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Warum Aktionäre immer öfter Entlastungen verweigern

MEINUNGVerweigerte Entlastungen  

Warum Aktionäre immer öfter rebellieren

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

21.05.2019, 09:11 Uhr
Warum Aktionäre immer öfter Entlastungen verweigern. Bayer-Vorstandschef Werner Baumann bei der Hauptversammlung Ende April: Nach scharfer Kritik verweigerten die Aktionäre dem Konzernchef die Entlastung. (Quelle: dpa/Archivbild/Guido Kirchner)

Bayer-Vorstandschef Werner Baumann bei der Hauptversammlung Ende April: Nach scharfer Kritik verweigerten die Aktionäre dem Konzernchef die Entlastung. (Quelle: Archivbild/Guido Kirchner/dpa)

Bayer, SAP, Deutsche Bank: In den letzten Jahren zeigten sich Anteilseigner immer wieder aufmüpfig. Warum sie Vorstände und Aufsichtsräte abstrafen – und wie sich das Verhältnis bessern kann.

Die Würstchen sind weniger geworden, die Aktionäre dagegen treten kritischer auf. Bei den Hauptversammlungen der großen deutschen Aktiengesellschaft weht ein neuer Wind. Die Aktionäre verweigern Vorständen und Aufsichtsräten die Entlastung. Das ist eine gute Nachricht. Denn sie bedeutet, dass die Eigentümer im Machtgefüge von Vorstand, Aufsichtsrat und Anteilseignern mehr Verantwortung übernehmen. Der Unternehmenskultur kann das nur gut bekommen.

Vor zwei Jahren kam der erste Warnschuss

Früher waren Hauptversammlungen so etwas wie das Hochamt des Kleinanlegers. Aktionäre nahmen weite Wege in Kauf, um in großen Hallen sitzen zu dürfen, zu Mittag einen Imbiss zu bekommen und am frühen Nachmittag Vorstand und Aufsichtsrat zu entlasten. So machten es auch die großen Anleger.

Vor zwei Jahren aber gab es den ersten Warnschuss für Vorstände und Aufsichtsräte: Nur mit Ach und Krach wurde der Chefkontrolleur des Softwarekonzerns SAP Hasso Plattner entlastet. Zuvor hatte der SAP-Mitgründer ein millionenschweres Vergütungssystem für seinen Vorstand durchgesetzt, das viele der Aktionäre völlig überzogen fanden.

In diesem Jahr erwischte es den Bayer-Konzern, dessen Eigentümer schwer an der misslungene Monsanto-Übernahme leiden. Sie verweigerten dem Vorstandsvorsitzenden, Werner Baumann, das Entlastungszeugnis für das abgelaufene Geschäftsjahr.

Warum Kleinanleger eine besondere Rolle spielen

An diesem Donnerstag wird es besonders kritisch: Es ist nicht sicher, ob Paul Achleitner als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank genug Stimmen zusammenbekommt. Die Anteilseigner haben sich über die gescheiterten Fusionsgespräche zwischen Deutscher und Commerzbank geärgert.

Kleinanleger spielen eine besondere Rolle. Sie bringen zwar in der Regel nur den kleineren Teil der Stimmen mit. Doch sie sind keine kurzfristig interessierten Investoren, die sofort verkaufen, wenn es mal nicht so gut läuft. Wenn sie einmal ärgerlich sind, dann trifft der Zorn Vorstand und Aufsichtsrat gleichermaßen. Neuerdings mit Turbo-Effekt.

Wie eine neue Berufsgruppe Abstimmungen beeinflusst

Die Verstärkung für diese Entwicklung besorgt eine neuartige Berufsgruppe, die seit einigen Jahren auch in Deutschland Konjunktur hat: die Stimmrechtsberater. Diese Firmen, meist aus den USA, prüfen vor einer Hauptversammlung im Auftrag großer Investoren und Fondsgesellschaften die Zahlen und die Tagesordnung der betroffenen Firma. Danach sprechen sie Empfehlungen aus: Ob Vorstand und Aufsichtsrat entlastet werden und wie zu einzelnen Tagesordnungspunkten abgestimmt werden soll.

In manchen Aktiengesellschaften prägen sie das Abstimmungsverhalten von einem Viertel bis zu einem Drittel der Aktionäre. Sie machen Stimmrechte aktiv, die zuvor oft brachlagen. Vielen Fonds war es vorher nur zu anstrengend, das Stimmrecht wahrzunehmen. Die Beteiligung an Hauptversammlungen ging zurück, in manchen Unternehmen waren nur noch etwas mehr als die Hälfte des Kapitals an der Abstimmung beteiligt.

Immer mehr stimmen ab

In dieser Gleichgültigkeit haben es sich Vorstände und Aufsichtsräte zu gemütlich gemacht. Sie haben sich gegenseitig nett behandelt, gemeinsam große Pläne geschmiedet. Nur die Aktionäre, die Eigentümer, sahen immer alt aus. Wenn sie aufmuckten, wurde ihnen Rendite- und Dividendengier unterstellt.

Jetzt aber sind sie wieder da, in vielen Aktiengesellschaften stimmen heute wieder über sechzig Prozent des stimmberechtigten Kapitals mit. Das diszipliniert. Verträge zu Lasten der langfristig orientierten Aktionäre soll es nicht mehr geben. Die Arroganz der Macht wird abgestraft – das ist die Botschaft der Hauptversammlungen des neuen Typs.

Chance für neues Verhältnis zwischen Aktionären und Management

Dafür ist es höchste Zeit. Ein neues Verhältnis von Eigentümern, Management und Mitarbeitern kann entstehen. Ein Verhältnis, in dem Interesse und der langfristige Erfolg der Firma über dem persönlichen Ehrgeiz der Spitzenmanager stehen.



Kleinlaut hat SAP in diesem Jahr sein "Wir haben verstanden“ aufgesagt, auch bei Bayer und der Deutschen Bank wird angestrengt versucht, die Anteilseigner wieder ins Boot zu bekommen. Früher hätte man es anders gemacht: Man hätte ihnen kühl den Ausgang gewiesen und den Verkauf der Aktie empfohlen.

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