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Haftbefehl gegen Middelhoff: Fluchtgefahr nach Drei-Jahre-Urteil

Richter sieht Fluchtgefahr  

Haftbefehl gegen Middelhoff nach Drei-Jahre-Urteil

14.11.2014, 14:08 Uhr | dpa, AFP, rtr, t-online.de

Haftbefehl gegen Middelhoff: Fluchtgefahr nach Drei-Jahre-Urteil. Der ehemalige Chef von Arcandor, Thomas Middelhoff, hat eine Haftstrafe bekommen - und einen Haftbefehl

Middelhoff zu drei Jahren Haft verurteilt (Screenshot: Reuters) (Quelle: dpa)

Für den ehemaligen Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, kam es heute knüppeldick. Nachdem er am Vormittag zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, verkündete das Essener Landgericht kurz darauf auch noch einen Haftbefehl gegen ihn. Das Gericht sehe derzeit Fluchtgefahr bei dem früheren Topmanager, sagte der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt. Er ordnete deshalb Untersuchungshaft an. Ausschlaggebend dafür seien die Höhe der verhängten Freiheitstrafe, der Wohnsitz im Ausland und die unklare berufliche Situation des Managers.

Allerdings wolle sich das Gericht unmittelbar nach dem Ende der Urteilsverkündung im Gespräch mit Middelhoff und seinen Verteidigern um eine "mildere Maßnahme" bemühen. Ein Gerichtsprecher betonte, dass der Haftbefehl nach weiteren Gesprächen unter den Verfahrensbeteiligten möglicherweise noch im Laufe des Tages wieder außer Vollzug gesetzt werden könne. Derzeit befinde sich Middelhoff im Gerichtsgebäude in Untersuchungshaft - eine Entscheidung des Gerichts werde voraussichtlich gegen 15.00 Uhr vorliegen.

Zuvor hatte Richter Schmitt gesagt, Middelhoff habe sich der Untreue in 27 Fällen und der Steuerhinterziehung in drei Fällen schuldig gemacht, mit einem Schaden von gut 500.000 Euro. Die sechsmonatige Verhandlung habe die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu großen Teilen bestätigt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Middelhoff nahm den Richterspruch mit versteinerter Miene zur Kenntnis. Seine Verteidiger können gegen die Entscheidung Revision beim Bundesgerichtshof einlegen.

Mit dem überraschend harten Urteil blieb das Gericht nur geringfügig unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von drei Jahren und drei Monaten. Haftstrafen von mehr als zwei Jahren können nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. Middelhoffs Anwälte hatten Freispruch gefordert.

Richter kritisiert Aussagen von Middelhoff

Der Angeklagte habe sich in seinen Aussagen in zahlreiche Widersprüche verstrickt, sagte Richter Schmitt. "Es ist leider so gewesen, dass wir überzeugt sind, dass an entscheidenden Stellen des Prozesses (...) ihre Einlassung nicht vom Willen des ehrlichen Umgangs, sondern von verteidigungstaktischen Motiven geprägt war", unterstrich Schmitt. Es habe eine unglückselige Verquickung von beruflichem und privatem Interesse bei Middelhoff gegeben.

Schmitt sagte in der Urteilsbegründung auch, ohne die Arcandor-Insolvenz hätte es das Verfahren wohl nicht gegeben. Denn letztlich sei erst durch "Erbsenzählerei des Insolvenzverwalters" der Prozess ins Rollen gekommen. Doch gehe es nicht um die Insolvenz, sondern um den Umgang Middelhoffs etwa mit den Reisekosten-Regelungen des Unternehmens.

Middelhoff war ursprünglich wegen Untreue in 44 Fällen angeklagt. Das Essener Verfahren war einer der spektakulärsten Wirtschaftsprozesse der vergangenen Jahre und gab ungewöhnliche Einblicke in das Leben eines Topmanagers, für den die Nutzung eines Charterjets so selbstverständlich war, wie für "Normalbürger" der Ticketkauf beim Billigflieger. Middelhoff selbst berichtete im Prozess, er habe in seiner Zeit bei Arcandor 610 Mal Privatjets genutzt. Er selbst habe 201 Flüge bezahlt, die übrigen seien Arcandor in Rechnung gestellt worden.

Angeklagt waren allerdings nur 48 dieser Flüge, bei denen die Staatsanwaltschaft die dienstliche Veranlassung bezweifelte. Das waren zum Teil teure Flüge mit Charterjets nach London und New York, deren Kosten sich im Einzelfall auf mehr als 90.000 Euro summierten.

Mit dem Hubschrauber über den Stau hinweg

Es ging aber auch um vergleichsweise billige Hubschrauberflüge zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Arcandor-Zentrale in Essen zum Stückpreis von etwas mehr als 3000 Euro, mit denen Middelhoff auf dem Weg zur Arbeit dem Stau am Kamener Kreuz entgehen wollte. Außerdem ging es um eine auf Veranlassung von Middelhoff von Arcandor mit 180.000 Euro gesponserte Festschrift für den früheren Bertelsmann-Chef und Middelhoff-Mentor Mark Wössner.

Wössner bezeichnete das Strafmaß für Middelhoff inzwischen als "viel zu hoch". "Mir tut das unendlich leid", sagte Wössner dem "Westfalen-Blatt". Gemessen an anderen Wirtschaftsstrafverfahren seien die Richter über das Ziel hinausgeschossen.

Verfahren war Belastung für den Angeklagten

Middelhoff selbst hatte die Vorwürfe im Prozess immer wieder vehement zurückgewiesen. In seinem Schlusswort vor gut einer Woche hatte er betont, er sei zum einstigen Karstadt-Mutterkonzern gekommen, "um das Unternehmen zu retten, um Arbeitsplätze zu retten". Das insgesamt fünfjährige Verfahren sei für ihn ein Alptraum. "Ich fühle mich in meiner Würde und Ehre verletzt."

Arcandor war 2009 mitsamt seiner Tochterfirmen wie Karstadt und Quelle in die Pleite gerutscht. Middelhoff hatte seinen Posten einige Monate zuvor aufgegeben.

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