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Streit um Sprachverbot: Kein Türkisch im Job?

Streit um Sprachverbot: Kein Türkisch im Job?

11.07.2011, 11:38 Uhr | t-online.de, sia, t-online.de

. Darf der Chef verlangen, dass im Job ausschließlich Deutsch gesprochen wird? (Foto: imago)

Darf der Chef verlangen, dass im Job ausschließlich Deutsch gesprochen wird? (Foto: imago)

Darf der Chef Mitarbeitern verbieten, am Arbeitsplatz eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen - etwa Türkisch? Um einen Streit zwischen einem Luftsicherheitsassistenten am Flughafen mit türkischen Wurzeln und seinem Arbeitgeber über die Verwendung der türkischen Sprache im Job ging es kürzlich vor dem Arbeitsgericht Hannover. Wir erläutern Ihnen den Fall und zeigen, wann der Boss die Sprache in der Firma bestimmen darf.

Mann wehrt sich vor Gericht

Der 30-jährige Flughafenangstellte aus Garbsen mit türkischen Wurzeln ist in Deutschland geboren und spricht nach Medienangaben akzentfreies Deutsch. Er ist nach Angaben des Gerichts seit 2002 für das Sicherheitsunternehmen tätig und wollte sich auch am Arbeitsplatz mit ebenfalls türkischstämmigen Kollegen in seiner Muttersprache unterhalten. Ein Schichtleiter, der das mitbekam, soll ihn bild.de zufolge harsch zurechtgewiesen haben, dass "die Amtssprache Deutsch sei". Gegen das Türkischverbot wehrte sich der Mann vor dem Arbeitsgericht.

Gegenüber bild.de hatte der 30-Jährige erklärt, es sei selbstverständlich, dass er mit Reisenden ausschließlich Deutsch rede. Dass ihm aber generell untersagt wurde, Türkisch zu sprechen, empfinde er als diskriminierend. Der Arbeitgeber hingegen hatte demnach vor Gericht behauptet, der Mitarbeiter habe während einer Schulung im Beisein deutscher Kollegen die türkische Sprache benutzt, also keine Freizeit oder Pause gehabt.

Unstimmigkeiten über Urlaub und Arbeitsschichten

Allerdings scheint nicht allein der Sprachstreit das Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Unternehmen getrübt zu haben. Kilian Wucherpfennig, Direktor des Arbeitsgerichts Hannover, erklärte im Gespräch mit t-online.de, es habe außerdem Unstimmigkeiten über eine 2010 erteilte Abmahnung, die Forderung des Mannes nach einem längeren Urlaub und die Zuweisung seiner Schichten gegeben.

Türkisch nur außerhalb des Arbeitsbereichs

Am Ende einigten sich die Parteien Wucherpfennig zufolge auf einen Vergleich. Der gibt eine deutliche Sprachregelung vor: Der Luftsicherheitsassistent darf Türkisch sprechen - jedoch nicht in Schulungs- und Arbeitsräumen. Unterhaltungen auf Türkisch muss der Mann sich damit für die Pausen aufsparen, die er jenseits des Arbeitsbereichs verbringt.

Arbeitgeber kann sich auf Direktionsrecht berufen

Der Kompromiss mag eine Lösung des Einzelfalls sein - eine aktuelle Rechtssprechung zur Frage der Sprache am Arbeitsplatz gebe es aber derzeit nicht, erläutert Kati Kunze, Fachanwältin für Arbeitsrecht in der Kanzlei Steinkühler in Berlin. Die Vorgabe einer bestimmen Sprache durch den Arbeitgeber sei - sofern nicht anders im Arbeitsvertrag geregelt - an das Direktionsrecht des Chefs gekoppelt.

Sprachvorgabe muss mit Arbeitspflichten zusammenhängen

Demnach darf der Arbeitgeber Inhalt, Ort und Zeit der Arbeitsleistung und das Verhalten des Mitarbeiters bestimmen, solange arbeitsvertraglich keine andere Regelung besteht. Eine Arbeitsanweisung, im Job nur Deutsch zu sprechen, dürfe nach dem Direktionsrecht nur gerechtfertigt sein, wenn die Erfüllung der vertraglichen Arbeitspflicht damit in unmittelbarem Zusammenhang stehe, betont die Expertin.

Zu prüfen sei zudem, ob ein solches Sprachverbot eine Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft des Mitarbeiters darstelle, meint Arbeitsrechtlerin Kunze. Sie sieht im Fall des Flughafenangestellten eine "mittelbare" Diskriminierung. Die Anweisung, im Job nur Deutsch zu sprechen, benachteilige Angestellte, deren Muttersprache nicht Deutsch ist: Sie dürften im Gegensatz zu den deutschen Kollegen ihre Muttersprache nämlich nicht benutzen. Die Forderung, sogar bei Gesprächen im Kollegenkreis ausschließlich Deutsch zu sprechen, ist Kunze zufolge im vorliegenden Fall weder erforderlich noch angemessen.

Jobchancen nur für deutsche Muttersprachler?

Streits um die richtige Sprache und Sprachkenntnisse am Arbeitsplatz beschäftigen die deutschen Arbeitsgerichte immer wieder. Als diskriminierend hat das Arbeitsgericht Berlin zum Beispiel angesehen, dass ein Unternehmen für eine Tätigkeit als Servicekraft eines Infopoints nur deutsche Muttersprachler einstellen wollte (Az.: 16952/08).

Chef darf schriftliche Deutschkenntnisse verlangen

Das Hamburger Arbeitsgericht bewertete ein Auswahlverfahren für Briefträger als mittelbare Diskriminierung, bei dem nach kurzen Telefonaten mit den Bewerbern Jobkandidaten abgelehnt wurden, deren Muttersprache nicht Deutsch war. Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) liegt jedoch keine Benachteiligung vor, wenn der Chef schriftliche Deutschkenntnisse von einem Arbeitnehmer fordert, damit dieser Arbeitsanweisungen verstehen und seine Aufgaben erfüllen kann (Az.: 2 AZR 764/08).

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