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Steueroasen: Gibraltar lockt Superreiche und Hedge Fonds

Steueroasen: Wie Gibraltar Hedge Fonds und Superreiche lockt

05.06.2013, 12:56 Uhr | Spiegel Online

Steueroasen: Gibraltar lockt Superreiche und Hedge Fonds. Gibraltar gilt wie ein Dutzend weiterer britischer Überseegebiete als Steuerparadies (Quelle: imago/chromorange)

Gibraltar gilt wie ein Dutzend weiterer britischer Überseegebiete als Steuerparadies (Quelle: imago/chromorange)

Trotz des Kampfes gegen die Steuerflucht: Der Wettbewerb der Steueroasen um reiche Anleger geht weiter: Das britische Überseegebiet Gibraltar hat gerade die neueste Werbekampagne gestartet, um Hedge Fonds anzulocken.

Vor wenigen Wochen erhielt Fabian Picardo einen Brief. Darin wurde er aufgefordert, sein Haus "in Ordnung zu bringen". Picardo ist Chief Minister von Gibraltar, dem legendären Affenfelsen am Mittelmeer, der unter britischer Hoheit steht. Absender des Mahnbriefs war der britische Premierminister David Cameron.

"In Gibraltar dürfte ziemlich viel spanisches Schwarzgeld liegen"

Gibraltar gilt wie ein Dutzend weiterer britischer Überseegebiete als Steuerparadies. Der Finanzsektor ist überdimensioniert und bedient vor allem Ausländer, die ihre Gewinne vor dem Fiskus ihrer Heimatländer in Sicherheit bringen wollen. Die spanische Regierung beschuldigt das Nachbarterritorium regelmäßig, die Spanier zur Steuerflucht zu animieren. "In Gibraltar dürfte ziemlich viel spanisches Schwarzgeld liegen", sagt der in Mallorca ansässige Vermögensberater Markus Miller.

Auch die Steuervermeidung wird in Gibraltar professionell organisiert. Mit extrem niedrigen Steuersätzen und dem Versprechen von wenig Bürokratie werden reiche Ausländer und Hedge Fonds angelockt, damit sie ihre Finanzgeschäfte von Gibraltar aus tätigen.

Gibraltar wirbt mit Sonderkonditionen

Nun gerät der kleine Flecken unter Druck, weil die britische Regierung den Kampf gegen Steuerhinterziehung und -vermeidung auf die Tagesordnung ihrer G-8-Präsidentschaft gesetzt hat. Camerons Brief, der an mehrere britische Überseegebiete ging, war nur der Anfang. Die gesamte EU ist dabei, Steuerschlupflöcher zu schließen und die Transparenzregeln zu verschärfen.

Das Beispiel Gibraltar zeigt jedoch, wie schwer es ist, eine einheitliche Linie in Europa zu finden. Wie die anderen Überseegebiete der britischen Krone hat sich das sechs Quadratkilometer große Territorium im Lauf der Jahre einen quasi-unabhängigen Sonderstatus erkämpft und will sich sein Geschäftsmodell nicht kaputtmachen lassen.

Das Werben um vermögende Investoren geht jedenfalls unvermindert weiter. Laut "Guardian" hat Gibraltar soeben die neueste Kampagne gestartet, um Hedge Fonds anzulocken. Chief Minister Picardo war auf Roadshow in London, um die Fondsmanager im Nobelviertel Mayfair von den Vorzügen der Halbinsel zu überzeugen. Eine Reihe von Fonds sei bereits umgezogen, sagte Picardo der Zeitung. Weitere Gespräche liefen.

Zum ersten Mal gab die Gibraltar Funds and Investments Association (GFIA) dieses Jahr auch ein 48-seitiges Handbuch für Investoren heraus, in dem die Top-Attraktionen für Fondsmanager aufgelistet sind: Keine Mehrwertsteuer, eine pauschale jährliche Einkommensteuer von 30.000 Pfund und ein Körperschaftsteuersatz von zehn Prozent. Allein der Verzicht auf die Mehrwertsteuer bedeutet einen Kostenvorteil von 20 Prozent gegenüber dem Rest der EU.

Herausgestellt wird in dem Leitfaden auch, dass Gibraltar als einziges britisches Überseegebiet Teil der EU sei. Fondsmanager könnten daher ihre Dienstleistungen im gesamten Binnenmarkt anbieten, ausländische Steuern könnten dabei "oft vermieden werden".

Zahl der Hedge Fonds steigt auf 150

Das Angebot scheint anzukommen: Seit 2006 ist die Zahl der Hedge Fonds auf Gibraltar von 20 auf 150 gestiegen, das verwaltete Kapital auf drei Milliarden Euro angewachsen. Im Vergleich zu den ebenfalls britischen Cayman Islands in der Karibik ist dies immer noch verschwindend gering: Dort sind 9400 Hedge Fonds ansässig, die über eine Billion Dollar verwalten. Doch hofft Gibraltar, in dem Rennen Boden gutzumachen.

Stolz weist die GFIA darauf hin, dass die Hürden für die Gründung eines Hedge Fonds in Gibraltar niedriger seien als anderswo. Erfahrene Investoren können binnen weniger Tage einen sogenannten Experienced Investor Fund (EIF) aufmachen. Als erfahren gilt, wer über das entsprechende Kapital verfügt: eine Million Euro genügt.

Die Frage ist, wie lange solche Praktiken in der EU noch geduldet werden. Die neue Hedge Fonds-Richtlinie der EU erhöht die Anforderungen an Fondsmanager - und tritt bald auch in Gibraltar in Kraft. Auch der aggressive Steuerwettbewerb gilt zunehmend als unsolidarisch. Die Hochsteuerländer in der EU verlangen eine Harmonisierung der Steuersätze und ein Ende des Bankgeheimnisses. Die Niedrigsteuerländer bremsen, weil sie um ihren Standortvorteil fürchten. Doch sind sie in der Defensive, wie zuletzt die Auseinandersetzung um die neue Zinsrichtlinie zeigte.

Die Regierung von Gibraltar kann immerhin darauf verweisen, dass sie als einziges britisches Überseegebiet den EU-Vorschriften unterworfen ist. Die Bezeichnungen Steueroase oder Offshore-Finanzplatz hört man daher am Mittelmeer nicht so gern. Gibraltar sei "ein gut reguliertes Onshore-Finanzzentrum in der Europäischen Union", heißt es im Handbuch der GFIA.

Letztlich wird sich Gibraltar dem Trend zu mehr Kontrolle nicht verschließen können. Angesichts des Imageverlusts, der mit dem Wort Offshore einhergeht, sehen manche Experten darin nicht einmal einen Nachteil. Innereuropäische Steueroasen könnten am Ende vom internationalen Kampf gegen die Steuerflucht profitieren, sagt Vermögensberater Miller. Je unsicherer die Entwicklung von Karibikparadiesen wie den Cayman Islands sei, desto attraktiver erscheine die Rechtssicherheit innerhalb der EU.

Miller zweifelt allerdings daran, dass Gibraltar zum Traumziel der Superreichen wird. Außer den niedrigen Steuersätzen habe der Felsen am Südzipfel Europas schließlich nicht viel zu bieten. "Gibraltar ist nicht die Côte d'Azur", sagt er. "Ein Jetset-Leben wie in Monaco können sie hier nicht führen".

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