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Steuertarif: Steigende Steuern fressen Lohnerhöhung auf

Kalte Progression  

Wie steigende Steuern Ihre Lohnerhöhung auffressen

05.05.2008, 19:55 Uhr | Spiegel Online

Einkommensteuererklärung (Foto: Imago)Einkommensteuererklärung (Foto: Imago) Mehr Gehalt - aber weniger Geld in der Tasche: Trotz kräftiger Lohnerhöhungen stehen viele Deutsche am Ende des Jahres finanziell schlechter da. Schuld ist der progressive Steuertarif. Der Staat knöpft seinen Bürgern damit 63 Milliarden Euro zusätzlich ab.
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Inflation und höhere Steuern schmälern Kaufkraft
Die Freude über die moderate Gehaltserhöhung ist dem Angestellten M. rasch vergangen. Um 2,2 Prozent ist sein Bruttogehalt auf jetzt 3577 Euro gestiegen. Die monatliche Einkommensteuer kletterte dagegen inklusive Solidaritätszuschlag um rund vier Prozent auf 782 Euro. Dieses Missverhältnis könnte M. noch verschmerzen - wenn die Inflationsrate von 2,2 Prozent im vergangenen Jahr seine Gehaltssteigerung nicht bereits komplett auffräße. Das Einkommen des Angestellten ist nach Abzug der Inflation real gleich geblieben. Die höhere Steuerlast sorgt jedoch dafür, dass er sich jetzt weniger leisten kann als vorher.

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Reale Einkommensverluste
"Schleichende Steuererhöhung" oder "kalte Progression" heißt dieses Phänomen. Da das deutsche Steuersystem die Inflation nicht berücksichtigt, steigt mit jeder nominalen Erhöhung des Bruttolohns auch die Einkommensteuer - und zwar stärker als das Einkommen selbst. In Zeiten stark steigender Preise sorgt dieser Effekt bei immer mehr Steuerzahlern dafür, dass sie reale Einkommensverluste erleiden: Die Gehaltserhöhung muss schon deutlich über der Inflationsrate liegen, wenn nach der schleichenden Steuererhöhung etwas übrig bleiben soll.

Bürger haben kaum etwas vom Wirtschaftsaufschwung
Derzeit verschärft sich das Problem. Bei vielen Beschäftigten zehren höhere Steuern und die anziehende Inflation den Gehaltsaufschlag komplett auf. Dass viele Bürger in Deutschland trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs real weniger Geld zur Verfügung haben als noch vor einigen Jahren, liegt nicht nur daran, dass fast alles teurer wird. Auch der deutsche Fiskus, der eben diese Inflation beharrlich ignoriert, kassiert kräftig mit.

63 Milliarden Euro zusätzliche Steuern
Die Sondereinnahmen für den Staat sind enorm. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2006 fließen dem Fiskus allein durch die schleichende Steuererhöhung rund 63 Milliarden Euro zusätzlich zu, hat das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen errechnet. 63 Milliarden Euro zusätzliche Steuern innerhalb von sechs Jahren - ohne, dass man offiziell die Steuersätze anheben muss.

Fiskus verdient blendend an hoher Inflation
Der Staat verdient auf verschiedene Weise an der hohen Inflation. Wenn die Preise von Waren und Gütern steigen, klettern automatisch auch die Einnahmen aus der Umsatzsteuer, die die Große Koalition auf 19 Prozent angehoben hat. Deutlich größer als das Mehrwertsteuer-Plus fällt aber der Geldsegen durch die schleichende Einkommensteuer-Erhöhung aus, da mit der Inflation auch die meisten Bruttolöhne steigen. Knapp vier Milliarden Euro zusätzliche Steuern wird der Fiskus allein in diesem Jahr aufgrund der hohen Inflation einnehmen, schätzt der Bund der Steuerzahler.

Je geringer das Einkommen, desto größer der Effekt
Für Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen sind diese automatischen, schleichenden Steuererhöhungen besonders schmerzhaft. Das IAW hat im Auftrag des Wirtschaftsministeriums die Folgen der "kalten Progression" berechnet. Ergebnis: Steuerzahler mit relativ geringem Einkommen sind am stärksten von den Folgen der heimlichen Steuererhöhung betroffen. Die Steuerlast in der Einkommensgruppe zwischen 10.000 und 15.000 Euro Jahresverdienst klettert zum Beispiel um 8,4 Prozent, wenn der Bruttolohn um knapp zwei Prozent steigt, wie eine Beispielrechnung des IAW für das Jahr 2011 zeigt. In der Einkommensgruppe zwischen 75.000 und 100.000 Euro (ledig) steigt die Steuerschuld dagegen "nur" um 2,6 Prozent.

Mit jedem Brutto-Euro steigt die Steuerlast
Der Grund für diese ungleiche Belastung ist der Einkommensteuertarif, erklärt Peter Gottfried, einer der Autoren der IAW-Studie. Zwischen dem steuerfreien Grundfreibetrag in Höhe von derzeit 7664 Euro und einem Jahreseinkommen von 52.152 Euro steigt der Grenzsteuersatz von 15 Prozent bis auf 42 Prozent an: Im Eingangsbereich steigt er relativ rasch, sodass mit jedem zusätzlichen Euro Brutto-Einkommen auch die Steuerlast schnell klettert.

Vor allem niedrige Einkommen betroffen
Bei Geringverdienern könne die "kalte Progression" mehr als 80 Prozent der gesamten individuellen Steuermehrzahlung ausmachen, so Gottfried. Oberhalb eines Jahreseinkommens von 52.000 Euro bleibe der Grenzsteuersatz dagegen konstant bei 42 Prozent, sodass sich die durchschnittliche Steuerlast bei steigendem Brutto nur noch geringfügig ändere. Erst bei einem Jahreseinkommen über 250.000 Euro kommen drei Prozent Reichensteuer hinzu - doch in diesem Bereich dürfte man sich über andere Dinge Sorgen machen als über die kalte Progression.

Hälfte der zusätzlichen Steuerlast nur durch Progression
Die breite Mittelschicht dagegen bekommt die Progression eiskalt zu spüren. Ein lediger Steuerzahler mit 40.000 bis 45.000 Euro Jahreseinkommen muss bei einer Lohnerhöhung von 1,9 Prozent im Jahr 2011 exakt 3,3 Prozent mehr Einkommensteuer zahlen, so ein Ergebnis der IAW-Studie. Ein Ehepaar mit gemeinsamem Einkommen zwischen 45.000 und 50.000 Euro zahlt sogar 3,8 Prozent mehr Steuern. Knapp die Hälfte der zusätzlichen Steuerlast ist allein dem anziehenden Grenzsteuersatz und damit der Progression zuzuschreiben.

Automatische Wachstumsbremse
An der Idee des deutschen Steuersystems, dass ein Gutverdiener auch prozentual mehr Steuern zahlt als ein Geringverdiener, muss man gar nicht rütteln. Doch solange man dabei die jährliche Inflation schlicht ausklammert, kassiert der Staat auf lange Sicht immer mehr Steuern von real stagnierenden oder nur leicht steigenden Einkommen. Das Ergebnis ist eine automatische Wachstumsbremse, da den Haushalten immer mehr Kaufkraft entzogen wird.

Andere Länder haben flexiblere Steuersysteme
"Der einfachste Weg, die Bremswirkung der kalten Progression zu entschärfen, ist eine Anpassung des Steuertarifs", sagt Gottfried. Dies bedeutet, die Einkommensgrenzen an die jährliche Teuerungsrate anzupassen: Wer im Vorjahr 30.000 Euro brutto verdient hat, könne bei einer Jahresinflation von drei Prozent im Folgejahr dann 30.900 Euro verdienen, ohne dass sich der Grenzsteuersatz ändert.
"Eine solche automatische Anpassung ist technisch ohne großen Aufwand machbar", sagt der Ökonom. Er verweist auf Länder wie Kanada, Frankreich oder die Schweiz, die ihr Einkommensteuersystem entsprechend gestaltet haben.

Deutsche Politik zögert
Das Zögern der deutschen Politik, die Inflation im Steuersystem zu berücksichtigen, hat jedoch mehrere Gründe. Erstens sind die zusätzlichen Einnahmen aus der schleichenden Steuererhöhung zu verlockend - und sie haben den Vorteil, dass sie automatisch hereinkommen, ohne dass man die Wähler mit offiziellen Steuererhöhungen ärgern muss.
Zweitens birgt die Berücksichtigung der Inflation die Gefahr, dass im Fall von steigenden Preisen, aber stagnierenden Löhnen die Steuerbelastung automatisch sinkt - statt einer heimlichen Steuererhöhung wie derzeit wäre das Ergebnis eine heimliche Steuersenkung. Und wenn man schon Steuern senkt, will man das doch lieber mit viel Getöse im Wahlkampf tun. Eine heimliche Steuersenkung passt nicht ins politische Kalkül.

Verteilung nach unten
Eine andere Variante: Man verwendet die Mehreinnahmen aus der "kalten Progression" dazu, die Einkommensteuersätze abzusenken und vor allem die überproportional betroffenen Geringverdiener zu entlasten. Auch dieses Szenario hat das IAW im Auftrag des Wirtschaftsministeriums durchgerechnet. Ergebnis: Die schleichende Steuererhöhung sorgt in den Jahren 2011 bis 2012 für Mehreinnahmen in Höhe von rund neun Milliarden Euro. Dieses Geld reicht zur Gegenfinanzierung aus, um den steuerfreien Grundfreibetrag von 7664 Euro auf 9145 Euro zu erhöhen und die Steigung des Grenzsteuersatzes im unteren Einkommensbereich etwas abzuflachen.

Acht Milliarden Euro für mehr Gerechtigkeit
Konkret würde die "erste Progressionszone" auf einen Einkommensbereich von 9146 Euro bis 19.365 Euro ausgedehnt - und in diesem etwas breiteren Bereich würde dann der Grenzsteuersatz zwischen 15 und 27 Prozent linear ansteigen. Eine solche Tarifreform, die Steuerzahler mit geringerem Einkommen entlasten würde, kostet nach Berechnungen des IAW rund acht Milliarden Euro.
"Der Nachteil an dieser Umverteilung wäre, dass sich in der mittleren Einkommenszone kaum etwas verändert und die Belastungen sehr hoch bleiben - solange man die mittlere Zone nicht streckt und den Spitzensteuersatz erst bei höheren Einkommen ansetzt", sagt Gottfried. Das bedeutet, die Mittelschicht würde weiterhin unter der schleichenden Steuererhöhung leiden - die trotz einer kosmetischen Veränderung weiterhin im System erhalten bleibt.

Die Steuermehreinnahmen, die sich über die Jahre durch die kalte Progression ansammeln, sind beachtlich, sagt der Ökonom des IAW. Doch solange es diesen Effekt gibt, haben Beschäftigte real nichts von Lohnerhöhungen, die nur knapp über die Inflationsrate hinausgehen. Sie haben meist sogar weniger als vorher.


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