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Studie: Hartz IV wirkt wie ein Stigma

Arbeitslosengeld II  

Studie: Hartz IV wirkt wie ein Stigma

08.08.2013, 13:19 Uhr | dpa, t-online.de, dpa-AFX

Studie: Hartz IV wirkt wie ein Stigma. Hartz IV kann sich für Betroffene zum Teufelskreis entwickeln (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Hartz IV kann sich für Betroffene zum Teufelskreis entwickeln (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nach einer Studie der Universität Jena haben Empfänger von Hartz IV nicht nur mit knappen Finanzen zu kämpfen, sondern seien auch gesellschaftlich stigmatisiert. Als "Hartzi" identifiziert zu werden, sei ähnlich wie im Süden der USA eine dunkle Hautfarbe zu haben, sagte der Soziologe Klaus Dörre im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Der Experte bescheinigt den Hartz-IV-Reformen eine fatale Bilanz.

Sinnvolle Beschäftigung statt Sanktionen

Dörre plädiert dafür, die Sanktionen gegen Bezieher von Arbeitslosengeld II (ALG II) aufzuheben und stattdessen für mehr sinnvolle Beschäftigung zu sorgen, etwa im Pflege- und Bildungssektor. Außerdem sei ein gesetzlicher Mindestlohn erforderlich.

Die Hartz-IV-Logik produziere das Gegenteil von dem, was sie leisten wolle: "Sie erzeugt Passivität, wo sie Aktivierung vorgibt", erklärt der Wissenschaftler am Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Uni Jena. Der Anspruch sei gewesen, die Erwerbsorientierung der Betroffenen zu verändern. Dörre sieht darin einen aussichtslosen Plan. Seiner Ansicht nach eignen sich Menschen die Erwerbsorientierung im Laufe ihres Lebens an, sie ließe sich nicht einfach umformen.

Bild vom faulen Arbeitslosen stimmt nicht

Auch dem Grundsatz des Forderns und Förderns steht der Soziologe skeptisch gegenüber. Den Hartz-Reformen liege das Bild der faulen, passiven Langzeitarbeitslosen zugrunde, die es sich in der Hängematte des Wohlfahrtsstaates bequem machen. Das hätten die Forscher jedoch nicht feststellen können.

Der Großteil der Hartz-IV-Bezieher sei von sich aus aktiv. Es gebe lediglich eine kleine Gruppe mit einem Anteil von acht bis zehn Prozent der Leistungsbezieher, die nicht mehr könne und nicht mehr wolle. Bei dieser Gruppe bewirken laut dem Fachmann auch Sanktionen nicht viel. Ein teurer Überwachungsapparat sei deshalb unsinnig: "Eine reiche Gesellschaft muss so eine Gruppe aushalten."

Teufelskreis kaum zu durchbrechen

Für Betroffene bleibt es schwer, in den regulären Arbeitsmarkt zurückzufinden. "In den sieben Jahren (der Befragung) haben wir bei manchen zehn, zwölf Stationen - Ein-Euro-Job, Praktikum und Ähnliches - am Ende ist man aber immer wieder im Leistungsbezug", fasst Dörre seine Erfahrungen zusammen. Es gebe eine größer werdende Gruppe von Menschen, die an oder unterhalb der Schwelle der Respektabilität lebe und da nicht mehr herauskommen.

Dem Forscher zufolge wirkt Hartz IV wie ein Stigma. Das Zusammenlegen von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe sei verkauft worden als Besserstellung von Sozialhilfebeziehern. "Das Gegenteil ist richtig", fasst Dörre zusammen. In der Folge würden jetzt etwa Frauen im Osten, die lange berufstätig waren und dann in die Grundsicherung fielen, auf eine Stufe gestellt werden mit Sozialhilfebeziehern. Das sei eine enorme Kränkung.

Betroffene driften in Isolation

Im Alltag würden Hartz-IV-Empfänger mit dem Stigma, das an ihnen hafte, immer wieder konfrontiert. Daraus resultieren Verhaltensweisen, die Betroffene von der übrigen Gesellschaft abschotten. Mangel an Geld und Anerkennung führen laut Dörre dazu, dass ALG-II-Bezieher zum Beispiel Menschen mit Jobs meiden, um das Gespräch über ihre Situation zu vermeiden, nicht mehr in die Kneipe gehen, weil sie Bekannten kein Bier ausgeben können.

Sinnvolle Beschäftigung statt Sanktionen

"Man trifft sich immer häufiger mit seinesgleichen und entwickelt einen Überlebenshabitus, der der Gesellschaft die Stigmatisierung erleichtert", erklärt der Soziologe. Das führe immer weiter in die Isolation, sei eine Spirale nach unten. Für die Untersuchung wurden Hartz-IV-Bezieher über sieben Jahre wiederholt befragt.

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