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Audi, VW und der Diesel-Skandal: Zu wenig gelernt, zu viel verdrängt

MEINUNGAudi, VW und der Diesel-Skandal  

Zu wenig gelernt, zu viel verdrängt

Von Ursula Weidenfeld

20.07.2018, 17:19 Uhr
Audi, VW und der Diesel-Skandal: Zu wenig gelernt, zu viel verdrängt. Audi-Chef Rupert Stadler: Der 55-Jährige sitzt seit über einem Monat in Untersuchungshaft, weil die Staatsanwaltschaft von Verdunkelungsgefahr ausgeht. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Audi-Chef Rupert Stadler: Der 55-Jährige sitzt seit über einem Monat in Untersuchungshaft, weil die Staatsanwaltschaft von Verdunkelungsgefahr ausgeht. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Audi-Chef Rupert Stadler sitzt wegen der Dieselaffäre immer noch in Untersuchungshaft. Gleichzeitig ringt der Mutterkonzern damit, die richtigen Lehren aus dem Skandal zu ziehen – aber nicht nur er.

Die Staatsanwaltschaft wirft Audi-Chef Rupert Stadler vor, er habe eine Straftat – die Manipulation von Dieselabgasen – verdunkeln wollen. Deshalb hat sie ihn festsetzen lassen. Stadlers Antrag auf Entlassung aus der Untersuchungshaft wurde in dieser Woche abgelehnt. Klar ist: Solange keine Anklage erhoben, kein Prozess gemacht und kein Urteil gefällt wurden, muss Stadler als unschuldig gelten.

Trotzdem lohnt das Nachdenken über die deutschen Autokonzerne und ihre Führungsmannschaften. Wie konnte es dazu kommen? Warum sind vor allem deutsche Unternehmen betroffen – die Abgas- und Feinstaubgrenzwerte gelten doch für alle gleichermaßen? Fühlten sich die deutschen Hersteller zu sicher? Hatten sie das Gefühl, von den Kontrollbehörden und der Politik geschützt zu werden? Und, vor allem: Haben deutsche Autokonzerne besondere Führungsstrukturen, die Verfehlungen wahrscheinlicher machen?

Sie bekamen den Diesel nicht in den Griff

Betrogen wurde ganz offensichtlich, weil die Unternehmen keine befriedigenden technischen Lösungen für das Feinstaub-Problem bei Dieselmotoren fanden. Statt das offenzulegen, wurde getrickst. Die Autoindustrie ist einer der führenden Industriesektoren in Deutschland. Ihre Manager konnten jederzeit auf Verständnis seitens der Kontrollbehörden hoffen.

Doch nicht nur deshalb ist die Angelegenheit vor allem ein Problem von Volkswagen, Audi, Porsche, BMW und Mercedes: Keine andere Technologie ist so deutsch wie der Dieselmotor. Andere Autohersteller haben in der Vergangenheit auf den Benzinmotor gesetzt, auf hybride Antriebe, oder in jüngster Zeit auf den Elektromotor. Die deutschen Hersteller dagegen waren überzeugt, dass dem Dieselmotor die Zukunft gehört. Das Eingeständnis des Scheiterns einer solchen Strategie hätte die Unternehmen Milliarden gekostet.

Problematische Führungskultur

Das sind Probleme, die allen deutschen Herstellern gemeinsam sind. Bei Volkswagen – die Marke Audi gehört wie Porsche zum Volkswagen-Konzern – kam ganz offensichtlich eine spezielle Führungskultur dazu. Versäumnisse bei der Entwicklung der Diesel-Abgastechnologie wurden nicht offengelegt, sondern unterdrückt. Fehler wurden nicht eingestanden, sondern verschwiegen. Probleme wurden nicht gelöst, sondern unter den Teppich gekehrt.

Eine solche Kultur entwickelt sich häufig in Unternehmen, die wenige Manager von außen rekrutieren. Je mehr Führungskräfte aus den eigenen Reihen kommen, je stärker die Prägung bei einer Person ist, desto höher ist die Gefahr, dass sich interne Gepflogenheiten ausbilden. Mit Vorsatz und krimineller Energie hat es meist wenig zu tun, wenn diese Gewohnheiten mit dem geltenden Recht kollidieren. Man handelt so, weil es alle so machen, weil man es immer schon so gemacht hat.

Top-Manager von außen? Fehlanzeige

Bis zur Dieselaffäre kamen Manager im Volkswagenkonzern nur in den seltensten Fällen von außen. Top-Manager von anderen Firmen blieben Episode. Unter dem überragenden Volkswagen-Chef Ferdinand Piëch vermischten sich Kapital- und Managementseite rasant. Piëch war Großaktionär und Unternehmenslenker in Einem. Er regierte zuerst fast zehn Jahre lang als Vorstandschef, dann weitere 13 Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender. Unter ihm und seinem Nachfolger Martin Winterkorn wurde Volkswagen die Firma der Ingenieure. Das Spaltmaß regierte streng, Pardon in technischen Angelegenheiten wurde nicht gegeben. Unternehmensentwicklung, Offenheit, Fehlerkultur? Nebensache.

Schon einmal hatte sich diese Struktur in einem handfesten Skandal entladen. Im Jahr 2005 entdeckte man, dass bei Volkswagen jahrelang der Betriebsrat bestochen worden war – von der eigenen Personalabteilung. Für die Arbeitnehmervertreter gab es Extra-Zahlungen, Extra-Dienstwagen, aufwendige Reisen, sogar Bordell-Besuche auf Firmenkosten. Im Gegenzug wurden Zugeständnisse bei Arbeitsorganisation und Personalplanung erwartet.

Volkswagen stellte danach zwar die Beziehungen zwischen Arbeitnehmeraufsichtsräten, Betriebsräten und Personalabteilung auf neue Füße. Doch offensichtlich wurde der Konzern nicht so umgebaut, dass anschließend in allen Abteilungen und bei allen Konzerntöchtern das Bewusstsein geschärft worden wäre, sich jederzeit gesetzestreu zu verhalten. Erst nach dem Beginn des Diesel-Skandals wurde erstmals ein Vorstandsressort Recht und Integrität geschaffen, die erste Vorstandsfrau auf dem Posten musste schon nach ein paar Monaten wieder gehen. Sie passte nicht zur Firma.

Unternehmensreformen unabdingbar

Was nach der Betriebsratsaffäre versäumt wurde, muss nun in einem Kraftakt nachgeholt werden. Bei Siemens wurde nach dem Korruptionsskandal der gesamte Konzern auf Gesetzestreue getrimmt, bei Daimler lief es nach der Schmiergeldaffäre des Jahres 2010 ähnlich. Das bedeutet zwar nicht, dass solche Unternehmen gegen weitere Skandale immun werden – auch Daimler steht in der Diesel-Abgasaffäre wieder am Pranger. Doch bei ihnen herrscht das Bewusstsein, dass Skandale nicht ausgesessen und verdrängt werden können. Bei Volkswagen war das offensichtlich anders: Nicht einmal die oberste Managementebene wusste, wie man sich verhalten muss, wenn die Staatsanwaltschaft im Haus ist.

Noch eines: Viele Menschen in Deutschland – auch t-online-Leser, wie ich seit meinem letzten Kommentar zu diesem Thema weiß – denken, dass die US-Behörden nur deshalb so scharf vorgehen, weil es sich um deutsche Unternehmen handelt. Das kann sein, man weiß es aber nicht. Ein paar Indizien sprechen dagegen: Es hat in der Vergangenheit auch milliardenschwere Strafen für amerikanische Firmen gegeben, auch vor Donald Trumps „America first“-Politik wurden deutsche und europäische Unternehmen hart rangenommen.

Wichtig ist nur eines: Die deutschen Auto-Unternehmen müssen sich ändern, diesmal umfassend und dauerhaft – jedenfalls, wenn sie auf dem amerikanischen Markt aktiv bleiben wollen. Denn die US-Behörden werden sich nicht ändern.

Einigen Firmen wird dieser Prozess leichter fallen als anderen. Volkswagen gehört zu den anderen.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. In ihrem Buch "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert." schreibt sie über die Probleme der deutschen Politik.

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