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Immobilien in Deutschland: Die Angst vor dem eigenen Bürger

MEINUNGWohnungsnot  

Die Politiker haben Angst vor den eigenen Bürgern

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

05.03.2019, 09:53 Uhr
Immobilien in Deutschland: Die Angst vor dem eigenen Bürger. Bauarbeiter: Obwohl die Dorfkerne veröden, weisen die Bürgermeister immerzu neue Baugebiete aus.  (Quelle: Getty Images/	ilkercelik)

Bauarbeiter: Obwohl die Dorfkerne veröden, weisen die Bürgermeister immerzu neue Baugebiete aus. (Quelle: ilkercelik/Getty Images)

Der Wohnungsbau in Deutschland kommt nicht voran, weder in der Stadt noch auf dem Land – obwohl viele ihn für das wichtigste Problem des Landes halten.

Es ist, als würde das Land aus allen Nähten platzen. Wenn man die Deutschen nach den größten Problemen des Landes fragt, landet das Wohnen zuverlässig ganz vorn auf der Jammerliste: Zu wenig, zu teure Wohnungen, alles zu eng, zu laut, zu voll. Doch dagegen getan wird nicht viel – und vor allem nicht das Richtige. Denn die Kommunalpolitiker haben Angst – vor den eigenen Bürgern. Die haben zwar Wohnungsnot (in der Stadt) und Leerstand (auf dem Land) als drängendste Aufgabe erkannt. Doch gleichzeitig sorgen sie dafür, dass sich nichts ändert.

Politiker sollten Vorlieben der Bürger missachten

Noch nie hatte Deutschland mehr Bewohner: Knapp 82,8 Millionen Bürger leben hier, kaufen ein, steigen in Busse, werden krank, brauchen ein Bett zum Schlafen. Das sind zwei Millionen Einwohner mehr als 2013. Würden diese Menschen dahin ziehen, wo es Wohnungen gibt, wäre das Problem viel entspannter. Die Stadt Pirmasens in Rheinland-Pfalz klagt beispielsweise über einen Wohnungsleerstand von mehr als acht Prozent. In Schwerin, Chemnitz, oder Salzgitter lassen sich problemlos preiswerte Wohnungen finden – wie auch in Kleinstädten im Odenwald, in der Altmark, oder in der Oberpfalz.

Leider funktioniert das nicht. Immer mehr Bürger wollen in Großstädten wie Berlin, München, Frankfurt, Hamburg oder Köln leben, immer weniger zieht es in die Hocheifel oder an die Mecklenburgische Seenplatte. Den Bürgermeistern, Ministerpräsidenten und Bauministern aber fehlt der Mut, das Problem entschlossen anzugehen. Denn sie müssten Entscheidungen gegen die Vorlieben der eigenen Bürger – ihrer Wähler – treffen. 

Umzugsscheue Mieter lähmen den Wohnungsmarkt

Berlin zum Beispiel ist immer noch die Großstadt mit den meisten Reserveflächen: angefangen beim ehemaligen Flughafen Tempelhof, über die vielen Schrebergärten bis hin zu Friedhöfen, die schon lange nicht mehr genutzt werden. Die Hauptstadt kann sich aber nicht durchringen, solche Flächen zu erschließen und zu entwickeln. Trotz aller Versprechen, die Wohnungspolitik sei "Chefsache", geht die Zahl der Baugenehmigungen kontinuierlich zurück. Zu groß ist der Widerstand derjenigen, die schon in Berlin wohnen. Sie wollen zwar bezahlbaren Wohnraum – aber nur für sich. Nicht für Zuzügler, mit denen sie sich anschließend um den Platz im Bus, im Kindergarten oder in der Schule streiten müssten.

Dabei ist es nicht einmal aus ihrer Perspektive vernünftig, sich gegen die Genehmigung großer Neubaugebiete zu wehren. Denn schon jetzt leiden auch sie selbst unter dem knappen Angebot: Wer in einer preiswerten Immobilie wohnt, verlässt sie nicht mehr – selbst wenn er es eigentlich unbedingt wollte. Die Wilmersdorfer Witwen bleiben in den Fünf-Zimmer-Etagen, die jungen Familien trotz aller Enge in den Zweiraum-Wohnungen. Jeder fürchtet, sich bei einem Umzug schlechter zu stellen. Dieses Verhalten ist nachvollziehbar – doch es lähmt den Wohnungsmarkt zusätzlich.

Aufwertung der Altbestände statt Neubaugebiete

Auf dem Land ist das Politikversagen ebenfalls offensichtlich, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Obwohl die Dorfkerne veröden, weisen die Bürgermeister immerzu neue Baugebiete aus. Anders ließen sich junge Familien nicht in der Region halten, sagen sie. Auf preiswerten Kleinstgrundstücken wird der Traum vom Eigenheim möglich gemacht. Doch der Preis ist hoch: Die Nachbarn hocken eng aufeinander, sie streiten um Hecken, Parkgewohnheiten, Grillgeruch. Wenn sie ihre grüne Hölle nach zehn oder zwanzig Jahren satt haben, ist das Haus nicht mehr viel wert. Zu viele neue Parzellen sind im nächsten Baugebiet ausgewiesen worden, und wer will ausgerechnet da wohnen, wo schon andere unglücklich waren?

Doch das Naheliegende zu tun, in dünn besiedelten Gegenden keine neuen Baugebiete mehr auszuweisen und stattdessen die Dorfkerne aufzuwerten, wagen die meisten Bürgermeister und Gemeinderäte nicht. Zwar machen Dörfer wie Hiddenhausen im nordrhein-westfälischen Landkreis Herford gute Erfahrungen mit Förderprogrammen nach dem Motto "Jung kauft Alt". Unkomplizierter ist es aber, den potenziellen Bauherren einfach das Grundstück zu verkaufen, das sie wollen.

In der Stadt wie auf dem Land wird die falsche Baupolitik betrieben. Weil Neubürger und Umzugswillige in der Sache keine Stimme haben, muss man ihren Unmut auch nicht fürchten.



So kann man gemeinsam den ungebremsten Kapitalismus der Baubranche geißeln. Man kann die Mietpreisbremse schärfstens anziehen. Man kann Airbnb-Vermieter aus der Stadt verjagen. Man kann neue Straßen bauen und hoffen, dass eine davon eines Tages den Namen des Schöpfers dieses wunderbaren Baugebietes tragen wird.

Das Problem aber darf gerne noch ein bisschen bleiben.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr neues Buch heißt: "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert." 


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