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Jauch-Talk über Billig-Lebensmittel:"Verbraucher sind schizophren"

Jauch-Talk über Billig-Lebensmittel  

Wütender Bauer: "Verbraucher sind schizophren"

11.05.2015, 07:37 Uhr | Julian Moering, t-online.de

Jauch-Talk über Billig-Lebensmittel:"Verbraucher sind schizophren". Sind unsere Lebensmittel zu billig?: Bauer Willi Schillings kritisiert bei Günther Jauch die Verbraucher (Quelle: Imago/Stefan Zeitz)

Sind unsere Lebensmittel zu billig?: Bauer Willi Schillings kritisiert bei Günther Jauch die Verbraucher (Quelle: Imago/Stefan Zeitz)

Bauer Willi Schillings hat die Schnauze voll. In einem wütenden Brief an die deutschen Verbraucher schrieb sich der Landwirt seinen Frust von der Seele. Was den Westfalen am meisten stört: "Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig." Mit diesen klaren Worten erntete Schillings nicht nur bei seinen Kollegen große Zustimmung, auch das öffentliche Echo auf seinen Blog-Beitrag aus dem Januar dieses Jahres war groß. Günther Jauch griff die Steilvorlage in seinem sonntäglichen Talk im Ersten auf und fragte in die Runde: Sind unsere Lebensmittel wirklich zu billig?

Mit dabei natürlich Bauer Willi, wie er sich selbst im Internet nennt. Fleischfabrikant Jürgen Abraham und der ehemalige Aldi-Betriebsleiter Thomas Roeb vertraten im Berliner Gasometer die Seite der Lebensmittel-Verarbeiter und des Handels. Ihnen gegenüber saßen die ehemalige Bundesumweltministerin Renate Künast von den Grünen und Journalistin Tanja Busse, die sich eingehend mit der deutschen Landwirtschaft beschäftigt hat.

Auslöser für Willis Aufregung war ein Vorgang auf dem Hof seines Nachbarn. Dieser erhielt für eine 25-Tonnen-Ladung Kartoffeln angeblich gerade einmal 250 Euro – das macht genau einen Cent pro Kilogramm. Davon kann doch keiner leben, so Willis Meinung. Oder drei Cent für ein Kilo Zwiebeln. Oder 27 Cent für einen Liter Milch. Die Liste der Beispiele, die in der Sendung angeführt wurden, ist lang.

Bauer Willi: Verbraucher sind "schizophren"

Diese Preise sind kein angemessener Lohn für die Arbeit des Erzeugers. Schuld an der Misere ist nach Willis Ansicht der "schizophrene Verbraucher", also wir alle, die ihre Lebensmittel im Supermarkt kaufen und auf die Preise achten. Schizophren deshalb, weil Willi es nicht verstehen kann, dass ein und derselbe Verbraucher einerseits entsetzt ist über Massentierhaltung und den Einsatz von chemischen Düngemitteln, andererseits aber genau das billige Fleisch und das günstige Brot kauft, das seinen Ursprung in eben solchen Mastbetrieben und auf entsprechenden Feldern hat.

Doch ist es wirklich nur der Geiz der Deutschen, der die Bauern hierzulande zwingt, ihre Produkte zu verramschen? Alles Quatsch, sagen Fleischfabrikant Abrahams und Handelsvertreter Roeb im Gleichklang. Der Markt regele die Preise und der Handel reagiere nur auf das, was der mündige Verbraucher wünscht. Unsere Lebensmittel seien also gar nicht zu billig. Alles Quatsch, sagt auch Frau Künast, widerspricht Abraham und Roeb aber vehement. Der Schwarze Peter liege nicht beim Verbraucher, sondern beim Handel: "Der Handel" - sie nennt hier vor allem die Discounter Lidl und Aldi - "schüren einen wahnsinnigen Billig-Wettbewerb. Da kann kein Bauer mithalten."

Auch Milch-Bauer Timo Wessels aus Brandenburg, den Jauch im Publikum versteckt hat, kann da nicht mithalten. Erst kürzlich senkte beispielsweise Lidl den Preis für einen Liter Milch auf 55 Cent, andere Anbieter zogen nach. Ein Preis, der den Bauern die Lebensgrundlage entzieht. Mit seinen 530 Kühen produziert Wessels 16.000 Liter Milch am Tag.

Mindestpreis für Lebensmittel? 

Die Abnahme ist ihm von den Molkereien garantiert, der Preis jedoch nicht. "Für Mai wurde der Literpreis auf 27,5 Cent festgelegt", sagte der Landwirt. Damit kann er nicht einmal seine Kosten decken. Um von der Milchwirtschaft leben zu können, bräuchte er jedoch 40 Cent pro Liter. Seinem Betrieb fehlen im Mai somit pro Tag 2000 Euro. Seine Forderung: "Einen Mindestpreis für Lebensmittel in Deutschland" - so wie es auch einen Mindestlohn gibt.

Eine interessante Idee und vielleicht sogar der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme im Bereich der Lebensmittelherstellung und -verarbeitung. Doch leider versackte dieser spannende Ansatz. Hier hätte man sich von Jauch ein penetranteres Nachhaken, insbesondere bei Politikerin Künast, gewünscht.

Bauer Willi: "Müssen den Verbraucher mitnehmen"

Also sind Verbraucher, Verarbeiter und Handel die Bösen und der arme Bauer das Opfer? Mitnichten. "Wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen", sagte Bauer Willi, der nach eigener Aussage in den Diskussionen der letzten Monate über seinen Brief einen enormen Erkenntnisgewinn an sich selbst verzeichnen konnte. "Wir haben es versäumt, den Verbraucher mitzunehmen und ihm zu erklären, was der moderne Bauer heute so macht."

Aufklärung – auch für Künast ein großer Schritt in die richtige Richtung. Dabei nimmt sie vor allem den Handel und die Verarbeiter in die Pflicht. Sie müssten kennzeichnen, woher das Produkt stammt, wie es hergestellt wurde, in welchen Betrieben und unter welchen Bedingungen beispielsweise ein Schlachttier gehalten wurde. Erst dann könne auch der Verbraucher entscheiden: Will ich das billige Produkt kaufen oder greife ich doch zu teureren, fair produzierten Produkten aus der Region.

Wer hat denn nun Schuld?

Was ebenfalls oft vergessen werde: Die Schäden, die die billige Massenproduktion von Lebensmitteln an der Umwelt verursache, zahle der Verbraucher im Nachhinein über die Steuern. Billig ist dann gar nicht mehr so billig.

Wer hat jetzt also Schuld daran, dass unsere Lebensmittel unter Wert verschleudert werden und die Bauern kaum genug zum Leben haben? Der Verbraucher? Der Händler? Der Verarbeiter? Der Bauer selbst? Bauer Willi hat dazu eine passende Erkenntnis gewonnen: "Wenn man allen gleich fest auf die Füße tritt, hat man alle passend getroffen."

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