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Arbeitszeit im Wandel: Angriff auf den Acht-Stunden-Tag

Arbeitszeit im Wandel  

Angriff auf den klassischen Acht-Stunden-Tag

22.12.2015, 11:38 Uhr | Ulrich Weih, dpa , t-online.de

Arbeitszeit im Wandel: Angriff auf den Acht-Stunden-Tag. Zunehmender Stress im Büro - entspannte Freizeit mit der Familie: Die klare Trennung löst sich zunehmend auf.  (Quelle: imago/Thomas Eisenhut/Westend61)

Zunehmender Stress im Büro - entspannte Freizeit mit der Familie: Die klare Trennung löst sich zunehmend auf. (Quelle: imago/Thomas Eisenhut/Westend61)

Wie soll die Arbeitszeit künftig über den Tag und die Woche verteilt werden? Diese Frage rückt zunehmend in den Fokus, denn durch die Digitalisierung ändert sich unsere Arbeitswelt schon jetzt radikal.

Das eröffnet zum einen neue Möglichkeiten jenseits des klassischen Acht-Stunden-Tags von neun bis fünf. Zum anderen kann die Flexibilisierung jedoch auch schnell zum Nachteil für Arbeitnehmer werden.  

Unternehmen und Arbeitnehmer haben unterschiedliche Ziele

Es hört sich so schön an: Nachmittags frei machen, mit den Kindern in den Zoo oder ins Schwimmbad gehen und die restliche Arbeit abends im Homeoffice nachholen. Tatsächlich lässt sich vieles per Laptop und Smartphone auch außerhalb der Firma von zuhause oder im Café erledigen.  

In einigen Branchen ist schon jetzt der klassische Acht-Stunden-Tag mit Anwesenheitspflicht im Büro zum Auslaufmodell geworden. Doch Arbeitnehmer und Unternehmer verfolgen ganz unterschiedliche Ziele, wenn es um eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit geht.  

Vereinbarkeit von Familie und Beruf  

Den Arbeitnehmern geht es vor allem um mehr persönliche Freiheit. "Immer mehr Arbeitnehmer wollen mit entscheiden, wie sie arbeiten", sagt Marta Böning, Arbeitsrechtsexpertin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Viele hoffen, so Beruf und Privatleben besser vereinbaren zu können. 

Vor allem Eltern kämpfen häufig mit starren Vollzeit- oder Teilzeitmodellen. "Den klassischen Alleinverdiener gibt es immer seltener, es ist ganz normal geworden, dass auch die Frau arbeitet", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dies könne der Fall sein, wenn ein Einkommen nicht für die ganze Familie reiche, aber viel häufiger liegt es an veränderten Rollenbildern. 

Sehr viele Frauen wollen nach der Babypause zurück in den Job kommen, vor allem in Teilzeit. "Der Wunsch der Frauen, mehr zu arbeiten, ist da", sagt Yvonne Lott, Arbeitsmarktforscherin bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Dies sei mit flexiblen Arbeitsmodellen besser möglich. Zudem fallen zum Beispiel beim Homeoffice lästige Pendelzeiten weg. Aber es sind keineswegs nur die Frauen: "Die Väter wollen sich mehr einbringen und mehr Zeit mit den Kindern verbringen", so die Forscherin. 

Trennung von Job und Privatem weicht auf 

Doch mobiles Arbeiten und freie Zeiteinteilung sind nicht in jeder Branche und für jeden einzelnen Arbeitsplatz geeignet - und auch nicht für jeden Arbeitnehmer. "Die klare Trennung von Job und Privatleben wird durch flexible Arbeitszeiten aufgeweicht. Das Risiko ist, dass das Berufliche überhandnimmt", gibt Weber zu bedenken. 

Hier müsse vor allem auf die individuelle Situation der Beschäftigten Rücksicht genommen werden. "Der eine sitzt spätabends noch begeistert da, der andere fühlt sich dadurch enorm unter Stress gesetzt." 

Auch eine Sensibilisierung von Führungskräften ist deshalb wichtig. "Sie müssen darauf achten, dass sich die Beschäftigten nicht selbst ausbeuten", sagt Lott. "Beschäftigte, die ihre Arbeitszeiten selbst festlegen, arbeiteten häufig länger und haben eine schlechtere Work-Life-Balance." 

Risiko für Überstunden steigt 

Möglichkeiten zur Flexibilisierung gibt es in Deutschland mittlerweile viele - dazu gehören Arbeitszeitkonten, Gleitzeit oder Arbeit auf Vertrauensbasis. Viel hängt dabei von der Ausgestaltung ab. Sei zumindest ein Zeitrahmen vorgegeben, wie etwa bei der Gleitzeit, funktioniere das meist ganz gut, sagt Lott. 

"Werden dagegen Bonuszahlungen für das Erreichen bestimmter Ziele gezahlt und gibt es keine Arbeitszeitgrenze, ist das Risiko für Überstunden besonders hoch." Deshalb sei eine tägliche Arbeitszeitnorm auch in Zukunft wichtig. 

Gewerkschaftliche Errungenschaften auf der Kippe 

Genau das wollen die Arbeitgeber ändern, sie verlangen von den Mitarbeitern mehr Beweglichkeit - zum Beispiel um die Arbeitszeiten besser der Auftragslage anpassen zu können. "Das Arbeitszeitgesetz sollte von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden, um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden", hatte Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), im Juli gesagt.

Konkret setzt sich die BDA für eine an der EU-Richtlinie orientierte Höchstgrenze für die Wochenarbeitszeit von 48 Stunden ein. Diese soll an die Stelle der deutschen Acht-Stunden-Regel für den Einzeltag treten. Außerdem wollen die Arbeitgeber eine Aufweichung der Regeln für die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden. 

DGB warnt vor gesundheitlichen Risiken 

Der DGB läuft dagegen Sturm. "Man muss keine der bestehenden Schutzgrenzen im Arbeitszeitgesetz verändern, um Flexibilität für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu ermöglichen", kritisiert Böning. Die Gewerkschaften drängen vielmehr darauf, den Schutz der Beschäftigten zu verbessern. Vorbild könnten Vereinbarungen bei großen Konzernen wie Bosch sein, die Regeln für mobiles Arbeiten festschreiben.

"Gerade weil sich die Arbeitswirklichkeit so geändert hat, brauchen wir eine Absicherung gegen die neuen Risiken", sagt Böning. Die Gesundheit der Beschäftigten habe Priorität und dürfe nicht dem Interesse der Unternehmen untergeordnet werden.  

"Nicht belastbarer als vor 30 Jahren"

Wöchentliche Arbeitszeiten von deutlich mehr als 40 Stunden schaden der Gesundheit und auch der Arbeitssicherheit, sind sich Arbeitsmediziner sicher. Zahlreiche Studien hätten Zusammenhänge zwischen langen Arbeitszeiten und gesundheitlichen Problemen wie Magen-Darm-Beschwerden, Rückenschmerzen oder Stressempfinden ermittelt, heißt es bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

"Wir sind heute nicht belastbarer als vor 30 Jahren", sagt Böning. "Aber ein Acht-Stunden-Tag ist heute deutlich anstrengender als damals."

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