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Patienten verzweifeln an privater Krankenversicherung

Patienten verzweifeln an privater Versicherung

25.06.2012, 12:38 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Patienten verzweifeln an privater Krankenversicherung. Tarifwechsel in der PKV bereiten den Kunden oft Zahnschmerzen (Quelle: dapd)

Tarifwechsel in der PKV bereiten den Kunden oft Zahnschmerzen (Quelle: dapd)

Die private Krankenversicherung (PKV) wird immer teurer, für Millionen Menschen steigen die Beiträge. Mit einem Wechsel in andere Tarife könnte man Hunderte Euro pro Monat sparen, doch die Unternehmen blockieren: Kunden werden hingehalten, falsch informiert - und oft verängstigt.

Es gab Zeiten, da war Michael Firsching mit seiner Krankenkasse zufrieden. Gute Versorgung, Extraleistungen wie Einbettzimmer im Krankenhaus - und das für relativ niedrige Beiträge. Mehr als 50 Jahre ist der Historiker aus Berlin beim zweitgrößten Anbieter in der privaten Krankenversicherung versichert, der DKV. Doch im vergangenen Sommer änderte sich das Verhältnis. Firsching lernte seine Kasse von einer anderen, unangenehmen Seite kennen. Die Versicherung machte ihm den Wechsel in einen günstigeren Tarif sehr schwer.

Erste Anfrage an die Versicherung

Der Ärger beginnt mit einer harmlosen Anfrage. Der Monatsbeitrag des Berliners ist mittlerweile auf 600 Euro gestiegen. Im August schreibt Firsching seiner Versicherung, bittet sie, ihm ein Angebot mit einem günstigeren Tarif zu machen - bei möglichst gleichbleibenden Leistungen. Vor allem das Einzelzimmer in der Klinik möchte er gern behalten.

Firsching hat - wie jeder Privatversicherte - einen Anspruch auf solche Änderungen. Ein Tarifwechsel "mit gleichartigem Versicherungsschutz" steht seit 1994 im Versicherungsvertragsgesetz, Paragraf 204. Doch so einfach, wie Firsching sich das gedacht hatte, geht es nicht. "Die DKV hat mir nur Tarife mit weniger Leistungen angeboten und dann auch noch mit einer Gesundheitsprüfung gedroht", erzählt er. In Folge einer solchen Prüfung können die Beiträge noch mal steigen - wenn neue Gesundheitsrisiken festgestellt werden.

DKV wirft Nebelkerzen

Firsching lässt sich aber nicht abschrecken, er bohrt nach. Im Oktober antwortet die DKV: "Für einen erheblich niedrigeren Beitrag kann kein Tarif ohne jegliche Leistungseinschränkung angeboten werden." Ein einleuchtender Hinweis, könnte man meinen. Doch er stimmt nicht. Firsching schaltet den Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen ein. Und der entdeckt gleich zwei DKV-Tarife, die Firschings Wünschen entsprechen und deutlich günstiger sind. Am Ende entscheidet er sich für ein Angebot mit minimalen Leistungskürzungen, bei dem er nur knapp 230 Euro pro Monat zahlt. Ersparnis: rund 370 Euro pro Monat.

Garcia hat sich auf Tarifwechsel spezialisiert, bezahlt wird er nur im Erfolgsfall. Sein Honorar liegt dann zwischen vier und fünf Monatsersparnissen des Kunden. Der Makler kennt die Tricks der privaten Kassen. "Die Kunden werden systematisch hingehalten, verunsichert und in die Irre geführt." Selbst die gesetzliche Vorschrift, wonach die Kassen Versicherten über 60 Jahre bei Beitragserhöhungen den bestverkauften Tarif anbieten müssen, werde immer wieder missachtet. Garcias Vorwurf: "Die wirklich interessanten Tarife bekommen die Versicherten nur selten zu sehen. Auf sich allein gestellt ist der Laie mit dem Tarifdschungel völlig überfordert."

Tarifwechsel bedrohen das System der PKV

Das Problem für die Kassen liegt auf der Hand: Die Kosten für die Gesundheitsversorgung steigen stetig. Die Bundesbürger werden nicht nur immer älter, auch die Zahl der chronisch Kranken nimmt zu. Um konkurrenzfähig zu bleiben, brauchen die Unternehmen neue Kunden - am besten junge, gesunde Gutverdiener. Die kommen aber nur bei günstigen Tarifen. Wenn aber immer mehr Altversicherte mit hohen Risiken in diese neuen Tarife wechseln, explodieren auch hier die Kosten. Für neue Kunden werden die Angebote dadurch unattraktiv. Tarifwechsel bedrohen also das gesamte System der privaten Krankenversicherung.

"Spiegel Online" liegen Dutzende Fallgeschichten vor, in denen Versicherte beim Tarifwechsel behindert wurden. Bis auf wenige Ausnahmen wie Firsching will niemand seinen Namen veröffentlicht sehen - aus Angst vor weiterem Ärger mit der Krankenversicherung. Eine Übersicht der beliebtesten Strategien:

  • Anfragen zu Tarifwechseln werden gar nicht oder erst Monate später beantwortet. Die Kunden werden immer wieder hingehalten.
  • Vor allem am Telefon, aber auch schriftlich, werden falsche Auskünfte gegeben - zum Beispiel, dass es keinen gleichwertigen Versicherungsschutz für weniger Geld gebe - oder, dass Altversicherten die neuen Tarife nicht zur Verfügung stünden, beziehungsweise aufgrund von Vorerkrankungen ein Wechsel nicht möglich sei.
  • Interessante Tarife werden auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht angeboten.
  • Es wird verschwiegen, dass Versicherte bei einem Wechsel in einen besseren Tarif einen Leistungsausschluss vereinbaren können. Im Klartext: Der Kunde kann auf Extras, die er bisher auch nicht hat, verzichten und so Geld sparen.
  • Zur Abschreckung werden horrende Risikozuschläge bereits in die Tarifangebote einberechnet - ohne darauf hinzuweisen, dass der Kunde auf die entsprechenden Leistungen auch verzichten kann. Den Grundpreis bekommen viele dadurch gar nicht zu sehen - dadurch erscheinen eigentlich attraktive Tarife viel zu teuer.

Versicherungen warnen vor eigenen Angeboten

Selbst wenn die Kunden etwa einen Leistungsausschluss beantragen, sind sie noch längst nicht am Ziel. So rät die Allianz ihren Mitgliedern "grundsätzlich" davon ab. Die promovierte Kunsthistorikerin Friedegund Weidemann bekam nach ihrem Antrag im vergangenen Jahr ein Schreiben, in dem es heißt:

"Diese Vereinbarung erfolgt auf meinen ausdrücklichen Wunsch. Mir ist bewusst, dass ich durch den gewünschten Teil-Leistungsausschluss auf Versicherungsleistungen verzichte, die zu einem späteren Zeitpunkt wichtig sein können. Gegebenenfalls erhebliche verbleibende Kosten sind von mir selbst zu tragen."

Makler Garcia kritisiert, Schreiben wie diese seien vor allem dazu gedacht, den Kunden zu verunsichern, Angst zu machen und ihn damit von einem Wechsel abzuhalten. "Es gibt ja keine Nachteile, wenn man Leistungen ausschließt, die auch im alten Tarif nicht enthalten waren."

Eine Sprecherin der Allianz weist die Vorwürfe zurück. Grundsätzlich könne sich der neue Tarif schon vom bisherigen Versicherungsschutz unterscheiden. "Wir sehen uns in der Pflicht, im Rahmen unserer Beratung auf alle Aspekte hinzuweisen, von denen die Beitragsersparnis nur eine Komponente ist."

DKV gelobt Besserung

Weidemann hat ihren Wechsel trotzdem durchgezogen - genauso wie Michael Firsching. Die DKV teilte "Spiegel Online" mit, dass Fehler gemacht wurden. Dass man Firsching die geeigneten Tarife auch auf Nachfrage nicht genannt habe, "entsprach nicht den Vorgaben, die damals in der DKV galten, und schon gar nicht den Vorgaben, die wir heute intern haben".

Auch dass Firsching so lange auf seinen Wechsel warten musste, sei "nicht optimal". Mittlerweile habe man den Wechsel aber rückwirkend vollzogen und Firsching Beiträge zurückerstattet. Die DKV verspricht, Service und Transparenz beim Tarifwechsel verbessert zu haben. Ab Herbst werde jeder Kunde online sehen können, welche Wechselmöglichkeiten ihm bleiben.

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