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Kolumne: Warum wir auch das Mittelmaß brauchen

MEINUNGDruck der Leistunggesellschaft  

Warum wir auch das Mittelmaß brauchen

Von Ursula Weidenfeld

18.06.2019, 18:18 Uhr
Kolumne: Warum wir auch das Mittelmaß brauchen. Ein Schulzeugnis mit den Noten Ausreichend und Befriedigend: Auch der Mittelstand hat seine Daseinsberechtigung in der Leistungsgesellschaft.  (Quelle: imago images/Schöning)

Ein Schulzeugnis mit den Noten Ausreichend und Befriedigend: Auch der Mittelstand hat seine Daseinsberechtigung in der Leistungsgesellschaft. (Quelle: Schöning/imago images)

In der Leistungsgesellschaft ist Exzellenz unverzichtbar. Nur: Ohne die mittelprächtigen Schüler, Kollegen und Chefs geht es auch nicht. Weshalb Dreien im Zeugnis kein Grund zur Verzweiflung sind.

Wenn in diesen Tagen die ersten Schulzeugnisse verteilt werden, bekommen viele Eltern Angst um ihren Nachwuchs. Manche Kinder werden nicht versetzt, manche schaffen die Klasse nur mit Ach und Krach. Viele aber stehen einfach nur auf einer Drei. Um die machen sich die Erziehungsberechtigten die meisten Sorgen. Das ist unnötig. Denn das gesunde Mittelmaß wird es im Leben nicht schwerer haben als früher. Im Gegenteil. Vieles fällt Menschen mit durchschnittlicher Begabung sogar leichter als den anderen.

Auch die Mitte braucht eine Chance

Natürlich: Es ist ärgerlich, wenn Menschen unter ihrem Potenzial bleiben, weil sie faul, träge und unzuverlässig sind. Wenn sie aber nach allen Anstrengungen dennoch bei der Drei oder der Vier bleiben, sind sie keine Versager. Sie sind eben nur durchschnittlich. Für eine gute Ausbildung, ein glückliches und zufriedenes Leben reicht das allemal – so, wie es bei den Eltern und Großeltern auch gereicht hat.

In allen anderen Bereichen des Lebens hat die Mitte einen ausgezeichneten Ruf. Die „Mitte der Gesellschaft“ muss unbedingt verteidigt werden, warnen Soziologen und loben die Mittelklasse über den grünen Klee. Der industrielle Mittelstand wird als das Rückgrat des ordentlichen Unternehmertums gefeiert. „Wir sind die Mitte“: Mit diesem Slogan ist die CDU im vergangenen Bundestagswahlkampf angetreten.

Nur im Leben des Einzelnen hat das Mittelmaß seinen guten Ruf verloren. Hier steht es neuerdings für eine bedrohte Existenz am Rand des gesellschaftlichen Abgrunds. Das neue Phänomen heißt „Winner take all“. Es bedeutet, dass in einem Wettbewerb der Beste am Ende alles bekommt. Auf Märkte übersetzt, sind heute Facebook, Apple, Google, Microsoft und Amazon solche Gewinner. Für die digitalen Konzerne gibt es keine Platzierungen. Wer nicht ganz vorne mitspielt, geht meist leer aus. Übertragen auf das Leben Einzelner hieße es, dass am Ende nur die Schulbesten weiterkommen.

Die Stärke der Unterstützung

So ist es aber nicht. Die Besten, Intelligentesten und Klügsten machen zwar vielleicht die großartigsten Karrieren. Das glücklichste Leben aber haben sie nicht. Psychologen sagen, dass die Mittelschlauen im Berufsleben ausgeglichener und gelassener sind. Weil sie schon in der Schule mit Niederlagen und Problemen zu kämpfen hatten, können sie oft im Beruf besser mit gescheiterten Projekten oder misslungenen Bewerbungen umgehen. Sie waren schon immer darauf angewiesen, Hilfe zu suchen und Partner zu finden.

Deshalb fällt es ihnen auch bei der Arbeit leichter, Unterstützer zu gewinnen oder im Team zu arbeiten. Solche Fähigkeiten werden immer wichtiger. Deshalb reicht es nicht mehr die Leistungsgesellschaft nur nach Intelligenzquotienten, Schulabschluss und Uni-Diplom durchzubuchstabieren. Die Spitzendisziplinen des Mittelmaßes,Teamfähigkeit und Sozialverhalten, kommen dazu. 

Die irrationalen Ängste wachsen

"Wenn Du weiterhin nicht für die Schule lernst, dann stehst Du auch mal dort hinten". Mit diesen Worten hat vor wenigen Wochen eine Mutter ihre Tochter vor der Fleischtheke eines Edeka-Marktes im oberfränkischen Lichtenfels vor dem Mittelmaß gewarnt. Die Supermarkt-Leute reagierten zu Recht empört über den mangelnden Respekt gegenüber dem Beruf der Fleischereifachverkäuferin.

Doch die Ängste der verunsicherten Mutter verdienen ebenfalls einen zweiten Blick. In einer Welt, in der Abitur und Universitätsausbildung die neue Mindestnorm für ein gutes Leben beschreiben, wachsen irrationale Abstiegsängste. Die äußern sich in langen Gesichtern am Zeugnistag genauso wie in überfüllten Nachhilfeschulen, oder in Kindern, die schon im Grundschulalter eine psychiatrische Behandlung brauchen, um die Schulzeit zu überstehen.


Hochbegabte, Leistungsträger und Super-Ehrgeizige bringen eine Gesellschaft voran. Sie provozieren und erneuern, zerschlagen Hergebrachtes und erfinden neue Produkte. Ohne sie geht es nicht. Die Mitte aber ist ebenso unverzichtbar. Sie stabilisiert Gesellschaften genauso wie Familien und Unternehmen. Sie gleicht aus, gibt Sicherheit und passt nach Feierabend auch mal auf die Kinder der Nachbarn auf. Zu Recht bemühen sich Politiker im Augenblick besonders um diese Mitte. Es wird höchste Zeit, dass Eltern und Lehrer das auch tun – und zwar nicht nur, indem sie sich dem Supermarkt-Personal gegenüber anständig verhalten. 



Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr Buch heißt: "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert" und ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

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