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Bewerbungen: Die Bahn verzichtet auf das Anschreiben – Richtig so!

MEINUNGBewerbung für Azubis vereinfacht  

Die Bahn verzichtet auf das Anschreiben – Richtig so!

Von Ursula Weidenfeld

26.06.2018, 12:36 Uhr
Bewerbungen: Die Bahn verzichtet auf das Anschreiben – Richtig so! . Azubis der Bahn: Sie haben sich noch mit persönlichen Anschreiben um ihre Stellen beworben, das bleibt ihren Nachfolgern erspart. (Quelle: dpa/Frank Rumpenhorst)

Azubis der Bahn: Sie haben sich noch mit persönlichen Anschreiben um ihre Stellen beworben, das bleibt ihren Nachfolgern erspart. (Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa)

Immer mehr Unternehmen verzichten bei Bewerbungen auf das persönliche Motivationsschreiben, nun auch die Bahn. Das ist nur konsequent, denn Jugendliche sind die neuen Fachkräfte.

Die Bahn will für ihre Auszubildenden künftig auf Bewerbungsschreiben verzichten. Beim Versandhändler Otto, bei Daimler und beim Telefonkonzern O2 ist es nicht anders. Lebenslauf, Zeugnisse und ein knappes "Ja, Ich will"  reichen inzwischen schon bei rund der Hälfte aller deutschen Personalchefs, um Lokführer, Manager im Zugrestaurant, Nachrichtentechniker oder Einzelhandelskaufmann werden zu dürfen.

Das ist eine gute Entwicklung. Denn gebraucht werden die Anschreiben und Motivationsbekenntnisse schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Sie taugen nur als Abschreckungs- und Folterinstrumente.

Lange galt das Anschreiben als die Königsdisziplin der Bewerbung. Hier könne der Bewerber den entscheidenden Unterschied zu Tausenden anderen gleichförmigen Kandidaten machen, hieß es. Auf wenigstens einer DIN-A4-Seite sollten die Bewerber sich mal richtig Mühe geben und zeigen, dass sie die Stelle wirklich wollen. Wer noch nicht einmal dazu tauge, werde wahrscheinlich auch keine gute Arbeit leisten. So erklärten die Personalchefs – und saßen damit einem hartnäckigen Irrtum auf.

Das Anschreiben schreckt auch Erwachsene ab

Das stärkste Argument gegen die ausführliche Bewerbungsmappe ist der Arbeitsmarkt. Nicht mehr die Jugendlichen müssen sich um einen Ausbildungsplatz bemühen, es ist umgekehrt. Die Unternehmen müssen um Jugendliche genauso wie um qualifizierte Fachkräfte werben. Der Verzicht auf Bewerbungsschreiben ist das sichtbarste Zeichen für diese Gezeitenwende.

In nahezu allen Berufen gibt es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Warum sollte man die Jugendlichen also weiterhin quälen? Warum sollten Bewerber, deren Stärke das Schreiben nicht ist, von Berufen ausgeschlossen werden, in denen am Ende gar nicht geschrieben werden muss?

Alles kann man für ein paar Euro bestellen

Nicht nur, dass Schulabgänger mit mittlerem Schulabschluss in der Regel in einem Alter sind, in dem man prinzipiell eher nicht motiviert ist. Das Ritual, der Bewerbung ein ausführliches Anschreiben voranzustellen, hat auch viele Erwachsene abgeschreckt. Was schreibt man da? Warum soll man für einen Standardjob ganz besondere Eigenschaften mitbringen? Warum reicht es nicht aus, einfach nur gute Arbeit leisten zu wollen? Mit diesen Fragen im Kopf  haben sich viele am Ende gar nicht beworben – obwohl sie vielleicht bestens geeignet gewesen wären, die Personallücke zu schließen.

Ein zweiter Grund spricht für das Ende der großen Illusion der "Bewerbung mit aussagekräftigen Unterlagen". Für rund 100 Euro kann man sich die Dienstleistung "Perfekte Bewerbung" im Internet kaufen. Wenn man noch einmal 30 Euro drauflegt, bekommt man ein schönes individuelles Motivationsschreiben, in dem jedem auch noch so dämlichen Kandidaten eine wunderbare Alleinstellung angedichtet wird.

Konservative Personalchefs mögen sich grämen

Im Fall der Bahn kann darin das angebliche Lieblingskinderbuch "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" vorkommen, oder die beispielhafte Bahner-Karriere des Vaters. Die schon im Kindesalter erwachte Reiselust vielleicht, der unzähmbare Lebenswunsch, ärgerliche Passagiere zu versöhnen, oder die Leidenschaft für schwere Maschinen – alles kann man für ein paar Euro bestellen.

In Bewerbungen wird genauso gelogen wie bei den Zeugnissen, wenn man die Firma verlässt. Zur "vollsten Zufriedenheit" gearbeitet zu haben, ist keine Bewertung der tatsächlich geleisteten Arbeit mehr. Es ist ein Rechtsanspruch. Ähnlich ist es mit dem Anschreiben zur Bewerbung. Was dahinter steckt, finden die Personalleute der Unternehmen frühestens im Vorstellungsgespräch oder beim Eignungstest heraus.

Nur eine Frage der Zeit

Konservative Personalchefs mögen sich grämen, wenn die sorgfältig sortierten taubenblauen Faltpappen verschwinden, in denen bisher Foto, Bewerbungsschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse und Zertifikate eingereicht wurden. Moderne Personaler dagegen wissen längst, dass Online-Eignungstests heute viel genauere Auskunft über die Eignung eines Kandidaten geben. Und dass erst im Vorstellungsgespräch deutlich wird, ob jemand tatsächlich zu einer Firma passt.

Das gilt übrigens nicht nur für Ausbildungsplätze und einfache Qualifikationen. Es gilt auch für Akademiker und Führungskräfte. Die haben zwar mehr Übung darin, ihren eigenen Werdegang in den leuchtendsten Farben zu malen und schreiben deshalb gerne ausführliche Bewerbungen. Ehrlicher sind sie deshalb noch lange nicht. Deshalb ist es auch hier nur noch eine Frage der Zeit, bis die blumigen Liebesbriefe an die Personalleitung einem neutralen und berechenbaren Verfahren weichen.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr neues Buch heißt:  "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert."

 

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