht fest im Sattel und kann mit Folgeaufträgen rechnen."

Interessante Zukunftsperspektiven

Experten sind sich deshalb einig: Von Abu Dhabi wird man in der nächsten Zeit noch einiges hören. Und das nicht nur aufgrund der Prestigeobjekte wie der Formel-Eins-Rennbahn, der eigenen Museumsinsel oder dem Bau des neuen Stadtzentrums. Mit seinen Wirtschaftskonzepten bietet das Emirat eine interessante Perspektive für zukunftsorientierte Unternehmen. Allerdings ist noch unklar, wie nachhaltig diese Konzepte sind und ob sie sich auch betriebswirtschaftlich rentieren - oder nur durch Petrodollars finanziert werden können.

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