Sie sind hier: Home > Finanzen > Immobilien > Energie >

Ukraine-Krise: Russischer Gasboykott würde Europas Pipelines überlasten

Ukraine-Krise  

Russischer Gasboykott würde Europas Pipelines überlasten

28.10.2014, 19:43 Uhr | von Stefan Schultz, Spiegel Online

 Ukraine-Krise: Russischer Gasboykott würde Europas Pipelines überlasten. Gaspipeline in Tschechien: Weniger Gas aus Russland würde Europa stark belasten (Quelle: Reuters)

Gaspipeline in Tschechien: Weniger Gas aus Russland würde Europa stark belasten (Quelle: Reuters)

Wie gefährlich wird der Gasstreit zwischen Kiew und Moskau für Europa? Laut einer Studie, die "Spiegel Online" vorliegt, wäre das Pipelinenetz der EU bei einem russischen Lieferstopp überfordert.

Die Erwartungen an das Treffen sind gewaltig. Ein letztes Mal will der scheidende EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch mit den Energieministern Russlands und der Ukraine um eine Lösung im Gasstreit feilschen. Seit Mitte Juni verhandeln die Minister Alexander Nowak (Russland) und Juri Prodan (Ukraine) nun schon darüber, zu welchem Preis Russland die Ukraine künftig beliefern soll und wann Kiew endlich seine milliardenschwere Gasrechnung beim Kreml begleicht.

Die Hoffnung ist groß, dass sich die Streithähne nun endlich einigen, notfalls indem europäische Banken oder die EU-Kommission Geld zuschießen. Für Oettinger ist es die letzte Chance, den Streit noch in seiner Amtszeit zu schlichten; am 1. November übernimmt die neue EU-Kommission von Jean-Claude Juncker, Oettinger ist dann für Digitales zuständig. Und in der Ukraine rückt der Winter näher; die Temperaturen liegen schon jetzt in einigen Regionen nur noch wenige Grad über Null.

An einer weiteren Eskalation des Konflikts kann Europa kein Interesse haben. Denn wird der Rohstoff in der Ukraine erst knapp, dürfte sich das Land bald aus den Pipelines bedienen, die große Mengen Gas durch die Ukraine in die EU leiten. Schon jetzt helfen einige EU-Länder der Ukraine mit Gas aus, die Russen drohen deshalb, ihre Lieferungen in diese Länder zu drosseln.

Die EU selbst sieht sich für diesen Ernstfall gerüstet. Selbst wenn Russland seine Gaslieferungen nach Europa in den kommenden sechs Monaten komplett einstellen würde, "müsste kein EU-Bürger frieren", sagte Oettinger kürzlich. Voraussetzung sei ein offener europäischer Binnenmarkt.

Milliardenschwere Investitionen für Unabhängigkeit nötig

Doch das ist Augenwischerei. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass es derzeit kaum möglich wäre, die fehlenden Lieferungen aus Russland komplett zu kompensieren. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) etwa schätzt, dass Europa bei einem sechsmonatigen Lieferstopp bis zu 118 Milliarden Kubikmeter sogenanntes Flüssiggas importieren müsste. Der Rohstoff wird dabei auf minus 164 Grad gekühlt und per Tanker in alle Welt exportiert. Dass sich solch gewaltige Mengen zu vertretbaren Preisen einkaufen lassen, halten die EWI-Experten für enorm unrealistisch.

Hinzu kommt: Selbst wenn sich so viel Flüssiggas auftreiben ließe, hätte Europa laut EWI gar nicht die Infrastruktur, um den Rohstoff schnell genug in die einzelnen EU-Länder zu verteilen (siehe Grafiken). Wenn Europa über sechs Monate auf russisches Erdgas verzichten müsste, wäre das europäische Pipelinenetz rasch überlastet, heißt es in einer Analyse, die die Forscher für "Spiegel Online" erstellt haben.

Die Kapazitäten würden beispielsweise an der Grenze zwischen Österreich und Italien nicht reichen, sagt EWI-Energieexperte Harald Hecking. "Außerdem müssten die Flüssiggasterminals in Griechenland und der Türkei deutlich erweitert werden, um Südosteuropa zu versorgen." Auch an einem deutsch-polnischen Grenzübergang würde es bei einem langen Lieferstopp und einem kalten Winter zu Engpässen kommen.

Milliarden für neue Infrastruktur nötig

Würde die EU wirklich ohne russisches Gas auskommen wollen, müsste sie erst in neue Infrastruktur investieren. Allein für den Ausbau der Flüssiggasterminals wären Brancheninsidern zufolge Investitionen von zwei bis drei Milliarden Euro nötig, hinzu kämen Ausgaben für neue Gasspeicher in geschätzter Höhe von drei bis vier Milliarden Euro sowie nicht näher bezifferte Investitionen in neue Pipelines, Verdichterstationen und höhere Kapazitäten an Grenzübergängen.

Technisch möglich wäre all das - aber nicht mehr im kommenden Winter. Selbst wenn Geld keine Rolle spielen würde, ließe sich die zusätzliche Infrastruktur nicht mehr schnell genug bauen, um Europas Verhandlungsposition im Gasstreit zu stärken.

Fazit: Europa ist im aktuellen Gasstreit gleich doppelt erpressbar. Einerseits, weil man den EU-Schützling und Nato-Anwärter Ukraine politisch nicht seinem Schicksal überlassen will; andererseits, weil man selbst auf einen russischen Lieferstopp unzureichend vorbereitet ist.

Entsprechend hoch ist das Interesse der Europäer am Mittwoch, einen Kompromiss zwischen Kiew und Moskau auszuhandeln. Notfalls wohl auch, indem man der Ukraine mit neuen Krediten hilft, ihre Gasschulden zu zahlen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Gas-Rechner
AnzeigeGaspreisvergleich
Gaspreise vergleichen

Jetzt Gaspreise vergleichen und Geld sparen


Jobsuche

Anzeige
 

Gas-Rechner
AnzeigeGaspreisvergleich
Gaspreise vergleichen

Jetzt Gaspreise vergleichen und Geld sparen


Mehr zum Thema
Sie sind hier: Home > Finanzen > Immobilien > Energie

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
  • giga.de
  • desired.de
  • kino.de
  • Statista
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Magenta TV
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Magenta Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe
© Ströer Digital Publishing GmbH 2019