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Schuldenkrise: Ratingagenturen bestimmen den Markt

Schuldenkrise  

Macht der Buchstaben: Ratings bestimmen den Markt

07.05.2010, 19:25 Uhr | dpa-AFX, dpa-AFX

Ramschstatus für Griechenland, schlechtere Noten für Portugal und Spanien: Die Ratingagenturen sorgen mitten in der Krise des Euro für Schocks an den Märkten. Nun geraten S&P, Moody's und Co. selbst unter Beschuss. Kritiker fordern einmal mehr, ihre Macht zu beschneiden.

Ratingagenturen beeinflussen die Märkte

Griechenland, Portugal, Spanien - das Dominospiel hat begonnen. Miese Noten der Ratingagenturen für die Schuldensünder schrecken die nervösen Märkten noch mehr auf. In der Finanzkrise noch heftig gescholten, lassen Standard & Poor's und Co. längst wieder die Muskeln spielen und schicken Schockwellen um den Globus. Kritiker werfen den Agenturen schlechtes Timing vor: Ausgerechnet mitten im Ringen um Milliardenhilfe für Griechenland gießen sie Öl ins Feuer. Die Agenturen kontern: Schlechte Nachrichten dürften nicht mit Rücksicht auf die Politik zurückgehalten werden. Wieder einmal wird gefordert, die Macht der Schuldner-Bewerter zu brechen.

Fehlurteile mit krassen Folgen

Es ist noch nicht einmal zwei Jahre her, als die drei Großen der Branche, Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch, wegen krasser Fehlurteile am Pranger standen. Schrottpapiere vom US-Hypothekenmarkt erhielten reihenweise die Bestnote "AAA" ("Triple A"), was Investoren in Scharen lockte - und letztlich Milliarden verbrannte. Genauso daneben lagen die Agenturen bisweilen mit der Bewertung von Banken, die wenig später zusammenbrachen.

Rufe nach unabhängiger Agentur

Wie schon auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ist auch jetzt die Politik empört. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) etwa plädiert für eine unabhängige europäische Agentur - nicht der erste Vorstoß von Politik und deutscher Industrie auch gegen eine angebliche "Amerikalastigkeit" der Agenturen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte schon im Sommer 2008 eine eigene europäische Rating-Agentur.

Ökonom: Vielen wollen Fakten einfach nicht hören

Der Ökonom Jan Pieter Krahnen hält dem entgegen: "Zu denken, dass eine europäische Ratingagentur bessere Ergebnisse produzieren würde, ist eine große Naivität bezüglich der Funktionsweise von Kapitalmärkten." Die aktuelle Kritik an den Agenturen rühre vielmehr daher, "dass etliche Leute die Fakten nicht hören wollen".

Agenturen weisen Kritik von sich

Auch die Agenturen verstehen die Aufregung nicht. "Wir müssen unsere Meinung kundtun, auch wenn es schmerzhaft für den Emittenten ist", sagt der Deutschland-Chef von Fitch Ratings, Jens Schmidt- Bürgel. Die Ratingmethoden seien "klar und transparent gerade im Rating von Ländern". Viele der Daten seien öffentlich zugänglich. Geradezu bescheiden äußert sich der S&P-Europachef Länderrating, Moritz Kraemer: "Unser Rating ist nur eine Meinung von vielen." Er erinnert: "Als ab dem Jahr 2004 Italien, Griechenland und Portugal heruntergestuft wurden, hat kaum jemand davon Notiz genommen."

Falsche Bewertung bleibt folgenlos

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen von Banken, Unternehmen und Staaten (Ratings) Mathematik und was Meinung ist. Hartnäckig halten sich Vorwürfe der Parteilichkeit, weil die Agenturen bisweilen von den Unternehmen bezahlt werden, deren Kreditwürdigkeit sie beurteilen. Trotz ihres Versagens würden sie nicht zur Verantwortung für ihre Fehlurteile gezogen, praktisch bestehe ein Monopol der Agenturen ohne ausreichende Kontrolle, urteilen ihre schärfsten Kritiker. Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank fragt: "Wieso werden jetzt in der Erholung nur die Länder abgestraft, die nachhaltige Reformpolitik betreiben?" Er folgert: "Die Macht der Ratingagenturen ist zu groß."

Herabstufung belastet Länder sehr

In der Tat: Dass S&P den Daumen für Griechenland (Herabstufung auf den Ramschstatus BB+), Portugal (A-) und Spanien (AA) senkte, macht es für die hoch verschuldeten Staaten schwerer und teuerer, sich Geld zu besorgen. Hinzu kommt: Manche Investoren wie Versicherer oder Pensionskassen dürfen bei einer drastischen Herabstufung Anleihen des betreffenden Landes nicht mehr in ihren Depots halten.

Volkswirte: Sünder nicht in einen Topf werfen

Volkswirte warnen davor, die Schuldensünder in einen Topf zu werfen. "Auch wenn es derzeit am Kapitalmarkt anscheinend niemanden interessiert: Die Haushaltslage ist in Portugal deutlich weniger dramatisch als in Griechenland", schreibt Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. Defizit, Schuldenquote, Kapitalbedarf - überall stehe Portugal besser da. Als Hauptgefahr für portugiesische Staatsanleihen sieht Solveen, "dass es unter dem Eindruck der Griechenland-Krise zu einem Käuferstreik am Kapitalmarkt kommt" - ein Beleg für die Macht der Buchstabencodes, die die Agenturen für ihre Bewertung verwenden.

Schäuble: Ratingagenturen nicht überbewerten

Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) und derzeit in Verhandlungen mit Athen über ein Sparpaket, meint, die Agenturen sollten nicht so ernst genommen werden. Ähnlich Finanzminister Wolfgang Schäuble (IWF): Kein Marktteilnehmer werde gehindert, solche Agenturen nicht so ernst zu nehmen. Schäuble hofft auf schärfere Regeln für Rating-Agenturen, die der Bundestag kommende Woche beschließen soll. An den Noten und Urteilen der Agenturen für Euro-Länder allerdings wird dieses Gesetz rein gar nichts ändern.

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