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Care Energy: Branchenkrieg um Strom-Discounter

Care Energy: Branchenkrieg um Strom-Discounter

16.05.2013, 18:31 Uhr | Spiegel Online

Der Stromdiscounter Care Energy hat binnen anderthalb Jahren 250.000 Kunden gewonnen. Firmenchef Kristek geriert sich als sozialer Wohltäter. Doch nun wachsen die Zweifel am Geschäftsmodell der Firma - und ein Konkurrent schürt die Angst, dass Care-Kunden bald im Dunkeln sitzen.

Ökostrom zum günstigen Preis

Martin Richard Kristek, 41, inszeniert sich gern als Verfechter fairer Verbraucherpreise - und als Öko-Visionär. Der österreichische Unternehmer ist Gründer, Eigentümer und Geschäftsführer eines Hamburger Firmengeflechts, das unter der Dachmarke Care Energy günstig Strom verkauft. 19,90 Cent kostet bei Care Energy die Kilowattstunde, damit unterbietet er die Konkurrenz im Schnitt um 40 Prozent. Der Anbieter liefert nach eigenen Angaben 100-prozentigen Ökostrom.

Grün und günstig, mit dieser Strategie brachte es Care Energy laut Firmen-Website seit Ende 2011 auf "252.143 zufriedene Kunden (Stand 15. Mai)" - darunter nach Unternehmensangaben auch besonders Bedürftige. Ende März kündigte Care Energy an, man wolle rund 300 Haushalte wieder ans Netz bringen, denen die Flensburger Stadtwerke mangels Bezahlung den Saft abgedreht hatten.

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Beim Billiganbieter menschelt es

"Für Energie werden Kriege geführt", sagte Kristek bei einer Pressekonferenz am Mittwoch im feinen Hyatt-Hotel in der Hamburger Innenstadt. Er wolle in den Markt "die Menschlichkeit wieder reinbringen". Mit seinem Strom wolle er "nicht unbedingt Geld verdienen". Und wenn, dann "auf sympathische Weise".

Doch nun mehren sich Zweifel an Kristeks Geschäftsmodell. Kunden des Anbieters stellen im Internet nervöse Fragen, und am Markt werden die Care-Energy-Firmen misstrauisch beäugt. Die Bundesnetzagentur eröffnete ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Anbieter, die Übertragungsnetzbetreiber Amprion, 50 Hertz und Tennet verklagten die Care-Energy-Gruppe wegen strittiger Zahlungsforderungen. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen mahnte den Anbieter wegen Intransparenz ab.

Kunden bald ganz ohne Strom?

Dazu schießt die Konkurrenz gegen den Emporkömmling aus Hamburg: Ein großer Energieversorger hat zwei Rechtsgutachten erstellt, denen zufolge Care-Energy-Kunden schlimmstenfalls für eine Weile ganz ohne Stromversorgung enden könnten. Der Versorger streut diese Gutachten inzwischen in Redaktionen, möchte aber nicht als Absender genannt werden.

Das Geschäftsmodell von Care Energy ist gewagt. Der Anbieter beziffert seine Gesamtkosten für Strom auf seiner Website im Schnitt auf 19,84 Cent die Kilowattstunde, inklusive aller Steuern und Abgaben. Er verkauft den Strom nach eigenen Angaben mit einem Aufschlag von gerade mal 0,06 Cent weiter. Verdient werde vor allem an der Grundgebühr von monatlich 6,99 Euro. Bei 250.000 Kunden könnte Care Energy so rein rechnerisch jeden Monat rund 1,75 Millionen Euro Gewinn machen.

Magere Gewinnen sollen Kosten decken

Die dünne Gewinnmarge reicht nach Darstellung des Unternehmens, um alle weiteren Kosten zu decken: Gehälter und Betriebskosten, Marketing und Werbung, dazu die Provisionen für 8421 freischaffende Vertriebler. Wie hoch deren Provision ist, sagt Kristek nicht. Er betont aber, sein Geschäftsmodell sei "voll kostendeckend". Ob dem tatsächlich so ist, lässt sich nicht nachprüfen, weil mehrere Firmen der Unternehmensgruppe ihre Bilanzen nicht vollständig veröffentlicht haben. Das Bundesamt für Justiz hat deshalb ein Ordnungsgeldverfahren eingeleitet.

Risikoreiche Kalkulation

Branchenexperten hinterfragen das Geschäftsmodell vor allem in zwei Punkten:

- Seinen Beschaffungspreis für Strom beziffert Care Energy auf 38 Euro pro Megawattstunde. Das ist sportlich kalkuliert. Im vergangenen Jahr lag der Referenzpreis an der Strombörse EEX im Schnitt bei rund 42,60 Euro. Seitdem sind die Preise weiter gesunken, unter anderem weil die Industrie weniger Strom nachfragt und die Preise für CO2-Zertifikate gefallen sind. "38 Euro sind machbar", sagt Tobias Federico vom Fachdienst Energy Brainpool, ein langjähriger Betrachter der Strommarkts. "Doch die Strategie birgt ein großes Risiko."

- Care Energy gibt an, statt der üblichen Umlage für Erneuerbare Energien von 5,27 Cent die Kilowattstunde nur 2 Cent zu zahlen. Der Anbieter beruft sich auf das sogenannte Grünstromprivileg. Dieses besagt, dass Ökostrom-Lieferanten nur 3,27 Cent Umlage zahlen müssen. Wie er die EEG-Umlage noch weiter drücken will, führt Kristek nicht konkret aus. Auf der Pressekonferenz nennt er als Beispiel den Eigenverbrauch von Solaranlagen, die Care Energy betreibt und bei denen die EEG-Umlage ganz entfällt. Auf Nachfrage teilt der Anbieter jedoch schriftlich mit, dass er erst "mehrere hundert Module" installiert hat und keines davon bislang am Netz ist.

Sparkurs in der Kritik

Experten vermuten, dass die Firma die Kosten mit ganz anderen Methoden drückt. So gibt es derzeit Streit mit drei der vier Übertragungsnetzbetreiber. Amprion, Tennet und 50 Hertz haben eine der Care-Energy-Firmen - die mk-energy Ihr Energieversorger GmbH & Co. KG - verklagt, weil sie für einen längeren Zeitraum überhaupt keine EEG-Umlage mehr gezahlt habe.

Nach Informationen von "Spiegel Online" stellte die mk-energy bei den Übertragungsnetzbetreibern im Herbst 2012 die Zahlung der EEG-Umlage ein. Nach Ablauf des Mahnverfahrens verklagten die Netzbetreiber die mk-energy auf Nachzahlung. Im Frühjahr 2013 beantragte ein Anwalt im Namen der mk-energy, die Klage abzuweisen. Den Klägern stehe "kein Anspruch auf die in Rechnung gestellten Beträge zu", teilte er mit.

Fragwürdiges Firmenkonstrukt

Die Konstruktion, mit der der Anwalt dies begründet, funktioniert wie folgt: Der Kunde schließt mit einer Firma namens mk-power Ihr Energiedienstleister GmbH & Co. KG einen Energiedienstleistungsvertrag ab. In diesem erteilt er zwei Vollmachten.

Durch die eine wird die Firma mk-grid Ihr Netzbetrieb GmbH & Co. KG mit dem Betrieb seines Hausnetzes beauftragt. Dies beinhalte "die Umwandlung des Stroms in Nutzenergie". Sprich: in Wärme, Kälte oder Licht. Durch die andere Vollmacht wird die mk-energy mit der Beschaffung und Lieferung von Ökostrom beauftragt. Im Klartext: Zwischen dem Endkunden und dem Versorger mk-energy wird nach Darstellung des Anwalts ein Netzbetreiber geschaltet, der den gelieferten Strom nicht verbraucht.

Firmen-Aufteilung ist nur Formsache

Die Aufteilung der Firmen findet praktisch nur auf dem Papier statt. Alle drei Unternehmen haben dieselbe Firmenadresse, wurden am selben Tag gegründet und gehören zu 100 Prozent der mk-group Holding, deren alleiniger Besitzer laut den im Handelsregister verfügbaren Einträgen Martin Kristek ist.

Der Care-Energy-Anwalt begründet seinen Antrag zur Abweisung der Klage mit der eigenwilligen Firmenkonstruktion. Einziger Kunde des Stromlieferanten mk-energy sei die mk-grid, heißt es in seinem Schreiben - "ein Netzbetrieb und kein Letztverbraucher". Laut Paragraf 37, Absatz 2 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes müsse aber nur der Letztverbraucher EEG-Umlage zahlen.

EEG-Umlage zurückgefordert

Die Netzbetreiber erreichte zudem eine Gegenklage, in der die mk-energy die bereits gezahlte EEG-Umlage von Anfang bis Herbst 2012 zurückfordert. Die Zahlung beruhe auf einem Versehen, heißt es zur Begründung. "Ein nicht mehr für die Firma tätiger Mitarbeiter hat versehentlich die Zahlung angewiesen." Die mk-energy erhielt den kompletten Betrag zurück - plus acht Prozent Zinsen.

Auf der Pressekonferenz am Mittwoch verwehrte sich Kristek gegen den Vorwurf, er wolle sich um die EEG-Umlage drücken. Er räumte allerdings ein, dass die mk-energy den drei klagenden Netzbetreibern tatsächlich Zahlungen vorenthalte. Seine Begründung: Die Netzbetreiber verlangten fälschlicherweise die volle EEG-Umlage, ohne Grünstrom-Vergünstigung. Er wolle erst zahlen, wenn die Netzbetreiber ihre Rechnung korrigiert hätten.

Streit um Grünstromprivileg vorgeschoben?

Auch das ist widersprüchlich. Nach "Spiegel Online"-Informationen ist in der Klageerwiderung des Care-Energy-Anwalts von einem Grünstromprivileg nie die Rede. Es geht immer um die volle EEG-Umlage. Zudem hat mk-energy bislang bei den Netzbetreibern nicht den Nachweis erbracht, dass sie wirklich Ökostrom bezieht. Dieser wäre aber Voraussetzung, um in den Genuss des Grünstromprivilegs zu kommen.

Bei der Bundesnetzagentur hat sich ebenfalls keine Firma der Care-Energy-Gruppe registriert. Die Behörde leitete deshalb ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein. "Es besteht der Verdacht, dass Care Energy durch eine eigenwillige Rechtsauslegung versucht, die Anzeigepflicht nach Paragraph 5 des Energiewirtschaftsgesetzes zu umgehen und sich damit auch der Pflicht zur Zahlung der EEG-Umlage zu entziehen", sagte Renate Hichert, Sprecherin der Bundesnetzagentur, dem "Handelsblatt".

Chef prangert "Schmutzkübelkampagne" an

Kristek sieht hinter den Vorwürfen eine Verschwörung. Er spricht von "staatsnahen Medien", die gegen ihn "Front machen". Von "Machenschaften der Politik, die die Energiewende ausbremsen sollen". Auf der Facebook-Seite von Care Energy moniert er eine "Schmutzkübelkampagne" und gibt sich kämpferisch.

"Der Krieg hat begonnen", schreibt er - und verspricht seinen Fans: "Ich kämpfe für Euch so lange bis ich 'tot' am Boden liege." Gegen die Netzagentur-Sprecherin Hichert prüft das Unternehmen juristische Schritte. Ebenso gegen alle Medien, die ihre Aussagen verbreiten.

Widersprüche schüren Skepsis

Was bleibt, sind viele Widersprüche: Die Discount-Strategie von Care Energy scheint nur zu funktionieren, wenn die Firmengruppe wenig oder gar keine EEG-Umlage zahlt. Intern streitet die Unternehmensgruppe mit drei Netzbetreibern um den kompletten Erlass der Zahlungen. Vor der Presse sagt Kristek, es gehe ihm nur um Erstattung des Grünstromprivilegs. Hierfür ist Care Energy aber bislang den Nachweis schuldig geblieben.

Es besteht also das Risiko, dass die Care-Energy-Gruppe bald die EEG-Umlage in Höhe von mehreren Millionen Euro nachzahlen muss. Ob die Firma das mit ihrem auf Kante genähten Geschäftsmodell könnte, ist unklar. Für die "252.143 zufriedenen Kunden" von Care Energy wäre all das schon verunsichernd genug. Nun nutzt zu allem Überfluss auch noch ein Großversorger die Gunst der Stunde, um den unliebsamen Wettbewerber zu attackieren.

Im Notfall keine Grundversorgung?

"Sollte es zu einer Insolvenz der Care-Energy-Gruppe kommen", könnten Verbraucher "zeitweise ohne Stromversorgung enden", heißt es in einem Rechtsgutachten, das "Spiegel Online" vorliegt. Bei normalen Lieferverträgen springt stets der Grundversorger ein, wenn der Anbieter des Privatkunden pleitegeht. Bei Care Energy könnte das anders sein, weil Kunden ihren Anschluss einer Firma der Gruppe überließen, heißt es in dem Rechtsgutachten.

Care Energy weist dies zurück. "Der Kunde bleibt beim Netzbetreiber als Besitzer des Zählers registriert", teilt der Anbieter mit. "Deshalb gäbe es im Insolvenzfall auch keine Probleme mit dem Übergang in die Grundversorgung." Immerhin in diesem Punkt können sich die Kunden von Care Energy vermutlich wirklich entspannen.

Denn so undurchsichtig die rechtliche Lage auch wirkt - es ist schwer vorstellbar, dass bei ehemaligen Care-Energy-Kunden plötzlich ein Techniker vor der Tür steht, der im Keller die Sicherung herausdreht und an ihrer Statt eine Plombe hineinsteckt. Der Strom dürfte im Zweifelsfall also weiter fließen, die genaue Rechtslage notfalls später geklärt werden - und der Grundversorger sich über Kundenzuwachs freuen.

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