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Energiewende: Bürger gehen auf die Barrikaden

Bürger wehren sich gegen die Stromzukunft

24.05.2011, 16:26 Uhr | dpa, t-online.de, dpa

Energiewende: Bürger gehen auf die Barrikaden. Energiewende: Überlandleitungen sollen Strom vom Norden in den Süden bringen (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Überlandleitung: Ausbau der Trassen soll beschleunigt werden (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Immer mehr Menschen machen mobil gegen die Stromzukunft in Deutschland. Denn die bedarf gigantischer Stromtrassen, die breite Schneisen durch die Landschaft ziehen und diese verschandeln. Das passt den Anwohnern nicht, die auf die Barrikaden gehen - und damit der Bundesregierung erhebliche Probleme bereiten. Ohne die Trassen, die den Windstrom von der Küste in den Süden des Landes bringen, wird es für die rosige Energiezukunft düster. Denn im Süden liegen energieintensive Industrien, die den deutschen Aufschwung tragen. In Thüringen zeigt sich beispielhaft, wie festgefahren die Situation ist.

Widerstand im Thüringer Wald

Weite Täler, grüne Wiesen, Vogelgezwitscher und ein laues Lüftchen, das den frischen Duft des Waldes herüber weht. Für viele Deutsche ist der Thüringer Wald ein traumhaftes Wandergebiet. Für Petra Enders ist er Heimat - aber sie hat einen Albtraum: Bis zu hundert Meter hohe Strommasten reihen sich mit einer hundert Meter breiten Schneise quer durch den Wald. Enders, Bürgermeisterin der Gemeinde Großbreitenbach und Linke-Landtagsabgeordnete, ist das Gesicht des Protests im Thüringer Wald - und damit ein Problem für die Berliner Politik.

Die Stromautobahnen in Deutschland müssen dringend ausgebaut werden. Da sind sich Netzbetreiber, EU und Bundesregierung einig. Denn für einen Atomausstieg benötigt Deutschland Leitungen, die den Windstrom aus Nordostdeutschland zu den Verbrauchszentren im Südwesten bringen. Die setzen bislang stark auf Atomstrom. Doch deutschlandweit regt sich Protest: In Nordhessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen. In Thüringen kämpfen Enders und Co seit fünf Jahren gegen eine Starkstromleitung - quer durch den Thüringer Wald und direkt über den Rennsteig.

Bundesregierung setzt auf ein Gesetz

Mit einem Machtwort will die Bundesregierung die Hindernisse aus der Welt schaffen. Es heißt Netzausbau-Beschleunigungsgesetz, kurz Nabeg. Planungsverfahren vereinfachen, Zuständigkeiten beim Bund bündeln und Ausgleichszahlungen für betroffene Kommunen einführen, sind die Mittel der Wahl. "Eine Frechheit", nennt Enders die Pläne. Statt mit Basta solle die Politik lieber einmal auf die Argumente eingehen. "Es geht uns nicht darum, den Atomausstieg zu blockieren. Wir wollen nur nicht, dass der Strom von morgen mit der Technik von gestern transportiert wird."

Die Trassengegner in Thüringen haben schon vor Jahren eine Studie bei dem Wiesbadener Netzausbau-Experten Lorenz Jarass in Auftrag gegeben. Sein Fazit: Die geplante Trasse ist überflüssig. Stattdessen sollte erst die vorhandenen Leitung mit neuer Technik aufgemotzt werden. Mittelfristig gehe sowieso kein Weg an einem europaweiten Gleichstromnetz vorbei, dessen Leitung nach Süden man im Gegensatz zu den jetzigen Wechselstromleitungen problemlos entlang der ICE-Trasse durch den Thüringer Wald legen könnte.

Streit um Notwendigkeit der Stromtrasse

Für Jarass beginnen die Fehler schon bei der Bedarfsrechnung. Sie gehe davon aus, dass Kapazität für 90 Prozent der installierten Windenergieleistung bereitstehen müsse. "Tatsächlich liegt die Stromerzeugung meist deutlich darunter - und erreicht so gut wie nie diese Werte." Und wenn doch - "vielleicht zweimal eine viertel Stunde im Jahr" - müsse bei starkem Wind halt das ein oder andere Windrad gestoppt werden. Er halte das für eher vertretbar als mit einer nur für seltene Spitzen notwendigen Stromtrasse "eines der schönsten Mittelgebirge Deutschlands" zu verschandeln.

Netzbetreiber 50Hertz hält die Berechnungen von Jarass weder für nachvollziehbar noch für richtig. An der bestehenden Leitung würden schon eine Vielzahl Verbesserungen ausprobiert. Mit der derzeit zugelassenen und auf dem Markt erhältlichen Technik sei die von Jarass angenommene Leistung aber nicht zu erreichen. Ähnlich verhält es sich mit der Gleichstromleitung, sagt Unternehmenssprecher Volker Kamm. "Das ist Zukunftsmusik." Gleichstrom lohne sich nur für lange Strecken zwischen zwei Orten. Der Strom könne zwischendurch nicht umgeleitet oder anderweitig genutzt werden. Die Leitung wäre im Vergleich zum bestehenden Netz unflexibel. "Unser jetziges Kapazitätsproblem löst das nicht."

Technik noch gar nicht auf dem Markt

Die Gegner ärgern sich über diese Argumentation: Stichhaltig widerlegt hätte das Unternehmen die Argumente nicht, sagt Enders. Verweise auf die Marktreife der Technik und fehlende Zulassungen? "Das ist alles eine Frage des politischen Willens", sagt sie und Jarass ergänzt: "Natürlich gibt es die Technik noch nicht auf dem Markt, weil sie bisher keiner nachfragt. Aber sie liegt in den Schubladen und wird gebaut, sobald sie bestellt wird." Die Gegner sind entschlossen, weiter zu kämpfen.

Sollte die Baugenehmigung kommen, folgt die Klage beim Bundesverwaltungsgericht, sagt Enders. "Die Zeit spielt für uns." Das weiß auch 50-Hertz-Sprecher Kamm: "Ich wage keine Prognose, wie lang das in Thüringen noch dauern wird." Er hoffe, dass es durch neue Trassen im Westen etwas Entlastung gebe. Schon jetzt sei das Netz häufig an der Belastungsgrenze. Auch er hat einen Albtraum: Stromausfall wegen Netzüberlastung. 50Hertz und die anderen drei Übertragungsnetzbetreiber sehen bei einem dauerhaften Aus für bis zu acht AKW ohnehin eine massive Blackout-Gefahr - gerade im Winter. Hinzu komme, dass die Nord-Süd-Trassen mangels neuer Netze bei zu viel Wind jetzt schon am Limit seien. Damit führt wohl über kurz oder lang nichts an einem neuen Stromnetz in Deutschland vorbei, dass dem veränderten Strom-Mix Rechnung trägt.

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