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Kein Shakehands mit Herrn Dings

Lidl-Chef bei Kerner  

Kein Shakehands mit Herrn Dings

07.05.2008, 14:40 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Lidl-Aufsichtsratschef Klaus Gehrig bei Kerner (Foto: ZDF)Lidl-Aufsichtsratschef Klaus Gehrig bei Kerner (Foto: ZDF) Lidl macht mobil: Mit einer Interview-Offensive will der Discounter sein Schmuddelimage loswerden, den Überwachungsskandal vergessen machen. Bei TV-Talker Kerner ging das nach hinten los – Aufsichtsratschef Klaus Gehrig zeigte sich selbstgerecht, arrogant, uneinsichtig. Es gibt manchmal Sätze, die mit wenigen Worten ungeahnte Klarheit in umständliche Debatten bringen: "Haben Sie denn gelesen, was ich geschrieben habe", fragt der Journalist und Undercover-Rechercheur Günter Wallraff sein Gegenüber. Der Mann schüttelt den Kopf, verzieht abfällig den Mund und sagt ohne zu zögern: "Nein, habe ich nicht."

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Hätte Klaus Gehrig einen Kommunikationsberater, wäre das wohl der Moment gewesen, in dem dieser hinter den Kulissen aufgestöhnt und seinen Chef verflucht hätte.

Gehrig gegen Grill und Wallraff

Aber der Lidl-Aufsichtsratschef hat keinen Image-Helfer – er scheint sich selbst für ausreichend clever zu halten, um mit jeder Frage, jedem Angriff und jeder Kritik fertig zu werden. Auch, wenn ihn ZDF-Talkmaster Johannes B. Kerner nur wenige Wochen nach dem Skandal um die heimlich überwachten Mitarbeiter zum Gespräch bittet und ihm ausgerechnet die beiden Journalisten Markus Grill und Wallraff zur Seite setzt.

Interviews der Lidl-Spitze sehr selten

Wobei "zum Gespräch bitten" nicht ganz trifft: Denn tatsächlich mühen sich Journalisten in ganz Deutschland seit Jahren um Interviews mit den Managern des Discounters – vergeblich. Vom Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz existieren noch nicht einmal aktuelle Fotos und auch Gehrig hat sich bislang rar gemacht. Seit seinem Eintritt in das Unternehmen 1976 gab er nur ein einziges Interview: 2004 reagierte er so auf die Vorwürfe aus dem "Schwarzbuch Lidl", das die Arbeitsbedingungen in den Filialen anprangerte. Schon damals relativierte Gehrig die Aussagen, gelobte Besserung – und zog sich alsdann schnell aus dem Blick der Öffentlichkeit zurück.

Immer das gleiche Lidl-Spiel

Jetzt also das gleiche Spiel, ausgerechnet bei dem für seine sanfte Gesprächsführung bekannten Kerner. Wieder ist der Konzern so massiv in die Schlagzeilen geraten, dass das Toter-Mann-Spielen keinen Zweck mehr hat: Ende März hatte der Stern-Journalist Grill Hunderte von Protokollen heimlicher Videoüberwachung von Lidl-Mitarbeitern veröffentlicht. Wenig später wurden die Recherchen Wallraffs bekannt. Dieser hatte wochenlang unter falschem Namen in einer Lebensmittelfabrik gearbeitet, die ausschließlich für den Discounter Brötchen herstellt – und dort massive Verletzungen grundlegender Arbeitnehmerrechte aufgedeckt.

Was treibt den Lidl-Chef zu Kerner?

Deshalb sitzt Gehrig nach etlichen anderen Auftritten und Interviews nun bei Kerner - und man weiß nicht so recht, ob es Unverfrorenheit oder Dummheit ist, die ihn treibt.

"Dumme Dinge" von "dappigen" Detektiven

Die einzige Sorge, die dieser Mann zu haben scheint, ist die Angst vor den Umsatzeinbußen, das wird schon nach seinen ersten Äußerungen deutlich. Weder will Gehrig etwas an den Strukturen ändern, noch scheint er ernsthaft zu bedauern, was in dem Konzern unter seiner Verantwortung passiert ist: "Dumme Dinge" nennt er die detaillierten Protokolle, bescheinigt den Detektiven "Dappigkeit" – und provoziert damit den ersten wütenden Zwischenruf von Wallraff.

Der Schock kam nach dem Urlaub

Tatsächlich ist es eine seltsame Mischung aus Dreistigkeit und Weinerlichkeit, mit der Gehrig seinen Konzern reinwaschen will: Er habe erst gar nicht glauben wollen, was ihm nach seinem Urlaub erzählt wurde, sei erschüttert gewesen, trage natürlich die Verantwortung und sei wohl in manchen Dingen zu nachsichtig gewesen, so leitet Gehrig seine Abbitte ein – um dann zum Angriff überzugehen: Er lasse nicht zu, dass durch solche Einzelfälle der Großteil der Mitarbeiter zu Schaden komme. Schließlich sei die Mehrheit der Mitarbeiter sehr zufrieden – außerdem sei es ungerecht, dass alle immer nur über Lidl redeten, wo doch in der gesamten Branche ähnliche Probleme herrschten.

Wallraff voller Unbehagen

Eine Weltsicht, die von Grill und Wallraff nicht geteilt wird – vor allem Letzterem merkt man sein Unbehagen an, mehr als eine Stunde neben Gehrig sitzen zu müssen. So distanziert ist seine Körpersprache, so viel Verachtung liegt in seinem Blick.

Bei Kerner ist Lidl-Mann Gehrig in der Defensive

Trotzdem gelingt es Wallraff und Grill fast schon spielend, den Lidl-Manager in die Defensive zu bringen – zumal sich Talkmaster Kerner mit eigenen Fragen zurückhält: Lobt Gehrig das Vertrauen der Mitarbeiter, kontert Grill, dass die großformatigen Anzeigen, die eben dies belegen sollen, Führungskräfte als einfache Mitarbeiter ausgeben. Erklärt Gehrig, man habe sich bei den betroffenen Mitarbeitern entschuldigt, zitiert Grill eine Angestellte, mit der noch niemand geredet hat. Redet sich Gehrig damit heraus, keinen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen bei einem Zulieferer zu haben, zieht Wallraff einen internen Vermerk aus der Tasche, der eben dies widerlegt.

Top-Manager nicht an Widerspruch gewöhnt

So sehr gehen dem nicht an Widerspruch gewöhnten Top-Manager die beiden Journalisten auf die Nerven, dass er schließlich etwas tut, was er besser vermieden hätte: Lidl-Mann Gehrig offenbart, wie egal ihm ist, was Wallraff und Grill herausgefunden haben. "Sie leben doch davon, dass Sie solche Berichte schreiben", raunzt er Wallraff an, als der ihm in wenigen Sätzen die Arbeitsbedingungen der Großbäckerei schildert. Und sagt dann: "Ich würde mir lieber selbst ein Bild davon machen."

Gehrig kneift

Eine Idee, die den Kurz-Zeit-Bäcker begeistert: "Lassen Sie uns einen Deal machen", schlägt Wallraff vor: "Sie sind doch ein Sportsmann, ein Golfspieler, wir machen da zusammen ein bis zwei Schichten, dann wissen Sie, wie anstrengend das ist." Das aber stößt bei Gehrig auf wenig Gegenliebe, empört ihn so, dass ihm entfährt: "Ich mache hier doch nicht Shakehands mit einem Herrn Dings! Ich gehe da mit ihm nicht hin, da sehe ich überhaupt keine Notwendigkeit!" Um dann zuzugeben, dass er Wallraffs Enthüllungen gar nicht gelesen hat.

Nächstes Interview erst beim nächsten Skandal?

Wie geht es wohl weiter? In ein, zwei Wochen wird Gehrig vermutlich wieder aus den Medien verschwinden, doch an den Arbeitsbedingungen bei Lidl wird sich wahrscheinlich wenig ändern. In zwei, drei Jahren könnte dann der nächste Skandal den verschwiegenen Manager in die Offensive zwingen. Vielleicht meldet sich dann sogar Lidl-Gründer Schwarz selbst zu Wort. "Ich habe all die Jahre nichts davon geahnt, ich war schockiert" – so könnte seine Verteidigungsrede anfangen.

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