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DDR-Wirtschaftsbosse blicken zurück

DDR-Wirtschaftsbosse blicken zurück

06.02.2013, 07:38 Uhr | dapd

DDR-Wirtschaftsbosse blicken zurück. Das ehemalige Braunkohle-Kombinat Espenhain südlich von Leipzig (Quelle: imago images)

Das ehemalige Braunkohle-Kombinat Espenhain südlich von Leipzig (Quelle: imago images)

Die Wirtschaft der DDR ist zwar nicht als Erfolgsmodell bekannt. Dennoch haben ehemalige Bosse aus Ostdeutschland einiges zu erzählen. Nun geben sie erstmals Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit. Früher hießen sie Generaldirektoren. Heute wären sie vergleichbar mit Managern von Großkonzernen. Denn sie leiteten riesige Unternehmen, Kombinate genannt, mit tausenden Mitarbeitern. Doch während Lebensgeschichten von West-Unternehmern eine große Leserschaft finden, sind die ostdeutschen Wirtschaftslenker vergessen. Katrin Rohnstock, Inhaberin des Berliner Biografie-Unternehmens Rohnstock-Biografien, will das ändern.

Erzähl-Salons über die Wirtschaft der DDR

In monatlichen Erzähl-Salons lädt sie nun ehemalige DDR-Wirtschaftschefs ein, um rückblickend zu berichten. Gemeinsam mit dem Verein für lebensgeschichtliches Erinnern und dem Berliner Wirtschaftshistoriker Jörg Roessler will sie so deren Lebenserinnerungen festhalten.

Am Donnerstag spricht in Berlin der frühere Generaldirektor des Außenhandelsbetriebs AHB Industrieanlagen-Import, Herbert Roloff. Der heute 76-Jährige hat Interessantes zu erzählen. Zum Beispiel wie einst die zwei deutschen Staaten trotz der ideologischen Gegnerschaft wirtschaftlich gelegentlich gemeinsame Sache machten. So handelte Roloff unter anderem mit aus, dass das frühere VEB IFA Kombinat Karl-Marx-Stadt Automotoren für den westdeutschen Volkswagen-Konzern sowie für die DDR-eigenen Automarken Wartburg und Trabant bauen sollte.

Foto-Serie mit 14 Bildern

"Wir haben die gesamte Dokumentation gemeinsam erarbeitet, die für die Fertigung gebraucht wurde", sagt Roloff. Außerdem sei sein Betrieb als Vertragspartner aufgetreten, "denn DDR-Betriebe durften ja keine direkten Verträge mit dem Ausland schließen". Insgesamt waren mehrere Jahre Vorbereitung für das Ost-West-Autoprojekt nötig. 1988 liefen die ersten VW-Motoren in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, vom Band.

Nach Roloff werden in diesem Jahr noch andere, einst einflussreiche DDR-Manager zu Wort kommen: Unter ihnen der ehemalige Chef des volkseigenen Gießerei-Werks Gisag Leipzig, Lothar Poppe, der Ex-Manager des Schwermaschinenkombinats Sket Magdeburg, Eckhard Netzmann, und der ehemalige Chef des Energieunternehmens Gaskombinat Schwarze Pumpe, Herbert Richter.

Generaldirektoren zierten sich zunächst

Für Rohnstock ist die DDR-Wirtschaft "so spannend wie ein Krimi" und wie ein "großes Experiment, das nach dem Prinzip Versuch, Irrtum, neuer Versuch funktionierte". Keiner der volkseigenen Betriebe habe dem anderem geglichen. Und diejenigen, die am besten wussten, wie die Ökonomie der untergegangenen DDR im Detail wirklich aussah, "waren die Generaldirektoren", ist sich die Nachwende-Unternehmerin sicher.

Unter ihnen habe es ganz verschiedene Charaktere gegeben, "vom hemdsärmeligen Krisenmanager bis zum feinsinnigen Analytiker", sagt Rohnstock. Sie ist überzeugt davon, dass die Generaldirektoren "mehr Gestaltungsraum hatten, als man denkt". Deren "Erfahrungswissen festzuhalten und dem Vergessen zu entreißen", sei Ziel ihrer aktuellen Erzähl-Salons.

Dafür braucht Rohnstock Fingerspitzengefühl. Um die DDR-Manager dazu zu bringen, aus ihrem Leben zu berichten, sei langwierige Überzeugungsarbeit nötig gewesen. Denn die meisten von ihnen hätten sich zurückgezogen oder resigniert, weil gegen die einseitige Meinung über die DDR-Ökonomie als "Miss-, Mangel- und Kommandowirtschaft" schwer anzukommen sei, sagt die Biografin zur Begründung.

Rohnstock weiß, dass ihr auch Kritik entgegenschlagen kann, wenn sie der früheren DDR-Wirtschaftselite nun eine Bühne bietet. "Uns geht es aber darum zu schauen, wie eine aufs Gemeinwohl ausgerichtete Ökonomie funktioniert hat, und wir versuchen, das von der Ideologie zu entblättern", erläutert sie.

Bisher wenig Interesse an DDR-Managern

Dennoch ist ihr klar, dass wirtschaftliche und politische Macht im DDR-Regime kaum von einander zu trennen waren. "Natürlich, die Partei saß immer mit am Tisch", betont Rohnstock. Doch die Ex-Generaldirektoren berichteten heute offen über die Verbindungen zur Staatsführung.

Rohnstocks Erzählsalons sind allerdings nicht für jedermann zugänglich. Wer sich dafür interessiert, muss sich zuerst melden. Zuhörer werden dann persönlich eingeladen. Mit dieser Exklusivität soll den Erzählenden ein Schutzraum geboten werden.

Am liebsten würde sich die Biografie-Unternehmerin ein wissenschaftliches Forschungsinstitut als Partner an die Seite holen. Doch bislang hätten sich Historiker, Ökonomen oder Politologen kaum für die Berufsbiografien der Ex-DDR-Bosse interessiert. Klar ist aber, wer etwas vom Insiderwissen der einstigen DDR-Manager erfahren will, muss sich beeilen. Die meisten von ihnen sind heute zwischen 75 und 90 Jahre alt.

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