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Atom-Hickhack: Was es die Stromkunden kostet

Atom-Hickhack: Was es die Stromkunden kostet

24.03.2011, 12:21 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Atom-Hickhack: Was es die Stromkunden kostet. Wie teuer wird der Atomausstieg für die Stromkunden? (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Wie teuer wird der Atomausstieg für energieintensive Branchen (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Die Bundesregierung hat sieben Atomkraftwerke vorläufig abgeschaltet, scheint aber nicht zu wissen, ob das Folgen für die Endverbraucher hat: Die Kanzlerin warnt vor steigenden Preisen - andere Politiker widersprechen. Was stimmt denn nun? Eine Bestandsaufnahme.

Politiker haben sich in den vergangenen Tagen widersprüchlich geäußert. "Tendenziell bedeutet jede Verknappung natürlich auch, dass das auf den Preis einen Einfluss haben kann", sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vergangene Woche. Die Verbraucherministerin zeigt sich kritischer: "Die Energieversorger dürfen die vorübergehende Abschaltung älterer Kernkraftwerke in Deutschland nicht zum Vorwand nehmen, jetzt gleich wieder die nächste Preiserhöhung einzuleiten", sagte Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch. Endverbraucher fragen sich zu Recht: Was stimmt denn nun?

Tobias Federico, Energieanalyst bei der Beratungsfirma Energy Brainpool, hat die neuesten Entwicklungen an den Strombörsen genau untersucht. Auf "Spiegel Online" erklärt er Schritt für Schritt, wie sich der Strompreis zusammensetzt - und welche Auswirkungen die aktuelle Politik für den Ottonormal-Stromkunden hat.

Warum steigt der Strompreis, wenn man AKW abschaltet?

"Die Antwort ist einfach", sagt Federico. "Der Strom muss ja irgendwo herkommen." Der Energieexperte Wolfgang Pfaffenberger von der Jacobs University Bremen schätzt, dass durch die sieben Altmeiler, die für Sicherheitschecks vom Netz genommen wurden, in den kommenden drei Monaten rund elf Terawattstunden (TWh) Strom wegfallen. Das entspricht in etwa dem Jahresverbrauch von 2,75 Millionen Vierpersonenhaushalten.

Diese Strommenge muss nun durch bestehende Kraftwerke ersetzt werden. Denn die Energiekonzerne haben sich in Verträgen verpflichtet, die Energie zu liefern - egal wie.

Den Großteil der Lücke müssen Kohle- und Gaskraftwerke ausgleichen. Genug Kapazitäten sind da - allerdings steigt die Rohstoffnachfrage. Das treibt die Preise für Kohle und Gas in die Höhe; da Kohle- und Gaskraftwerke weit mehr Kohlendioxid ausstoßen als Atommeiler, müssen die Betreiber zudem mehr CO2-Zertifikate kaufen, um die EU-Klimabestimmungen zu erfüllen.

Wie stark sind die Rohstoffpreise gestiegen?

Die Ankündigung der Bundesregierung, sieben Alt-AKW bis Juni abzuschalten, hat auf die entsprechenden Preise deutliche Effekte:

Der Kohlepreis für Europa stieg binnen einer Woche von rund 122 auf 133 Dollar pro Tonne. Der Gaspreis für Deutschland stieg von rund 25 auf 27 Euro pro Megawattstunde. Die Kosten von EU-Emissionszertifikaten stiegen binnen einer Woche um rund einen Euro auf zuletzt 17,60 Euro pro Tonne.

Die steigenden Kosten schlagen mittel- und langfristig auf den Strompreis durch. "Es dauert gewöhnlich nur einige Stunden, manchmal Tage, bis die Börsen veränderte Rahmenbedingungen eingepreist haben", sagt Federico. "Die Kosten des dreimonatigen Altmeiler-Stopps sind also schon jetzt erkennbar."

Was bedeutet das für den Strommarktpreis?

Der Preisanstieg bei den Rohstoffen schlägt sich zunächst im Großhandelspreis nieder - also im Preis, zu dem Versorger sogenannte Stromkontrakte kaufen. Durch diese erwerben sie das Recht, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Strom geliefert zu bekommen. Der Preis dieser Stromkontrakte hängt von den Erzeugungskosten der Kraftwerke ab, insbesondere bei Steinkohle- und Erdgaskraftwerken.

Wenn der Steinkohlepreis um zehn Dollar pro Tonne steigt, wird die Megawattstunde Strom rund einen Euro teurer. Bei einem modernen Kohlekraftwerk bedeutet das eine Preissteigerung von 2,60 Euro pro Megawattstunde.

Erdgaskraftwerke bestimmen den Strompreis der sogenannten Spitzenlast - also nur von jedem Strom, den Kraftwerke bereitstellen, wenn besonders viel Strom nachgefragt wird. Der Preiseffekt wirkt sich nur zu gut einem Viertel auf den Strommarktpreis aus. Steigt der Erdgaspreis um zwei Euro pro Megawattstunde, steigen die Stromproduktionskosten eines modernen Erdgaskraftwerks um 3,57 Euro pro Megawattsunde, dies wirkt sich zu 80 Cent pro Megawattstunde auf den Strommarktpreis aus.

Bei CO2-Zertifikaten schlägt sich ungefähr die Hälfte der Preisanstiegs auf den Großhandelspreis nieder. Bei einem Euro Preisplus wären das 50 Cent pro Megawattstunde.

Alle genannten Effekte zusammen erhöhen den Strommarktpreis also um rund vier Euro pro Megawattstunde.

An der Strombörse sind die Effekte sichtbar. Kurz vor Verkündung des Moratoriums für die sieben Altmeiler lag der Preis von Stromkontrakten für 2012 (Phelix Future) bei 53 Euro pro Megawattstunde, inzwischen sind es knapp 58 Euro. "Die angenommenen Effekte sind also schon eingepreist", sagt Federico. "Hinzu kommt ein kleiner Nervositätsaufschlag."

Und was zahlt der Endverbraucher?

Fragt sich: Was heißt das? Bedeutet der Preissprung, dass Strom bald noch teurer wird? Die Antwort ist ein klares Nein. Für den Endverbraucher halten sich die Effekte zunächst stark in Grenzen.

"Das dreimonatige Moratorium wird den Endkundenpreis kaum beeinträchtigen", sagt Federico. Denn den Strom, den Haushalte 2012 beziehen, kaufen viele Versorger über drei Jahre hinweg ein - jedes Quartal erwerben sie ein Zwölftel der Gesamtmenge, die sie 2012 benötigen.

Das bedeutet: Wenn es bei dem dreimonatigen Moratorium bleibt, haben die Versorger nur in einem von zwölf Quartalen Strom zu einem höheren Großhandelspreis eingekauft. 2009 und 2010, in den acht vorigen Quartalen haben sie Stromkontrakte deutlich günstiger erworben. Der Effekt auf den Endverbraucherpreis wäre gleich null.

Was, wenn die Altmeiler für immer abgeschaltet bleiben?

Bleiben die sieben Altmeiler allerdings für immer abgeschaltet, würden die Großhandelspreise wohl auch in den kommenden Quartalen höher sein. Das würde sich später auch im Portemonnaie der Endverbraucher bemerkbar machen.

Der Großhandelspreis macht derzeit rund 29 Prozent des Endkundenpreises aus. Steigt der Großhandelspreis, fällt zudem die 19-prozentige Mehrwertsteuer, die darauf erhoben wird, entsprechend höher aus.

Als Faustregel lässt sich laut Federico sagen: Steigt der Großhandelspreis 2011 insgesamt um zwölf Prozent, steigen die Kosten für den Endverbraucher im kommenden Jahr voraussichtlich um 1,3 Prozent. Würde der aktuelle Preiseffekt drei Jahre anhalten, dürfte Strom für Endkunden rund vier Prozent teurer werden.

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