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Ausbildungsmarkt: Leere bei der Lehre

Rezession  

Leere bei der Lehre

16.07.2009, 16:13 Uhr | Yasmin El-Sharif, Spiegel Online, Spiegel Online

Krise schlägt voll auf Lehrstellenmarkt durch (Foto: dpa)Krise schlägt voll auf Lehrstellenmarkt durch (Foto: dpa) Die Krise schlägt voll auf den Ausbildungsmarkt durch: Allein im Juni ist die Zahl der neuen Lehrstellenverträge um 9,3 Prozent eingebrochen. Experten fürchten, dass es noch weit schlimmer kommt.#

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"Alle warten ab"

Werner Geier kennt Zeiten wie diese. Seit 41 Jahren arbeitet er bei der Arbeitsagentur Stuttgart - und immer hat er den Ausbildungsmarkt genau verfolgt. Dass die Lehrstellensuche im Sommer für Jugendliche schwierig ist, sei üblich, sagt Geier. Doch in diesem Jahr ahnt er Schlimmeres. Er fürchtet, dass die Krise in der Exportindustrie - die im Stuttgarter Raum besonders stark vertreten ist - in den kommenden Monaten voll auf den Ausbildungsmarkt durchschlägt. "Alle warten ab", sagt er.

Zahl der Ausbildungsverträge dramatisch eingebrochen

Die schlimme Befürchtung Geiers scheint jedoch schon eingetreten zu sein. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist bereits im Juni bundesweit dramatisch eingebrochen. Nur rund 170.000 neue Ausbildungsverträge wurden bei den Industrie- und Handelskammern und im Handwerk abgeschlossen - und damit 9,3 Prozent weniger als vor einem Jahr. Besonders gravierend sieht die Situation in Ostdeutschland aus. Hier stellten die Betriebe 11,5 Prozent weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung als in den Vorjahren. In Westdeutschland nahm die Zahl um neun Prozent ab.

Krise hat Lehrstellenmarkt erreicht

"Die Krise macht sich zunehmend auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar", sagt Thilo Pahl vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). So seien die Unternehmen bei der Personalplanung wesentlich vorsichtiger als in den Vorjahren. Zugleich ginge aber auch die Zahl der Bewerber zurück - weil sie demografiebedingt weniger würden, aber auch weil beide Seiten von den Krisenmeldungen abgeschreckt würden. Zum einen sähen sich die Jugendlichen derzeit nach Alternativen um, etwa nach weiterführenden Schulen, zum anderen warteten die Betriebe ab, wie sich die Situation entwickle, schildert Pahl die Lage. "Wenn sich die Konjunktur wiederbelebt, könnte sich das Blatt also noch wenden."

Experten fürchten ein Minus von mehr als zehn Prozent

Daran mag Hermann Nehls nicht glauben. Der Ausbildungsexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sieht die schlimmsten Zeiten auf dem Lehrstellenmarkt noch kommen. Die Gefahr bestehe, dass die Ausbildungszahlen noch weiter in den Keller rutschten, sagt er. "Dann kann das Minus bei den Ausbildungsplätzen am Ende des Jahres sogar weit über zehn Prozent liegen."

Krise mehr als eine Delle?

Dabei deutete vor wenigen Monaten noch vieles darauf hin, dass die Krise den Ausbildungsmarkt in diesem Jahr nur leicht streifen würde. Der DIHK, in dessen Bereich etwa 60 Prozent aller Lehrstellen fallen, machte Hoffnung, dass die Zahl der neuen Plätze trotz der schweren Krise um nur fünf Prozent zurückgehen könnte. Nur im schlimmsten Fall sei ein Minus von maximal zehn Prozent zu erwarten, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben im März. Das Handwerk, das rund 30 Prozent aller Ausbildungsplätze anbietet, versprach sogar stabile Zahlen.

DIHK: Situation wird schwieriger

Inzwischen entfernt sich der DIHK aber immer weiter von seinem Positiv-Szenario. "Es ist wahr, wir befinden uns schon jetzt am unteren Rand unserer Prognose", sagt Experte Pahl. "Und je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird die Situation." Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) räumt ein: "Die Ausbildungszahlen im Juni deuten darauf hin, dass das hohe Niveau der beiden Vorjahre nicht erreicht werden kann."

Wirtschaft will sich nicht auf eine Zielmarke festlegen

Insgeheim fürchtet die Wirtschaft selbst das Schlimmste. So wollten sich die Verbände kürzlich partout nicht auf eine Zielmarke von 600.000 neuen Ausbildungsplätzen einlassen, wie sie Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) gefordert hatte. Dabei waren im vorigen Jahr noch 616.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. 2007 war sogar ein Rekord von 626.000 neuen Plätzen erreicht worden.

DGB: Keine guten Aussichten

DGB-Experte Nehls ist sich daher sicher, dass sich die Situation kaum noch verbessern kann. Stattdessen erwartet er, dass es nun verstärkt zu einer Bestenauswahl auf dem Lehrstellenmarkt komme. "Für die schlechter Qualifizierten sieht die Zukunft wahrlich düster aus", sagt er. Und noch eine Gruppe werde es hart treffen: die Altbewerber, die schon in früheren Jahren nicht zum Zuge gekommen sind.

Die Zahl der Schulabgänger geht rapide zurück

Auch Reinhold Weiß, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) rechnet damit, dass die Zahl der Altbewerber wieder zunimmt - nachdem sie in den vergangenen Jahren leicht auf rund 320.000 abgebaut werden konnte. "Die Gefahr ist groß, dass diese Gruppe weiter abgehängt wird", sagt er. Doch Weiß warnt auch: "Es wird nicht allzu lange dauern, dann werden sich die Betriebe um jeden Jugendlichen reißen." Der Grund: Schon in diesem Jahr verlassen Zehntausende Jugendliche weniger die Schule. Die Zahl der Bewerber dürfte deshalb um 30.000 bis 40.000 zurückgehen. Ein Trend, der sich in Zukunft noch verstärkt. "Dann werden die Unternehmen, die heute nur die Krise im Blick haben, ihre Entscheidung noch bitter bereuen."

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