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Wie die Japan-Katastrophe die Weltwirtschaft treffen könnte

Konjunktur  

Wie die Japan-Katastrophe die Weltwirtschaft trifft

15.03.2011, 18:53 Uhr | mmr mit dpa und dapd, t-online.de, dapd, dpa

Wie die Japan-Katastrophe die Weltwirtschaft treffen könnte. Die Weltwirtschaft steht und fällt mit dem AKW Fukushima in Japan (Foto: dpa)

Die Weltwirtschaft steht und fällt mit dem AKW Fukushima in Japan (Foto: dpa)

Noch sind die langfristigen konjunkturellen Auswirkungen der Katastrophe in Japan nicht abzuschätzen. Weder für Japan, noch für die Weltwirtschaft können derzeit seriöse Prognosen abgegeben werden. Alles steht und fällt mit den außer Kontrolle geratenen Blöcken des Atomkraftwerks von Fukushima. Kann der in der Geschichte beispiellose Super-GAU noch vermieden werden? Was passiert, wenn nicht? Selbst Atom-Experten sind unsicher. Die Wirtschaftsredaktion von t-online.de hat Stimmen zu verschiedenen Katastrophen-Szenarien gesammelt.

OECD wagt keine Prognose

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in einer ersten Stellungnahme zur Erdbebenkatastrophe in Japan keine Einschätzung zu möglichen Folgen für die Konjunktur abgegeben. Die Zerstörungen durch das Beben und den verheerenden Tsunami seien so groß, dass eine Einschätzung der Auswirkungen auf die Wirtschaft derzeit noch nicht möglich sei, hieß es in einer Erklärung.

Allerdings verringerten Katastrophen von einem solchen Ausmaß in der Regel das potenzielle Wirtschaftswachstum eines Landes, so die OECD-Stellungnahme. Das schwere Erdbeben in der Region um die japanischen Stadt Kobe 1995 hatte das japanische Bruttoinlandsprodukt beispielsweise mit 2,0 Prozent belastet.

Japan-Wirtschaft wird schwer leiden

Nach Einschätzung von Außenhandelspräsident Anton Börner werde Japans Wirtschaft in den nächsten Monaten schwer zu leiden haben, denn die Wiederaufbau-Programme im Land seien teuer. Sorge bereitet Börner vor allem die hohe Verschuldung Japans. Das Land habe sich in den vergangenen Jahrzehnten derlei verschuldet, dass sich nun die Frage stelle: "Wie will das Land die enormen Belastungen stemmen?" Nach Angaben des BGA liegt Japans Verschuldung bei knapp 230 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt.

Welche Auswirkungen dies auf die Finanzmärkte haben werde, sei vollkommen unabsehbar, sagte Börner. Da Gelder nach Japan fließen, werde der Yen aufgewertet. Das sei aktuell der Fall, meinte Börner. "Nationale Versicherer und Banken fallen aber als (internationale) Geldgeber erst einmal aus, weil sie sich auf den Wiederaufbau konzentrieren." Es sei wahrscheinlich, "dass die Zinsen eher noch einen Schwung nach oben bekommen."

Weltkonjunktur bekommt einen Dämpfer

Mit Blick auf die Weltwirtschaft sei durch die Katastrophe in Japan mit einem Wachstumsdämpfer zu rechnen, die Welt werde aber nicht in eine Rezession fallen, glaubt Börner. "China, Südostasien und die Finanzmärkte werden am meisten betroffen sein", sagte der BGA-Präsident. "Wenn es zu mehr Produktionsstopps in Japan kommt, dann wird es einen starken Wachstumsdämpfer in China und der Region geben", erklärte der Präsident des Bundesverbandes für Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA). "Die Weltwirtschaft wird nicht ungeschoren davon kommen."

Auch Cornelia Storz, Professorin für japanische Wirtschaft an der Goethe-Universität, prognostiziert eine "spürbare, temporäre Auswirkung" auf die Weltwirtschaft - insbesondere im Technologiebereich. Da japanische Unternehmen in bestimmten High-Tech-Bereichen führend seien, zum Beispiel bei der Herstellung von Computerchips, könne ein längerer Ausfall dieser Hersteller aufgrund von Energieengpässen und Zerstörung von Produktionsanlagen nicht ohne weiteres kompensiert werden. Auch für die weltweiten Finanzmärkte drohen Konsequenzen aus der Krise: "Japan hat bisher stark US-Bonds nachgefragt. Jetzt ist zu erwarten, dass dieses Kapital kurzfristig aus den USA abgezogen wird und für den Wiederaufbau eingesetzt wird", so Storz.

China ist besonders betroffen

Folgen drohen auch für das intensive und bisher sehr dynamisch wachsende ökonomische Gefüge in Asien, insbesondere zwischen China und Japan: "Für China ist Japan der drittgrößte Markt; die Verflechtung zwischen Japan und Asien insgesamt hat in den letzten Jahren enorm zugenommen", so die Expertin. Nach einer möglichen Erholung der Wirtschaft werde Japans Bedeutung für China mittelfristig sogar noch wachsen. Die Krise könne zudem auch die Bereitschaft erhöhen, sich stärker in bilateralen und/oder regionalen Handelsabkommen zu engagieren. Dort ist Japan bisher unterrepräsentiert.

Unter der Voraussetzung, dass Japan die Probleme in den Atomkraftwerken in den Griff bekommt, hält Storz es für wahrscheinlich, dass die dortige Gesellschaft und Ökonomie das Erdbeben-Desaster in überschaubarer Zeit bewältigt haben und womöglich bereits im zweiten Halbjahr 2011 ein Wiederaufbau einsetzen kann. Zum Vergleich zieht die Professorin die ebenfalls "rasche Bewältigung des Kobe-Erdbebens" heran, bei dem seinerzeit sehr viel mehr Industrie in Mitleidenschaft gezogen worden war. Hingegen hätte eine Verstrahlung weiter Landesteile "nicht auszudenkende langfristige Folgen."

Situation an den Rohstoff-Märkten verschärft

Verbunden mit der noch immer bestehenden Krise in der arabischen Welt verschärfe die Naturkatastrophe in Japan mittelfristig vor allem die Situation an den Rohstoffmärkten. Anton Börner glaubt, dass die Rohstoffpreise kurzfristig sinken dürften, weil Japan, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, als Abnehmer vorübergehend wegfalle, sagte Börner. Tatsächlich haben sich am Dienstag z.B. die Preise für Gold und Rohöl deutlich verbilligt. Dies werde aber nicht lange so bleiben. "Die Energiepreise werden weiter steigen", erwartet der BGA-Chef. Der Trend gehe weg von der Atomenergie. "Die fossilen Energieträger werden also mittelfristig benötigt und das wiederum bedeutet, dass die Nachfrage nach Erdöl und Erdgas steigen wird."

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) senkte angesichts des Ölpreis-Anstiegs der vergangenen Wochen seine Wachstumsprognose für Deutschland. Bisher waren die Ökonomen von einer Verbesserung der Wirtschaftsleistung um 2,5 Prozent ausgegangen, nun glauben sie an 2,3 Prozent Wachstum. Für das Jahr 2012 wird mit einem Wachstum von 1,7 Prozent gerechnet, teilte das HWWI mit.

Auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsförderung (ZEW) in Mannheim hat bei der Präsentation seiner monatlichen Konjunkturumfrage die atomaren Folgen erwähnt. Die deutsche Wirtschaft befinde sich zwar in einer robusten Verfassung. "Allerdings könnten die tragischen Ereignisse in Japan zumindest kurzfristig eine Eintrübung der Konjunkturdynamik in Deutschland zur Folge haben", kommentierte ZEW-Präsident Wolfgang Franz die Entwicklung.

G8 will Folgen für die Weltwirtschaft in Grenzen halten

Geht es nach den Börsianern, muss die Welt noch mit deutlich stärkeren Auswirkungen der Japan-Katastrophe rechnen. Rund um den Globus stürzten die Aktienkurse am Dienstag in den Keller, Anleihen profitierten hingegen als "sicherer Hafen". Da an den Aktienbörsen bekanntlich die Zukunft gehandelt wird, müssen offenbar gravierende Einschnitte bei der Wirtschaft befürchtet werden. Gerade die wirtschaftliche Vernetzung zwischen Japan und China würde im Falle der Verschärfung der Atomkatastrophe die Weltwirtschaft wohl massiv treffen. Frankreich, das derzeit den Vorsitz in der G8-Gruppe der führenden Industrienationen und Russlands führt, soll bereits Vorschläge ausarbeiten, wie die Folgen für die Weltwirtschaft in Grenzen gehalten werden können.

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