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Berthold Huber: Ein Gewerkschafter führt jetzt Volkswagen

Verkehrte Welt vor Hauptversammlung  

Ein Gewerkschafter führt jetzt Volkswagen

27.04.2015, 18:36 Uhr | Von Heiko Lossie und Max-Morten Borgmann, dpa

Berthold Huber: Ein Gewerkschafter führt jetzt Volkswagen. Der neue Mann an der Spitze der VW-Aufseher: Berthold Huber. (Quelle: dpa)

Der neue Mann an der Spitze der VW-Aufseher: Berthold Huber. (Quelle: dpa)

Gewerkschafter statt Großaktionär: Nach dem Machtkampf bei Deutschlands größtem Autobauer und dem nicht ganz freiwilligen Abtritt von VW-Patriarch Ferdinand Piëch wird mit Berthold Huber ein Sozialdemokrat und Ex-Chef von Europas größter Gewerkschaft IG Metall bei der Hauptversammlung in Hannover die Debatte zur Zukunft des Autobauers leiten.

Eine Momentaufnahme, gewiss, denn Huber leitet den Aufsichtsrat nur kommissarisch. Aber es ist ein starkes Symbolbild für den seit jeher großen Einfluss der Gewerkschaften und Arbeitnehmer beim zweitgrößten Autobauer der Welt.

"VW hat kapitalseitig ohnehin eine schwache Aktionärsstruktur, und ohne Piëch ist die nun noch schwächer", sagt Branchenbeobachter Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg/Essen. "Die aktuelle Wende hat die Gewerkschaftsseite noch stärker gemacht."

"Ausdrückliche Unterstützung" der Kapitalseite

Fraglos hat Huber die "ausdrückliche Unterstützung" der Kapitalseite, wie Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD) betont. Es sei der Wunsch der Anteilseigner, dass Huber die Interimsaufgabe übernehme.

Doch die Konstellation ist selten, womöglich einmalig. Ein Beispiel, das ähnlich Geschichte schrieb, war 1968 die Berufung des IG-Metall-Chefs Otto Brenner als Vertreter der Arbeitgeber in den Aufsichtsrat von Krupp. Ein Gewerkschafter als Eigentümervertreter - ein bis dato einmaliges Schulterschluss-Signal.

Kapitalbeteiligung für Arbeitnehmer gefordert

Dass Huber am 5. Mai die VW-Hauptversammlung leiten wird, ist ähnlich delikat. Ein Grund dafür liegt schon ein wenig zurück: 2009, nach den Wirren des Übernahmekampfes zwischen Porsche und Volkswagen, forderte er eine Kapitalbeteiligung für die Arbeitnehmer an dem neuen Autokonzern. Satte zehn Prozent nannte er dabei als Größenordnung.

Damit sollte die Belegschaft als Großaktionär ihre Interessen auf Hauptversammlungen vertreten können. Und die Dividende, so stellte sich Huber das vor, sollte den Belegschaften zugutekommen. "Beim Zusammengehen von Volkswagen und Porsche darf es bei den Arbeitnehmern nur Gewinner geben. Alles andere werden wir als IG Metall nicht akzeptieren", sagte er damals.

Eine, vorsichtig gesagt, mutige Ansage - die ins Leere lief. Eine symbolische Beteiligung der Arbeitnehmerseite gibt es zwar, die aber bringt kaum Kontrolle und keine Dividende.

Gemengelage unter besonderen Vorzeichen

Doch die Gemengelage zwischen Arbeitern und Eigentümern steht bei Volkswagen seit jeher unter besonderen Vorzeichen. Der Konzern entstand zur NS-Zeit mit enteignetem Gewerkschaftsvermögen. Nach dem Krieg drohte das Aus, die Alliierten ließen VW jedoch zum Wohl Deutschlands laufen, legten den Konzern in die öffentliche Hand. Volkswagen sollte Jobs und Wohlstand bringen.

Diesen Wurzeln trägt das erst 2013 von der EU bestätigte VW-Gesetz noch heute Rechnung. Es garantiert Sonderrechte für den VW-Großeigner Niedersachsen. Das Land hat ein Vetorecht, obwohl es dazu aktienrechtlich nicht genug Stimmen hat. Damit ist das Land Zünglein an der Waage - und macht als Fels in der Brandung VW auch für "Heuschrecken"-Investoren unattraktiv.

Huber sagte einst: "Mit einem VW-Gesetz und dessen Beschränkungen bei Standortverlagerungen hätten beispielsweise weder AEG/Electrolux in Nürnberg noch Nokia in Bochum dem Shareholder-Kapitalismus geopfert werden müssen." Und derselbe Huber leitet nun die nächste Versammlung der Aktionäre, der Shareholder (Anteilseigner) von Volkswagen.

Dem Land geht es um die Arbeitsplätze

Arbeitnehmervertreter und Niedersachsen - sie arbeiteten auch in der Führungskrise des Konzerns zusammen. So hatten sie es auch schon in der Porsche-Übernahmeschlacht gemacht. Die Grenze im Aufsichtsrat zwischen der Seite des Kapitals - mit Niedersachsen - und des Arbeitnehmerflügels verschwamm einmal mehr.

Dem Land geht es vor allem um die VW-Jobs, von denen jeder fünfte zwischen Harz und Küste beheimatet ist. Dieses Pfund ist weit wichtiger als Niedersachsens VW-Dividende, die in den Landeshaushalt fließt.

Gegen diese Allianz und die Porsche-Familie konnte selbst VW-Übervater Piëch seine Pläne zur Absetzung von Konzernchef Martin Winterkorn nicht durchboxen. Nun könnte ebenjener seinem langjährigen Ziehvater Piëch an der Spitze des Kontrollgremiums nachfolgen.

Chance für eine Verjüngungskur

Für Aktionärsschützer Ulrich Hocker böte dieser Wechsel die Chance für eine Verjüngungskur. "Jetzt wäre es an der Zeit, dass Martin Winterkorn den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt und in der Geschäftsführung ein Generationswechsel stattfindet", sagte der Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Aus Konzernkreisen heißt es aber auch, man müsse zumindest übergangsweise mit den Aufsichtsräten Ferdinand Oliver Porsche und Hans Michel Piëch rechnen.

Käme Winterkorn tatsächlich auf den Chefkontrolleursposten, würde mit ihm übrigens ein Arbeiterkind aus bescheidenen Verhältnissen oberster Fürsprecher der Kapitalseite bei Deutschlands größtem Konzern. Das klingt einmal mehr nach verkehrter Welt - bei VW ist sie denkbar.

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