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Alkohol am Arbeitsplatz: Wegsehen ist die falsche Devise

Alkohol am Arbeitsplatz  

Wegsehen ist die falsche Devise

09.08.2010, 14:35 Uhr | Vivien Leue, dpa

Alkohol am Arbeitsplatz: Wegsehen ist die falsche Devise. Alkohol am Arbeitsplatz: Schnell ansprechen. (Foto: Imago)

Alkohol am Arbeitsplatz: Schnell ansprechen. (Foto: Imago)

Die Schnapsfahne am Morgen, der etwas unsichere Gang über den Büroflur, das leichte Lallen im Gespräch: Wer regelmäßig zu viel Alkohol trinkt, fällt auf. Dennoch schauen Kollegen oft weg. Damit schaden sie Betroffenen mehr, als sie ihnen helfen. Wir erklären Ihnen, wie Sie am besten reagieren, wenn ein Kollege alkoholkrank oder gefährdet ist.

"Je früher jemand auf sein Alkoholproblem angesprochen wird, desto besser für ihn", sagt auch Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. Denn in einem frühen Suchtstadium ist es um einiges leichter, vom Alkohol loszukommen: Hannelore weiß das nur zu gut. Die Lehrerin hat jahrelang an ihrem Arbeitsplatz getrunken.

Krankheit am besten früh durchbrechen

Seit mehr als 20 Jahren ist sie trocken und Mitglied der Anonymen Alkoholiker. Deren Grundsatz zuliebe, dass jeder gleich ist, egal ob Firmenchef oder Lehrling, will sie ihren vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. "Wenn ich zurückblicke, ist es sehr schade, dass die Hilf- und Sprachlosigkeit bei den Kollegen so groß war", sagt sie. Die Alkoholsucht sei eine Krankheit des Lügens und Verleugnens - auch vor sich selbst. "Je früher dieser Kreislauf durchbrochen wird, desto besser."

Denn wer darauf angesprochen wird, dass er nach Alkohol riecht oder unkonzentriert wirkt, gerät unter Druck. "Und je größer der Druck, desto größer ist die Chance, dass jemand auch etwas unternimmt", erklärt Hannelore. Warum sie damals von ihren Kollegen jahrelang gedeckt wurde, weiß sie nicht so recht. "Angeblich hat's kein Mensch gemerkt." Sie hat dann von sich aus den Schritt zu den Anonymen Alkoholikern gewagt und die Sucht nach langen Kämpfen überwunden. Heute arbeitet Hannelore wieder als Lehrerin.

Ute Pegel-Rimpl versucht dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst so weit wie bei Hannelore kommt. Sie leitet ein Büro für betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe in Hannover und geht als Trainerin in Verwaltungen und Unternehmen. Dort versucht sie, den Mitarbeitern die Augen zu öffnen für das Problem Alkohol am Arbeitsplatz. "Es geht dabei nicht nur um diejenigen, die schon in den Brunnen gefallen sind, sondern auch um die, die einen riskanten Alkoholkonsum haben."

Auf Alarmsignale achten

Denn die Übergänge vom normalen Trinkverhalten zum Alkoholmissbrauch sind fließend. Eine Abhängigkeit entwickelt sich nicht von heute auf morgen, sondern oft im Laufe mehrerer Jahre. Ein Alarmsignal kann sein, wenn ein Kollegen sich bei Betriebsfesten immer wieder bis zum Rausch betrinkt. Aber auch das tägliche Feierabendbier ist auf Dauer nicht gesund. Wer zudem morgens oft verkatert zur Arbeit kommt, Stimmungsschwankungen zeigt oder nervös und reizbar ist, sollte darauf angesprochen werden.

Ute Pegel-Rimpl schätzt, dass jeder fünfte bis zehnte Mitarbeiter in einem Unternehmen einen riskanten oder gar schädlichen Konsum mit Suchtmitteln aufweist. Es ist also nicht so unwahrscheinlich, dass man selbst einen solchen Mitarbeiter im Betrieb hat. "Das Problem ist: Je netter ein Kollege ist, umso kränker muss er oft werden, bis er endlich angesprochen wird", sagt Pegel-Rimpl.

Mitteilen, was man wahrnimmt

Wie sich so ein Gespräch beginnen lässt, erklärt DHS-Sprecherin Merfert-Diete: "Ich kann den Kollegen darauf aufmerksam machen, was ich an ihm wahrnehme." Auch falls er alles von sich weist - und das tun die meisten erst einmal - sollten Beschäftigte darauf beharren, dass sie das Verhalten des anderen nicht mehr normal finden. "Ich kann sagen: Du, soweit ich das weiß, kann Alkohol schnell zum Problem werden, und ich habe das Gefühl, dass das bei Dir der Fall ist."

Suchtexpertin Pegel-Rimpl rät, dem Kollegen offen zu sagen, dass einem das Gespräch schwerfällt und dass man das Thema nicht gerne anspricht. "Ich kann demjenigen auch sagen, dass ich es nicht ansprechen würde, wenn ich ihn nicht mögen würde." Ein guter Einstieg sei auch: "Ich möchte lieber mit Dir sprechen als über Dich." Auf eines sollte man sich vor dem Gespräch einstellen: "Man kann das Thema nicht ansprechen, ohne den anderen zu verärgern oder ohne dass sich der andere danach erst einmal zurückzieht."

Zeit zum Nachdenken geben

Ein guter Gesprächszeitpunkt ist deshalb kurz vor dem Feierabend oder dem Wochenende. So hat der Kollege Zeit, in Ruhe über das Gehörte nachzudenken. Besonders gut ist es, wenn gleich mehrere Kollegen ihn ansprechen. Das können sie nacheinander oder auch zusammen tun. "Wenn viele auf den Kollegen zukommen, dann muss er sich Gedanken machen", sagt Merfert-Diete.

Das sieht auch Hannelore so: "Je mehr einen darauf ansprechen, desto schwerer ist es, die Sucht zu verleugnen, und desto ist größer der Druck, etwas zu unternehmen." Sie hätte sich eine solche Offenheit vor allem von ihren befreundeten Kollegen gewünscht. "Bei Freunden ist es doch unerlässlich, dass man die Wahrheit ausspricht."

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