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Alptraum "Arbeit 4.0": Wie wir zur bloßen Bedienoberfläche werden

Vordenker Gunter Dueck im Interview  

So sieht unsere Arbeit in Zukunft aus

23.11.2015, 22:24 Uhr | Ulrich Weih

Alptraum "Arbeit 4.0": Wie wir zur bloßen Bedienoberfläche werden. Experte: In Zukunft sollen nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen besser vernetzt sein. (Quelle: imago images/Stephan Görlich)

Experte: In Zukunft sollen nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen besser vernetzt sein. (Quelle: Stephan Görlich/imago images)

Globalisierung und Digitalisierung verändern unsere Arbeitswelt schon heute radikal, von "Arbeit 4.0" ist dabei die Rede. Was bedeutet das - und wie wird die Zukunft unserer Arbeit aussehen?

Während die Industrie beim Stichwort Vernetzung geradezu euphorisch wird, blicken viele Beschäftigte mit Sorgen in die Zukunft. t-online.de hat mit dem Internet-Vordenker und Ex-IBM-Manager Gunter Dueck über die Folgen der Digitalisierung in unseren Jobs gesprochen. 

t-online.de: Was heißt „Arbeit 4.0“?
Gunter Dueck
: "Arbeit 4.0" ist angelehnt an den Begriff "Industrie 4.0". In der Wirtschaft beschäftigt man sich gerade intensiv mit dem "Internet der Dinge". Dabei sollen nicht nur die Menschen, sondern auch Maschinen miteinander vernetzt werden. Das wird zu einer noch viel größeren Automatisierungswelle führen - und diese betrifft dann natürlich auch die Menschen.   

Welche Folgen hat das? 
Es wird eine umfassende Standardisierung in fast allen Bereichen geben. Das heißt, nicht nur Produkte und die Arbeitsabläufe werden standardisiert, sondern beispielsweise auch Beratung, Service und Dienstleistungen. Dann bietet der Mobilfunkanbieter eben nur noch vier verschiedene Handytarife an, bei der Bank stehen nur einige wenige Kontoleistungen zur Wahl, die Versicherung offeriert ausschließlich bestimmte Standardverträge. Dadurch soll der Kunde seine Geschäfte am Computer selbst abwickeln.  

Man sagt, die Dienstleistung oder Beratung kann ja nicht von einer Maschine erbracht werden.  Doch das ist ein Trugschluss: Die Leistungen und Produkte werden in Zukunft eben so standardisiert, dass es passt.

Wie ändert sich die Arbeit konkret?
Zum einen wird sich die Trennung zwischen ausgewiesenen Experten und angelernten Arbeitskräften wohl deutlich verschärfen. "Man trennt die einfachen Arbeiten von den komplizierten - das ist normale, herzlose Betriebswirtschaft. Beispiel Hautarzt: Manchmal ist es sehr schwierig, die richtige Diagnose zu stellen. Wenn diese dann feststeht, muss beispielsweise ein Gespräch über die weiteren Behandlungsschritte geführt oder die Haut eingecremt werden. Diese weiteren Schritte können dann aber einfache Assistenzärzte oder entsprechende Hilfskräfte übernehmen.

Insbesondere für die hochqualifizierten Arbeitnehmer wird sich die Arbeit dadurch sehr stark verdichten. Die einfachen Routinetätigkeiten - also Momente, in denen man nicht hochkonzentriert bei der Sache sein muss - fallen weg.

Beispiel Bank: Leuten eine Auskunft geben, Geld auszuzahlen oder zu wechseln, Kontoauszüge auszuhändigen, eine Buchung vorzunehmen, eine Überweisung ausfüllen - all das fällt weg.

Es bleiben die schwierigen Aufgaben - die Arbeit wird zunehmend komplexer, verantwortungsvoller und stressiger: "Jetzt kommt der Kunde nur noch bei schwierigen Themen wie zum Beispiel bei einem Kreditantrag.   

Der Arbeitsmarkt spaltet sich also in Frontend-Leute, also Menschen, die  eine bessere Bedienoberfläche sind, die klären, was gemacht werden muss und wer dafür zuständig ist. Und in Experten.

Werden dadurch bestimmte Jobs ganz überflüssig?
Ja, klar. Ein Beispiel sind selbstfahrende Autos: Taxiunternehmen brauchen schon bald gar keine menschlichen Fahrer mehr. Dasselbe gilt für Lkw-Fahrer. Speditionen können sehr viel Geld sparen, wenn die Ruhepausen der Fahrer wegfallen und die Transporte ohne Verzögerung unterwegs sind.

Ein weiterer Aspekt ist ein konsequenter Ausbau der Arbeitsteilung. "Das andere sind neue Pooling-Modelle. Beispiel: Ein Handwerkermeister kommt zum Kunden nach Hause, berät ihn und sucht mit ihm die passende Lösung für ein Problem. Anschließend stellt er einen genauen Arbeitsplan auf.

Die Arbeiten selbst werden dann von beliebigen, gerade zur Verfügung stehenden Gesellen ausgeführt. Und zwar mit möglichst standardisierten Modulen, so dass das jeder angelernte Arbeiter kann. Das sind dann reine Teiletauscher.

Arbeitszufriedenheit spielt in Zukunft also eine untergeordnete Rolle?
Dazu müsste man wohl auf einen Teil seines Gehalts verzichten, man verdient also beispielsweise nur noch zwei Drittel von dem, was möglich wäre. Ein Arzt kann sagen, ich werde zwar nicht bezahlt dafür, dass ich mit den Leuten rede und sie so behandele, wie ich das richtig finde. Aber ich mache das trotzdem, einfach, weil es mir damit gut geht. Das kann ich ja tun, dann verdiene ich eben weniger. Es gibt also einen humanen Aspekt der Arbeit, der meine Persönlichkeit mit einschließt, aber der kostet Geld.

Unser Bildungssystem: gut aufgestellt für die Zukunft?
Es gibt momentan die starke Tendenz, die Arbeit so zu standardisieren, dass sie jeder Idiot machen kann. Es werden viele Arbeitsplätze geschaffen, die lediglich im Mindestlohnbereich liegen. Dafür ist unser Bildungssystem gut.

Es kommt also immer auf das Ziel an: Wenn ich nur Hamburgerverkäufer für die bunten Shoppingzentren suche, dann brauche ich dafür keine sehr gut ausgebildeten Menschen.

Ideal wäre es aber, wenn man alle Leute so gut ausbildet, dass sie die Aufgaben von Fachleuten oder Experten übernehmen könnten.

Die Frage ist also: Welche Welt will ich eigentlich? Will ich die Trennung in Elite und Slum?

 (Quelle: imago) (Quelle: imago)Gunter Dueck gehört zu den spannendsten Internet-Vordenkern in Deutschland. Der Mathematiker ist ehemaliger IBM-Manager, Philosoph und Buchautor. Auf der Seite www.omnisophie.com finden Sie mehr über den Experten und Querdenker.

 

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