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Gaskraftwerke verzweifelt gesucht

Gaskraftwerke verzweifelt gesucht

17.06.2011, 15:42 Uhr | dpa-AFX, dpa-AFX

Gaskraftwerke verzweifelt gesucht. Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Irsching 5 (Foto: dpa)

Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Irsching 5 (Foto: dpa)

Der Energiewende droht das erste große Hindernis: Es fehlt nach dpa-Recherchen an willigen Investoren für die fest eingeplanten neuen Gaskraftwerke. Die großen Energiekonzerne winken ab, und für viele kommunale Stadtwerke ist das wirtschaftliche Risiko eines neuen Gaskraftwerks derzeit nicht kalkulierbar. Paradebeispiel ist Bayern, das Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zum Vorreiter der Energiewende machen will.

Bayern muss Strom von fünf AKW ersetzen

Das Münchner Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass im Freistaat Gaskraftwerke mit einer Kapazität von 3000 bis 4000 Megawatt neu gebaut werden müssten, um die Stilllegung der fünf bayerischen Atomkraftwerke entstehen wird. Diese 3000 bis 4000 Megawatt Ersatzkapazität sind nicht in Sicht.

Seehofer malt die geplante Energiewende in den schönsten Farben: Der Strom soll grüner werden, bestimmt nicht teurer und möglicherweise sogar billiger. Vier bayerische Atomkraftwerke sind derzeit noch in Betrieb. Die Hälfte ihrer Stromproduktion will Seehofer durch erneuerbare Energien ersetzen, die andere Hälfte sollen zwei bis vier neue Gaskraftwerke beisteuern. "Wenn wir das nicht zustande bringen, wären wir kein hochindustrialisiertes Land, sondern ein Nachtwächterstaat", sagte Seehofer.

Nur zwei Gaskraftwerk in Sicht

Derzeit sind in Bayern zwei neue Gaskraftwerke in Sicht, die aber die prophezeite Stromlücke nicht schließen werden: Im oberbayerischen Irsching soll im Sommer ein neuer Block mit einer Leistung von 555 Megawatt ans Netz gehen. Bis 2015 will der österreichische Konzern OMV im oberbayerischen Haiming - ganz in der Nähe des päpstlichen Geburtsorts Marktl - ein Gaskraftwerk mit 800 Megawatt in Betrieb nehmen.

Daneben planen die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SMU) derzeit ein neues Gaskraftwerk auf dem Gelände eines alten Fliegerhorsts im schwäbischen Leipheim. Doch das Leipheimer Projekt ist noch ganz im Anfangsstadium. "Ob das tatsächlich realisiert wird, hängt davon ab, ob sich das auch wirtschaftlich rechnet", sagt Sprecher Bernd Jünke. Die Wirtschaftlichkeitsprognose für Leipheim aber steht noch aus.

Versorger zögern mit Bau von neuen Kraftwerken

Doch unter den derzeitigen Bedingungen ist völlig unklar, ob ein Gaskraftwerk nicht ein teures Verlustgeschäft wird. "Wir arbeiten momentan an keinen weiteren Plänen für neue Gaskraftwerke", sagt E.ON-Sprecher Christian Orschler. E.ON will auch ein angedachtes neues Kraftwerk im niederbayerischen Pleinting - einem Ortsteil von Vilshofen - nicht bauen. "Beim heutigen Stand sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass das wirtschaftlich nicht darstellbar ist", sagt der Unternehmenssprecher dazu.

Die Konkurrenz von RWE wahrt Stillschweigen - doch Branchenkreise sagen, dass auch der Essener Konzern kein Interesse am Bau neuer Gaskraftwerke in Deutschland hat. "Mit Gaskraftwerken verdient man in Deutschland derzeit oft nur noch in den Wintermonaten zwischen 17 und 20 Uhr Geld", klagte RWE-Chef Jürgen Großmann im Frühjahr. Auch bei den Augsburger Lechwerken - einer wirtschaftlich selbstständigen RWE-Tochter - heißt es: "Wir planen aktuell keine Gaskraftwerke." Auch hier das gleiche Argument: Es sei unklar, wie sich Gaskraftwerke rechnen sollten, sagt Sprecher Ingo Butters.

Hohe Investitionen erforderlich

Denn der Rohstoff Gas ist im Einkauf teuer, der Bau eines Gaskraftwerks kostet eine hohe dreistellige Millionensumme. Verkaufen lässt sich teurer Gasstrom hauptsächlich im Winter und zu Spitzenzeiten morgens, mittags und am frühen Abend, wenn der Verbrauch am höchsten ist. Nach den Vorstellungen der Bundesregierung sollen Gaskraftwerke hauptsächlich diese Spitzenlasten abdecken. Doch an diesem Punkt kommen die erneuerbaren Energien den Gaskraftwerken ins Gehege: Öko-Strom hat Vorrang, und genau zur Mittagszeit scheint auch die Sonne am stärksten. Die Energieversorger fürchten deshalb, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien ihnen die Gaskalkulation verhagelt.

Wenn die großen Stromkonzerne absagen, kommen noch kommunale Stadtwerke als Betreiber in Frage. Doch für einzelne Stadtwerke ist der Bau eines neuen Gaskraftwerks viel zu teuer, weswegen sich die kommunalen Unternehmen zusammenschließen. Größter Zusammenschluss ist die Thüga-Gruppe. An der Thüga sind deutschlandweit 90 Stadtwerke beteiligt, darunter die Nürnberger N-Ergie. Die Thüga sucht zwar in Bayern nach einem Standort für ein künftiges Gaskraftwerk - doch rechnen würde sich das nach derzeitigem Stand nicht. "Gaskraftwerke brauchen wirtschaftliche Rahmenbedingungen, aber die sind derzeit nicht gegeben", sagt Thüga-Sprecher Christoph Kahlen in München.

Thüga fordert Subventionen

Die Thüga fordert deshalb Zuschüsse des Bundes. Weil ungewiss ist, wieviel Strom Gaskraftwerke in der Zukunft überhaupt noch produzieren können, soll der Staat eine Art Bereitschaftszulage an die Betreiber zahlen. Faktisch müssten die deutschen Steuerzahler dafür aufkommen, dass das Gaskraftwerk existiert - auch wenn dort die meiste Zeit des Jahres gar kein Strom produziert wird. Für den Betreiber seien die hohen Baukosten "nur dann kalkulierbar, wenn er - ähnlich wie bei einem Monteur in der Bereitschaftszeit - auch für die Bereitschaftszeit des Kraftwerkes entlohnt wird, unabhängig davon, ob das Kraftwerk aus der Bereitschaft gerufen wird und Strom erzeugt oder nicht", argumentiert Thüga-Sprecher Kahlen.

All das bedeutet: Die Aussichten für den Bau neuer Gaskraftwerke sind sehr ungewiss. Dem bisherigen Stromexportland Bayern droht in einigen Jahren der Verlust seiner Eigenständigkeit in der Energieversorgung. Und das Versprechen stabiler Strompreise hält die gesamte Branche für absurd.

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