Sie sind hier: Home > Finanzen > Kolumne - Ursula Weidenfeld >

Kolumne: Diese Politik schafft Bedürftige, statt Armut zu bekämpfen

MEINUNGSoziale Gerechtigkeit  

Diese Politik schafft Bedürftige, statt Armut zu bekämpfen

Von Ursula Weidenfeld

06.11.2018, 12:48 Uhr
Kolumne: Diese Politik schafft Bedürftige, statt Armut zu bekämpfen. Eine Rentnerin verplant ihr Haushaltsgeld: In Deutschland gibt es immer mehr Bedürftige – das liegt an der Statistik, schreibt Ursula Weidenfeld. (Quelle: imago/wolterfoto)

Eine Rentnerin verplant ihr Haushaltsgeld: In Deutschland gibt es immer mehr Bedürftige – das liegt an der Statistik, schreibt Ursula Weidenfeld. (Quelle: wolterfoto/imago)

Die übliche Gerechtigkeitspolitik hat einen gravierenden Nachteil: Sie funktioniert nicht. Das Problem wächst sogar mit jedem neuen Aufschwung. Aus einem einfachen Grund.

An diesem Montag hat das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung seinen jährlichen Verteilungsbericht vorgelegt. Wie in jedem Jahr beklagen die Forscher, dass es in Deutschland nicht gerecht zugeht. Wer länger arm sei, habe kaum Chancen, diesem Schicksal jemals wieder zu entkommen. Die Forscher haben mit ihrer Analyse zwar Recht. Doch mehr Gerechtigkeitspolitik wird das Problem nicht lösen, im Gegenteil. Weil Deutschland schon ein ziemlich gerechtes Land ist, schafft mehr Politik für Arme vor allem eins: noch mehr Arme. 

Der Durchschnitt ist der Maßstab

Armut wird in Deutschland in der Regel nicht in absoluten Zahlen, sondern relativ zum Einkommen anderer gemessen. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt als arm oder als armutsgefährdet. Das Tückische an dieser Art zu messen, liegt auf der Hand: Wenn die Konjunktur gut läuft und alle mehr verdienen, rutscht das mittlere Einkommen nach oben, und die Zahl der Armen sinkt nicht, sondern steigt möglicherweise an – obwohl es eigentlich allen besser geht. Das gleiche Prinzip wirkt in der Sozialpolitik: Entschließen sich die Rentenpolitiker, mehr Geld gegen Altersarmut auszugeben, oder die Familienpolitiker, Alleinerziehende besser zu stellen, wächst die Zahl der Bezugsberechtigten automatisch bis zu der neuen Grenze mit. Obwohl die Politiker die Armut bekämpft haben, zählt die Statistik mehr Betroffene. 

Schick uns eine persönliche Facebook-Nachricht oder eine E-Mail an leseraufruf@t-online.de und erzähl uns deine Geschichte!

Gepostet von t-online.de am Samstag, 3. November 2018

Deshalb ist es schwer, erfolgreiche Politik im Namen der Gerechtigkeit zu machen. Das Problem verschwindet nie, und die nackten Zahlen werden immer benutzt, um zu demonstrieren, wie harsch Deutschland mit den Hilfsbedürftigen umgeht. Obwohl das Land fast ein Drittel seiner Wirtschaftsleistung in den Sozialstaat steckt, haben immer mehr Menschen das Gefühl, es gehe einfach nicht fair zu, die Probleme würden nicht gelöst, sondern verschoben.

Die üblichen Reflexe

Kaum war die Studie der Hans-Böckler-Stiftung auf dem Markt, reagierten die Sozialverbände und Sozialpolitiker denn auch mit den üblichen Reflexen: Die Präsidentin des Sozialverbands, Verene Bentele, verlangte eine Reichensteuer. Sahra Wagenknecht von der Linkspartei rief nach einer Politik "für die Mehrheit, nicht für die Millionäre". Und der Grünen-Politiker Wolfgang Strengmann-Kuhn forderte eine Kindergrundsicherung und ein Garantieeinkommen für alle. 

Jede einzelne dieser Maßnahmen kann man diskutieren. Doch "Sozialpolitiker können sich mühen, wie sie wollen – das, was sie bewirken, bleibt immer meilenweit hinter den Erwartungen der Anspruchsgruppen zurück", stöhnt der frühere Caritas-Chef Georg Cremer. In seiner Bestandsaufnahme "Deutschland ist gerechter, als wir meinen" schneidet der Sozialstaat ganz gut ab. Der "Niedergangsdiskurs", den sich das Land leiste, sei ungerecht und falsch, urteilt der frühere Sozialverbands-Manager. 

Bildungspolitik ist die Antwort

Nur in einem Bereich hat Deutschland ein echtes, anhaltendes und ungelöstes Problem. Lange nicht jedes Kind aus einer bildungsfernen Familie, das Abitur machen könnte, geht auch zur höheren Schule. Ein Studium zu beginnen und erfolgreich zu beenden, fällt vielen noch schwerer. Krisen und Übergänge im Berufsleben sind für Kinder aus diesen Familien bis ins hohe Erwachsenenalter Hürden, an denen sie öfter verzweifeln als Sprösslinge aus Familien mit größerer Bildungssicherheit und größerem Wohlstand. 


Klar ist, dass sich das ändern muss, wenn Deutschland wirklich ein gerechteres Land werden will. Dumm ist nur, dass es 20 bis 30 Jahre dauert, bis man die Erfolge einer solchen Politik messen kann. Erst dann wüsste man, dass aus einem gut geförderten Kind ein erfolgreicher Lehrer, Ingenieur, Arzt oder Manager geworden ist. Für Politiker ist dieser Zeitraum zu lang. Sie wollen schließlich schon nach vier Jahren wiedergewählt werden. Doch hat die Sache einen Vorteil gegenüber der üblichen Gerechtigkeitspolitik: Sie funktioniert.

Verwendete Quellen:
  • Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr Buch heißt "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert".  

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Stark wie ein Bodensauger, flexibel wie ein Akkusauger
der AEG „FX9”gefunden auf otto.de
Anzeige
Happy Highspeed-Surfen: 210,- € Gutschrift sichern!*
MagentaZuhause L bestellen
Klingelbonprix.detchibo.deCECILStreet OneLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
  • giga.de
  • desired.de
  • kino.de
  • Statista
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Magenta TV
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Telekom Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe
© Ströer Digital Publishing GmbH 2018