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Während OPs privat telefoniert: Bundesarbeitsgericht kippt Kündigung eines Chefarztes

Bundesarbeitsgericht: Während OP telefoniert - Chefarzt behält Job

29.10.2012, 14:38 Uhr | t-online.de - sia

Während OPs privat telefoniert: Bundesarbeitsgericht kippt Kündigung eines Chefarztes. Privat telefonieren im OP - kein Grund für einen Rauswurf (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Privat telefonieren im OP - kein Grund für einen Rauswurf (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Geschichte klingt wie ein schlechter Scherz, die richterliche Entscheidung ist kaum zu fassen: Ein Chefarzt telefonierte während Operationen mit seinem privaten Handy und wurde deshalb fristlos gekündigt. Der Chirurg wehrte sich gegen den Rauswurf - und die höchsten deutschen Arbeitsrichter gaben ihm jetzt Recht. Der 52-Jährige darf seinen Job behalten. Wir erläutern Ihnen, was dahinter dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) steckt.

Fristloser Rauswurf nach Meinungsverschiedenheiten

Der entlassene Mediziner arbeitete seit 2005 als Chefarzt der Abteilung Allgemein- und Viszeral-, also Bauchchirurgie in der Klinik. Im Juni 2008 kam es zu Konflikten zwischen Arzt und Klinik. Der Chirurg wurde aufgefordert, sich auf sein "Kerngeschäft Viszeralchirugie zu konzentrieren" und andere Operationen zu unterlassen, heißt es im Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Mainz. Noch im selben Monat wollte das Krankenhaus sich von dem Mediziner trennen, der lehnte jedoch ein Abfindungsangebot als "nicht verhandlungsfähig" ab.

Im September 2008 erhielt der Chirurg dann die fristlose Kündigung. Die Begründung: Der Chirurg habe bei Operationen Patienten teilweise mit offenen Operationswunden für Gespräche auf seinem nicht sterilen Privathandy auf dem OP-Tisch liegen lassen und die Operation unterbrochen. Das Vertrauensverhältnis zu dem Arzt sei irreversibel zerstört, seine Weiterbeschäftigung daher nicht zumutbar.

Diensttelefon im Operationssaal erlaubt

Zwar sei es in der Klinik üblich, für Notfälle das sogenannte Arzttelefon mit in den OP zu nehmen. Die Kommunikation werde dabei von einem Kollegen übernommen, der sich mit dem operierenden Arzt abspreche und diesem das Telefon nur in äußerst wichtigen Fällen ans Ohr halte. Auf keinen Fall werde der Operationsvorgang dabei unterbrochen.

Der Mediziner hielt dagegen, es sei im Krankenhaus nicht generell verboten gewesen, Mobiltelefone zu nutzen, sondern üblich. Er habe im Operationssaal ausschließlich dienstlich telefoniert und seine Arbeit dafür nicht unterbrochen. Den Vorwurf seines Ex-Arbeitgebers stellte er laut LAG-Urteil "durch nichts belegte" Unterstellung dar.

Zeugen berichten von krassen Situationen

Gegen seine Version sprachen allerdings Zeugenaussagen anderer Klinikmitarbeiter. Eine Zeugin berichtete etwa von zwei bis drei Telefonaten pro Vormittag. Demnach hat der 52-Jährige etwa im OP mit seiner Ehefrau gesprochen. Bei einer Krampfader-Operation soll der Chefarzt sogar "zwischen Leistenverschluss und Strippen der Vene" telefoniert haben, so dass ein anderer Chirurg auf ihn warten musste.

Außerdem habe der Entlassene andere Mitarbeiter von ihrer Arbeit abgelenkt. "Wir wurden eigentlich immer von ihm aufgefordert, ans Handy zu gehen", erklärte eine Zeugin laut der LAG-Entscheidung. Die Bitte einer Kollegin, ein Telefonat zu beenden, weil der Blutdruck eines Patienten "im Keller" gewesen sei, habe der Chefarzt ignoriert.

Normale Kündigung ausgeschlossen

Die Mainzer Richter sahen das alles zwar als schwere Pflichtverletzungen an, die eine fristlose Entlassung prinzipiell rechtfertigen würden - nicht jedoch in dem konkreten Fall. Eine spezielle Klausel im Arbeitsvertrag des Chirurgen schloss eine normale Kündigung nach Ablauf der Probezeit aus.

Bei seiner Entscheidung berücksichtigte das Gericht zudem die "soziale Schutzbedürftigkeit" des Arztes als verheirateten Vater von zwei Kindern. Darüber hinaus sei aufgrund seines Verhaltens kein Patient geschädigt worden. Vor allem aber hätte der Mann vor einer fristlosen Kündigung abgemahnt werden müssen, befand das LAG.

BAG: Abmahnung fehlt

Seinem Urteil schlossen sich die Bundesarbeitsrichter an. Sie verwiesen ebenfalls auf die fehlende Abmahnung und erklärten die Entlassung als unverhältnismäßig. Eine Besonderheit des Falls sei die Nutzung des Diensttelefons im Operationssaal, sagte BAG-Sprecherin Inken Gallner im Gespräch mit t-online.de. Der Mediziner musste demnach nicht eindeutig davon ausgehen, dass er sein Handy nicht mit in dem OP nehmen durfte.

Ob der Arzt sich mit dem Urteil des BAG jedoch seinen Arbeitsplatz auf Dauer gesichert hat, ist ungewiss: Die Klinik hat Inken Gallner zufolge noch zwei weitere Kündigungen gegen ihn ausgesprochen, über die noch nicht entschieden wurde.

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