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Hypothekenkrise: 175 Millionen Abfindung für Merrill-Lynch-Vorstandschef Stan O'Neal

Managergehälter  

8,4 Milliarden Verlust - 175 Millionen Abfindung

29.10.2007, 12:51 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Stan O'Neal (Foto: Merrill Lynch)Stan O'Neal (Foto: Merrill Lynch) Er war der mächtigste Schwarze an der Wall Street: Stan O'Neal, Vorstandschef von Merrill Lynch, einer der größten Investmentbanken der Welt. Doch durch die Subprime-Kreditkrise geriet auch sein Milliardenkonzern in dramatische Schieflage - jetzt ist O'Neal seinen Job los.



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Immer dasselbe Spiel
Führungswechsel an der Wall Street bahnen sich gerne übers Wochenende an. Der Ablauf ist stets ähnlich. Ein Konzern gerät in Schieflage, Verwaltungsrat und Aktionäre beginnen zu murren, pikante Interna werden den Medien zugespielt. Die Dinge schaukeln sich hoch, und dann, meist nach dem freitäglichen Börsenschluss, wird der Vorstandschef diskret zur Rechenschaft gebeten. Noch vor Montag ist er seinen Job los.

Der Sohn eines Baumwollfarmers
So auch diesmal. Das Opfer: Stan O'Neal, CEO von Merrill Lynch, einer der weltgrößten Investmentbanken. Lynch war bis jetzt der mächtigste Schwarze in der US-Finanzwelt, wenn nicht gar der mächtigste Top-Banker überhaupt. Der Sohn eines Baumwollfarmers und Enkel eines Sklaven aus Alabama hatte sich über Harvard bis hin zum Wall-Street-Multimillionär hoch gerackert, mit einem verglasten Chefbüro an der Südspitze Manhattans, im World Financial Center, dem Zentrum der Geldmacht.

Ende nach fünf Jahren im Amt
Doch nun nahm O'Neals "American-Dream"-Aufstieg ein jähes Ende, nach knapp fünf Jahren im Spitzenamt: Der Verwaltungsrat von Merrill Lynch einigte sich nach Berichten der "New York Times" und des "Wall Street Journals" übers Wochenende auf seinen Rausschmiss. O'Neal sei dem aber durch "freiwilligen" Rücktritt zuvorgekommen - der übliche Formschlenker in solchen Fällen, um das Gesicht zu wahren. Eine amtliche Mitteilung seines Abgangs wird heute erwartet.

Opfer der Subprime-Kreditkrise
O'Neal ist das bisher höchstrangige und prominenteste Opfer der Subprime-Kreditkrise, die auch die großen Wall-Street-Häuser immer mehr in ihren Sog reißt. Allen voran Merrill Lynch: Vergangene Woche landete die Investmentbank abgrundtief in den roten Zahlen, mit einem Quartalsverlust von 2,24 Milliarden Dollar - dem höchsten in seiner Geschichte. Grund: Wegen seiner Verstrickung ins Geschäft mit Ramschhypotheken musste der Finanzkonzern allein 8,4 Milliarden Dollar abschreiben, wesentlich mehr, als O'Neal kalkuliert hatte.

O'Neal war ganz locker
Im Vergleich dazu sind die anderen New Yorker Investmentbanken noch glimpflich davongekommen. Lehman Brothers und Bear Stearns mussten wegen des Subprime-Dramas im dritten Quartal je 700 Millionen Dollar abschreiben, Morgan Stanley 940 Millionen Dollar, Goldman Sachs 1,5 Milliarden Dollar. Noch im August hatte O'Neal sich ganz locker gegeben: Die Hypothekenkrise sei "relativ gut eingegrenzt, und es gibt keine klaren Zeichen, dass sie in andere Unterbereiche des Kreditmarktes überschwappt", sagte er damals in einem Interview. Verhängnisvolle Worte.

Es wurden Fehler gemacht
Als sich das Quartalsdebakel andeutete, versuchte O'Neal zurückzurudern. Dazu tat er den ungewöhnlichen Schritt, persönlich an der Zwischenbilanz-Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten teilzunehmen, um die kochenden Gemüter zu beruhigen, auch intern. "Es wurden Fehler gemacht", gab er dabei zu und erklärte, er sei für die Misere "haftbar" zu machen.

Analysten gingen scharf vor
Es half ihm wenig: Die Analysten gingen ihn scharf an, die Rating-Firma Standard & Poor's stutzte Merrills Kreditwürdigkeit noch während des leidigen Telefonats von A+ auf AA-, die "Fehlleistungen des Managements" monierend. Schlechtes Omen: Zweimal wurde die einstündige Konferenzschaltung unvermittelt unterbrochen - einmal von Warteschleifendudelmusik, einmal von einem Test des Feueralarmsystems.

Köpfe werden rollen
Die Resonanz auf das Quartalsergebnis war verheerend. Der Merrill-Aktienkurs kippte. "O'Neals Glaubwürdigkeit hat einen enormen Schlag erlitten", resümierte der Wirtschaftsblog "Breakingviews" des "Wall Street Journals" und attestierte O'Neal ein "dilettantisches Risikomanagement". "Köpfe werden rollen", prophezeite auch der Börsen-Blogger Todd Sullivan. Das "New York Magazine" rief eine "Stanley-O'Neal-Totenwache" aus.

Front gegen O'Neal formiert
Prompt formierte sich eine Front namhafter Kritiker. "Dies war eine großartige Firma, und sie wird nicht gut geführt", erklärte zum Beispiel Win Smith, der Sohn des Merrill-Mitbegründers Winthrop Smith, der seinerzeit den Machtkampf um den Chefposten gegen O'Neal verloren hatte und daraufhin unwirsch aus dem Unternehmen gekegelt worden war. "Sie braucht in Zukunft die richtige Führungskraft."

"Bedeutender Bruch des Firmenprotokolls"
Und so machten sich die Aasgeier ans Werk. Irgendjemand - anscheinend ein Mitglied des Verwaltungsrats - lancierte am Freitag an die "New York Times", O'Neal habe, um Merrill zu retten, eine Fusion seines angeschlagenen Konzerns mit der Großbank Wachovia sondiert. Mit anderen Worten: einen Ausverkauf des 93-jährigen Traditionshauses. Dazu habe er Wachovia-CEO Kennedy Thompson persönlich angerufen - und zwar ohne Rücksprache mit dem Merrill-Board. Dies, steckte der Informant der "NYT", sei "ein bedeutender Bruch des Firmenprotokolls". Der Verwaltungsrat - der einen Zusammengang mit Wachovia für "derzeit nicht wahrscheinlich" halte - erwäge deshalb nun, O'Neal zu feuern.

46,4 Millionen Dollar Gehalt
Dies ist der Stoff schönster Wall-Street-Intrigen. Für das Board war O'Neals Unbotmäßigkeit der sprichwörtliche letzte Tropfen im übervollen Fass - und die treffliche formelle Ausrede, ihn zu schassen - nach 20 Jahren im Dienst für die Traditionsfirma. Schon länger nämlich grummeln die Verwaltungsräte und auch die Anteilseigner, dass Merrill Konkurrenten wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley hinterherhinkt. Kein Wunder, dass der 56-jährige O'Neal - der allein voriges Jahr 46,4 Millionen Dollar an Gehalt und Bonus einstrich - als Erster unter die Räder kam. Seine allseits bekannte Freude zum Investment-Risiko rächte sich nun bitter.

O'Neals Feinde streuten Indiskretionen über den Banker
Doch noch etwas anderes ließ schon vorab Böses ahnen für O'Neal. Als der kühl kalkulierende Merrill-Veteran Ende 2002 nach internen Kämpfen zum CEO des Konzerns aufrückte, als erster Schwarzer überhaupt an die Spitze einer Wall-Street-Firma, da machte er sich mehr Feinde als Freunde. Er feuerte über ein Dutzend Top-Manager und ersetzte sie durch treue Vasallen, um seine wacklige Autorität zu stützen. Bald nannten sie ihn hinter vorgehaltener Hand "Mullah Omar" und seine Riege die "Taliban". Die Abservierten tragen ihm das bis heute nach - und standen jetzt Gewehr bei Fuß, durch gezielte Indiskretionen und Querschüsse seinen Abgang zu befördern. Genauso war es vor zwei Jahren auch Philip Purcell gegangen, dem damaligen CEO von Morgan Stanley.

Verhängnisvolle Worte
Schon vor Verkündung der Quartalszahlen hatte das Board O'Neal in die Zange genommen. Eine Sitzung am vor vergangenen Sonntag sei "sehr gereizt" verlaufen, steckte ein Teilnehmer dem "Wall Street Journal". Wortführer der Kritiker war nach Informationen der "Financial Times" Verwaltungsrat Armando Codina, der mächtigste Immobilienfürst Miamis und ein guter Freund von US-Präsident George W. Bush. Ironie der Geschichte: O'Neal hatte Codina 2005 selbst ins Board geholt. "Er bringt enorme finanzielle, betriebliche und strategische Erfahrung mit", hatte O'Neal ihn da gelobt. Abermals: verhängnisvolle Worte.

Auf der Suche nach dem Nachfolger
Dem Flurfunk zufolge begann der Rat daraufhin schon Ende vergangener Woche, einen Nachfolger für O'Neal zu suchen. Als aussichtsreichster Outsider - neben diversen internen Merrill-Kandidaten - gilt danach offenbar Larry Fink, 54, der als eher risikoscheue bekannte CEO der Investmentfirma BlackRock, an der Merrill Lynch 49 Prozent hält. Auch Börsenchef John Thain wurde genannt, soll aber abgewinkt haben.

Ein letztes Dinner mit den Brokern
O'Neal machte noch einen halbherzigen Versuch, die hausinternen Truppen auf seine Seite zu bringen. Er lud seine Top-Broker zum Dinner ein, ein ungewöhnlicher Zug. Doch da kursierten die Gerüchte über seinen Rausschmiss längst. Auch O'Neal selbst hatte sich da offenbar bereits mit seinem Schicksal abgefunden: Zu Beginn des Wochenendes habe er Freunden anvertraut, er erwarte das Aus, meldete der TV-Wirtschaftssender CNBC.

175 Millionen Dollar Abfindung
Die Reaktion der Börse sagte alles: Die Merrill-Aktie schloss zum Wochenende aufgrund der Rücktrittsspekulationen 8,5 Prozent im Plus. Damit erhöhte sich O'Neals vertraglich verankertes Abfindungspaket - schon so satte 159 Millionen Dollar - durch ein paar praktische Aktienoptionen um weitere 16 Millionen Dollar.

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