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"Die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können"

Adolf Merckle  

"Die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können"

08.01.2009, 11:54 Uhr | bab, dpa, dapd, t-online.de

Adolf Merckle hat sich an diesen Gleisen das Leben genommen (Fotos: dpa)Adolf Merckle hat sich an diesen Gleisen das Leben genommen (Fotos: dpa) Tragisches Ende eines erfolgsverwöhnten Großindustriellen: Der durch die Finanzkrise und Fehlspekulationen zuletzt stark in Bedrängnis geratene Milliardär Adolf Merckle hat sich trotz der vorläufigen Rettung seines Imperiums am Montag bei Ulm von einem Zug überfahren lassen. Die wirtschaftliche Notlage seiner Unternehmen (Ratiopharm, HeidelbergCement) und "die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", hätten den 74-Jährigen gebrochen, teilte die Familie am Dienstag mit. "Er hat sein Leben beendet."

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Drama auf den Gleisen

Der mit einem geschätzten Vermögen von 6,9 Milliarden Euro fünftreichste Mann Deutschlands wurde am späten Montagnachmittag nahe seiner Wohnung in Blaubeuren von Mitarbeitern der Deutschen Bahn entdeckt. Die daraufhin veranlassten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Ulm brachten "klare Hinweise" darauf, dass es sich bei dem Getöteten um Merckle handele. Letzte Sicherheit zur Identität der Leiche soll im Laufe der Woche eine DNA-Analyse bringen. Seine Angehörigen meldeten den 74-Jährigen noch am gleichen Abend als vermisst.



"Die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können"

Die letzten Tage und Stunden von Merckle bleiben im Dunkeln, der Unternehmer soll jedoch einen Abschiedsbrief hinterlassen haben. In einer ersten Erklärung wendete sich die sichtlich geschockte Familie an die Öffentlichkeit. In der Erklärung heißt es: "Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet."

Verkauf als einzige Option

Merckles Firmenimperium - zu dem der Pharmakonzern ratiopharm und der Zementhersteller HeidelbergCement gehören - war durch die Finanzkrise und nach Verlusten bei Spekulationen mit VW-Aktien ins Wanken geraten. Zuletzt hatte es wochenlange zähe Verhandlungen mit den Gläubigerbanken über einen Überbrückungskredit in Höhe von 400 Millionen Euro gegeben. Im Gegenzug sollte Merckle die Kontrolle über wichtige Teile seines Unternehmensgeflechts abgeben.

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Bürgschaften abgelehnt

Merckles Vorgehen sorgte teilweise für heftigen öffentlichen Protest, seit er im November mit dem Land Baden-Württemberg über eine Landesbürgschaft für seine Unternehmen gesprochen hatte. Die Vorsitzende der Landes-FDP, Birgit Homburger, hatte noch am Montag betont, ihre Partei habe eine solche Bürgschaft damals verhindert. "Bürgschaften sind dazu da, Arbeitsplätze zu sichern und nicht um Spekulationsverluste zu sozialisieren", sagte Homburger am Montag vor Bekanntwerden von Merckles Tod.



Erbstücke

Der Finanzierungsbedarf Merckles wurde in Finanzkreisen auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt. Weitere Quellen sprechen davon, dass auf Merckles Vermögensverwaltung VEM mindestens Schulden in Höhe von drei bis fünf Milliarden Euro lasten. Hintergrund der Krise bei VEM sind Kapitalerhöhungen vor allem bei HeidelbergCement, die teilweise mit Krediten finanziert wurden. Als Sicherheiten für diese Kredite wurden Aktien hinterlegt. Durch die Finanzkrise ist deren Wert abgestürzt und ein Verkauf von Firmenanteilen galt als wahrscheinlich. Als heißester Kandidat galt hier ausgerechnet ratiopharm, das Unternehmen, mit dem die Merckles groß geworden sind.

Geschäfte gehen weiter

Auf die Bemühungen zur Sanierung von Merckles Vermögensgesellschaft VEM soll der Tod des 74-Jährigen jedoch keine Auswirkungen haben. Bei VEM gibt man sich zuversichtlich. Die letzten Vereinbarungen, die Merckle kurz vor seinem Tod mit den rund 30 Gläubigerbanken geschlossen hatte, wiesen in die richtige Richtung, erklärte eine VEM-Sprecherin in Ulm. Merckle habe "als Familienunternehmer zahlreiche Unternehmen zu nachhaltigem Wachstum geführt und damit die Voraussetzungen für eine dynamische Entwicklung von Wirtschaftsstandorten in ganz Deutschland geschaffen".

Bestürzung in der Politik

Einen ähnlichen Nachruf gab es von Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU), der Merckle als "große Unternehmerpersönlichkeit" würdigte. "Trotz der Finanzprobleme der letzten Wochen hat Adolf Merckle ein mittelständisches Unternehmen von europäischer Bedeutung aufgebaut. Sein unternehmerisches Vermächtnis bleibt", betonte Oettinger in einer Mitteilung. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte in Berlin: "Er war ein leidenschaftlicher Unternehmer und bedeutender Mäzen. Das Gemeinwesen lag ihm immer sehr am Herzen."

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