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Merckle-Mitarbeiter fürchten um ihre Zukunft

Unternehmer-Selbstmord  

Merckle-Mitarbeiter fürchten um ihre Zukunft

08.01.2009, 09:22 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Die Angestellten von Ratiopharm auf dem Weg zur Arbeit (Foto: dpa)Die Angestellten von Ratiopharm auf dem Weg zur Arbeit (Foto: dpa) Unmittelbar vor seinem Freitod hat Adolf Merckle noch wichtige Unterschriften geleistet, um den Verkauf von Ratiopharm zu ermöglichen. Bei seinen Mitarbeitern mischen sich in die Trauer nun Angst und Trotz. Denn dem Konglomerat steht ein tiefgreifender Umbau bevor.


Belegschaft gibt sich verschlossen

Die Büste in der Eingangshalle der ratiopharm-Zentrale ist mit weißen Blütenblättern umstreut. Eine große Kerze steht vor dem tönernen Kopf des Firmenpatriarchen Adolf Merckle. Als Zeichen von Trauer will ein Mitarbeiter das Arrangement aber nicht verstanden wissen. Das sei immer so, lautet die knappe Antwort. Die Belegschaft des Pharmaunternehmens gibt sich verschlossen. Sprechen möchte keiner. Mit gesenktem Kopf eilen sie an der am Eingang aufgestellten Fernsehkamera vorbei.

Business as usual

Beobachtet von der Öffentlichkeit, demonstrieren ratiopharm-Angestellten "business as usual". "Hier wird gearbeitet, sicher", sagt ein Mitarbeiter, der gerade in die Mittagspause geht. Er klingt verwundert. So erschütternd die Katastrophe auch sein mag, es wäre wahrscheinlich schon logistisch unmöglich gewesen, allen frei zu geben.

Im Ratiopharm-Werk in Ulm blasse Gesichter

Als die Nachricht durch Deutschland ging, dass der Firmengründer des Generikaherstellers Adolf Merckle sich das Leben genommen hat, war im ratiopharm-Werk in Ulm wie überall im Land Feiertag. Heilige Drei Könige. An diesem Mittwoch geht das Geschäft am Hauptsitz bei Ulm - einen Tag nach der schockierenden Nachricht - einfach weiter. Lastwagen stauen sich auf dem Gelände mit den riesigen grauen Hallen und den modernen Bürogebäuden. In der Mittagszeit können Besucher am Anmeldetresen die Mitarbeiter beobachten, die hinter einer riesigen Glasfront in die Kantine strömen. Scheinbar wird geplaudert und gescherzt wie immer.

Wie es weitergeht, weiß niemand so genau

Auch der Pressesprecher will nicht groß zitiert werden, er kommt auf Anfrage herbeigeeilt, blass, eine frisch gedruckte Pressemeldung in der Hand. "Mit größter Bestürzung haben die Geschäftsführung und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ratiopharm-Gruppe gestern vom Tod Adolf Merckles erfahren", steht da. Was soll man auch sonst sagen? Wie es weitergeht? Das weiß auch von den Mitarbeitern wohl niemand so genau. Von der Geschäftsleitung erfahre man derzeit nicht viel mehr, als ohnehin schon in der Presse stehe, sagt einer. "Ich weiß nicht mehr als Sie."

Trauer am Sitz der HeidelbergerCement

Nicht viel anders sieht es in Heidelberg aus, dem Sitz des zweiten Merckle-Schwergewichts HeidelbergCement . Der aschgraue Betonblock mit dem grünen Firmenlogo reckt sich in den stahlblauen Himmel. Die markanten Stein-Skulpturen vor der weitläufigen Anlage in der Berliner Straße sind schneebedeckt. Bei arktischen Temperaturen von minus 15 Grad traut sich kaum jemand vor die Tür.

"Alle nehmen Anteil an der Tragödie"

Hinter der Fassade ist es dagegen alles andere als ruhig. Alles dreht sich heute nur um ein Thema: "Sie können sich vorstellen, dass auf den Gängen und in den Büros nur über den Tod von Herrn Merckle gesprochen wird", sagt ein Mitarbeiter. "Keiner weiß, was das nun für uns bedeutet." Die Mehrheit der Angestellten ist betroffen. Der Familienunternehmer war beliebt am Neckar. "Dass der Einschlag im eigenen Haus passiert, damit rechnet man dann doch nicht", sagt eine Frau, die hastig durch die eisige Kälte hinüber zur Kantine stapft. Sie schüttelt den Kopf: "Alle nehmen Anteil an dieser Tragödie."

Liquiditätslücke kann geschlossen werden

Hinter den Kulissen bemühen sich derweil die Mitglieder des Familien-Clans fieberhaft um die Rettung des Lebenswerks ihres Vaters. Später am Tag verkündet der Sprecher der Familienholding VEM, Detlev Samland, den Durchbruch. Die rund 30 Gläubigerbanken hätten bereits die nötigen Unterschriften für einen Überbrückungskredit geleistet, erklärt er. Dadurch könne das Imperium mit insgesamt rund 100.000 Mitarbeitern kurzfristig vor der Insolvenz bewahrt werden. Jetzt ist der Weg frei für einen Kredit von mehr als 400 Millionen Euro, um die klaffende Liquiditätslücke zu schließen.

Vor dem Freitod das Haus bestellt

Wie es aussieht, hat der Firmenpatriarch vor seinem Freitod das Haus bestellt. Alle Unterlagen und Anträge hatte er unterschrieben, bevor er sich das Leben nahm. Ein brisantes Detail der Vereinbarung wird wenig später an diesem Tag bekannt. Merckle musste dem Verkauf von ratiopharm zustimmen. "Um die Finanzierungssituation der Gruppe nachhaltig neu zu strukturieren, sind die Familie Merckle und die Banken übereingekommen, den Generikahersteller ratiopharm zu veräußern", heißt es lapidar in einer Presseerklärung. Ein Treuhänder solle den Verkauf des Pharmaunternehmens begleiten.

Kein Schleuderpreis für ratiopharm

Allerdings soll das Unternehmen "definitiv nicht in diesem Jahr" verkauft werden, berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf Unternehmenskreise. Dass es frühestens 2010 zu einem Verkauf komme, daran gebe es "wegen des derzeit schlechten Marktumfelds und weiterer firmeninterner Gründe keinerlei Zweifel". Zwar würden viele Banken ratiopharm am liebsten sehr schnell verkaufen, solange der Erlös ausreiche, um ihre Kredite abzudecken, heißt es. Die Merckle-Gruppe werden den Pharma-Produzenten aber auf keinen Fall "verschleudern" und deshalb ein besseres Marktumfeld für den Verkauf abwarten.

Weitere Abstriche wahrscheinlich

Experten schätzen den Wert des Generikaherstellers auf zwei bis drei Milliarden Euro. Angesichts des großen Schuldenberges - in Presseberichten war von Ausständen in Höhe von bis zu fünf Milliarden Euro die Rede - wird die Familie möglicherweise um weitere Einschnitte nicht herumkommen.

Trotz und Wut bei Ratiopharm in Blaubeuren

Im ratiopharm-Werk an Merckles Wohnsitz in Blaubeuren löst die Nachricht über einen bevorstehenden Verkauf Bestürzung aus. Trauer und Wut ist auf den Gesichtern der Mitarbeiter zu erkennen, die das Werk am Nachmittag nach Schichtende verlassen. In die Trauer um den Patriarchen mischen sich nun Zukunftsangst und auch Trotz. "Wir arbeiten hier ganz normal weiter", sagte eine Angestellte im Vorbeigehen.

Merckles Sohn verliert Macht

Es bleibt nicht die letzte Hiobsbotschaft dieses Tages. Denn die Gläubiger haben auch durchgesetzt, dass der Merckle-Clan in dem Konglomerat an Einfluss verliert. Adolf Merckles Sohn Ludwig werde sich aus der Gruppe zurückziehen, teilte die VEM mit. Nach dem Selbstmord des Firmenpatriarchen war sein Sohn gemeinsam mit ratiopharm-Finanzchefin Susanne Frieß Geschäftsführer der VEM.

Geschäfte werden lückenlos weitergeführt

Für die Sanierung der Unternehmen habe der Tod des Firmenlenkers keine Auswirkungen, fügte VEM-Sprecher Samland hinzu. Da Adolf Merckle in keinem Unternehmen alleiniger Geschäftsführer gewesen sei, könnten die Geschäfte lückenlos fortgeführt werden. Seine Geschäftsanteile gingen an seine Kinder über.

Identität muss noch zweifelsfrei bestätigt werden

Der Zeitpunkt für eine Trauerfeier war am Mittwoch noch unklar. Zuerst müsse die Staatsanwaltschaft die sterblichen Überreste freigeben, teilte die Familie mit. Die Ulmer Ermittlungsbehörde hatte einen DNA-Test angeordnet, um letzte Zweifel an der Identität des Leichnams auszuräumen. Mit dem Ergebnis wird im Laufe dieser Woche gerechnet.

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