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Eine der wichtigsten Machtverschiebungen in Europa

Von Ursula Weidenfeld

Aktualisiert am 20.12.2019Lesedauer: 3 Min.
Trump, Merkel und Putin: Um zu verstehen, was den Zorn des US-Präsidenten erregt hat, muss man die geplante und fast fertig gebaute Ostseepipeline Nord-Stream 2 genauer anschauen.
Trump, Merkel und Putin: Um zu verstehen, was den Zorn des US-Präsidenten erregt hat, muss man die geplante und fast fertig gebaute Ostseepipeline Nord-Stream 2 genauer anschauen. (Quelle: Gao Jing/Xinhua/Imago; Michael Reynolds/MediaPunch/Imago; Kremlin Pool/Russian Look/Imago; Norbert Fellechner/BildFunkMV/Imago)
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Die USA wollen verhindern, dass die Gas-Pipeline Nord Stream 2 zu Ende gebaut wird. Sie fürchten, dass Deutschland von Russland abhängig wird – statt von amerikanischem Flüssiggas. Unsere Kolumnistin Ursula Weidenfeld erklärt die Zusammenhänge.

Einreiseverbot, das Sperren von Konten, Visa-Entzug: Das sind Vokabeln aus der diplomatischen Kriegsführung, die normalerweise gegen politische und wirtschaftliche Vertreter von Schurkenstaaten wie Nordkorea, dem Iran oder Venezuela angewendet werden. Jetzt aber sollen sie auch gegen Deutschland, gegen europäische Manager verhängt werden. Beschlossen von den USA, dem wichtigsten Verbündeten Deutschlands. Wegen des Baus einer Gaspipeline in der Ostsee. Das klingt bizarr, ist es aber nicht. Denn es geht um eine der wichtigsten Verschiebungen von politischen und wirtschaftlichen Einflusssphären in Europa.

Was hat Trump gegen die Gaspipeline?

Um zu verstehen, was den Zorn des US-Präsidenten, der Demokraten und Republikaner in Senat und Repräsentantenhaus erregt hat, muss man die geplante und fast fertig gebaute Ostseepipeline Nord Stream 2 genauer anschauen. Im kommenden Jahr soll die über 2.000 Kilometer lange und 9,5 Milliarden Euro teure Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland fertig gebaut sein. Sie verläuft in der Ostsee – parallel zur bereits fertiggestellten Schwesterleitung Nord Stream 1 – und umgeht damit früher wichtige Transitländer wie die Ukraine. Nur rund 300 Kilometer fehlen noch, bis demnächst jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas nach Lubmin bei Greifswald fließen können.

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Die USA wollen nun verhindern, dass Nord Stream 2 zu Ende gebaut werden kann, um den "bösen" Einfluss Russlands in Westeuropa zurückzuschlagen, wie es in dieser Woche im Senat hieß. Nicht nur in den USA, auch in Osteuropa fürchten die Regierungen und Abgeordneten, dass Russland durch die Pipeline Abhängigkeiten schaffen kann, die es später nutzt, um Europa politisch und militärisch erpressen zu können. Die Ukraine und die baltischen Staaten haben Angst vor Russlands Präsident Wladimir Putin und seinen Machtgelüsten.

Die Gaspipeline hat Einfluss auf das europäische Machtgefüge

Wer leugnet, dass sich mit der Gasleitung die wirtschaftlichen und politischen Gewichte in Europa verschieben können, ist naiv. Fast 40 Prozent des deutschen Gasverbrauchs könnten durch Nord Stream 2 abgedeckt werden. In diesem Zusammenhang von drohender Abhängigkeit zu reden, liegt nahe. Und es wäre vor zehn Jahren tatsächlich grundrichtig gewesen.

Doch heute ist die Lage eine andere. Zwar wird das russische Gas auf absehbare Zeit eine überragende Rolle spielen. Doch es gibt auch Alternativen, abhängig muss sich niemand mehr machen. Denn auch die USA gehören neuerdings zu den Gasexporteuren. Seitdem die Schiefergasvorkommen auf dem amerikanischen Kontinent ausgebeutet werden können, sind die USA vom einst größten Netto-Energieimporteur auf die Verkäuferseite gewechselt. Der Nachteil: Amerikanisches Gas ist teuer. Es muss aufwendig aus dem Gestein herausgepresst werden. Danach wird es auf weniger als 160 Grad Celsius heruntergekühlt und komprimiert, und dann auf Spezialschiffe geladen. 28 LNG-Terminals für die Anlandung von Flüssiggas (LNG steht für Liquified Natural Gas) wurden in den vergangenen Jahren in den Großhäfen des Mittelmeers, der Nord- und Ostsee gebaut, Deutschland will die tiefgekühlte Energie demnächst möglicherweise in Wilhelmshaven und Brunsbüttel anlanden.

Auf der energiepolitischen Landkarte des 21. Jahrhunderts sind Deutschland und Europa damit zur Grenzregion zwischen zwei Interessensphären geworden. Hier wird überdeutlich, welche Überlegungen Donald Trump leiten, wenn er verlangt, dass der Bau gestoppt wird – und welche Strategie der russische Präsident neuerdings mit seinen Liebesgrüßen aus Moskau verfolgt: Es geht nicht nur um die Ukraine, die demnächst möglicherweise ohne die Transfergelder für die Durchleitung des russischen Gases auskommen muss. Es geht nicht nur um die territoriale Unversehrtheit des Baltikums. Es geht auch um die künftigen Märkte. Wenn man sich nämlich der Sicht vieler westlicher Staaten anschließt, dass Gas eine Brückentechnologie in das Zeitalter der erneuerbaren Energie ist, wird es schon bald zu viel Gas geben.

Spätestens in der Mitte des Jahrtausends wird der Verbrauch deutlich sinken. Vielleicht werden nicht einmal alle Erdgasvorkommen ausgebeutet.

Der Wettbewerb heizt das politische Klima an

Das verschärft den Wettbewerb in der Gegenwart und sorgt gleichzeitig dafür, dass sich auch das politische Klima erhitzt. "Die europäische Energiepolitik wird in Europa entschieden, nicht in den USA", erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der vergangenen Woche sehr knapp und sehr deutlich. Wenn sie dabei bleibt, wird sie sich auch daran gewöhnen müssen, dass Europas Sicherheitsinteressen künftig ebenfalls stärker in Europa entschieden werden müssen.


Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen" https://tonspurwissen.podigee.io

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