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Ratingagenturen: Kritik an deren Urteilen wächst

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Spät, ungenau, unausgewogen: Kritik an Urteilen der Ratingagenturen

06.04.2011, 13:20 Uhr | dpa, dpa

Ratingagenturen: Kritik an deren Urteilen wächst. Internationale Ratinagentur Fitch (Foto: imago)

Internationale Ratinagentur Fitch (Foto: imago)

Das finanzschwache Euro-Land Portugal gerät an den Finanzmärkten immer stärker unter Druck. Nach einer abermaligen Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes durch die US-Ratingagentur Moody's sind die Risikoaufschläge für portugiesische Staatsanleihen am Dienstag auf neue Rekordstände gestiegen. Dies verteuert die Refinanzierung des kleinen südeuropäischen Landes immer mehr. Die Kritik an den Rating-Agenturen wächst. Standard & Poor's, Moody's und Fitch wird vorgehalten, Risiken nicht gesehen und viel zu spät mit Bonitäts-Herabstufungen von Banken, Versicherungen und Staaten reagiert zu haben.

Auch in der europäischen Schuldenkrise bekleckern sich die Agenturen nicht gerade mit Ruhm: Nach teils starken Herabstufungen halten ihnen Experten abermals vor, zu spät auf Gefahren in finanzschwachen Euro-Ländern hinzuweisen und die Krise damit sogar noch zu verschärfen. Derzeit wird vor allem Portugal abgestraft, das als nächster Kandidat für den europäischen Rettungsschirm EFSF gilt.

Anstrengungen und Bemühungen werden nicht gesehen

Die Ratingagenturen agierten in den letzten Monaten "verstärkt prozyklisch", sagt Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank - mit anderen Worten: Anstatt Trends und Gefahren für Investoren frühzeitig aufzuzeigen, liefen sie den Entwicklungen hinterher. Vielmehr noch: Trotz drastischer Spar- und Reformbemühungen in vielen finanzschwachen Ländern wie Griechenland, Irland oder Portugal wird die Kreditwürdigkeit der Länder weiter herabgestuft. Und das, obwohl die Agenturen mit am stärksten Konsolidierung und Reformen gefordert hatten.

Hellmeyer spricht gar von einer Verantwortungslosigkeit der Agenturen: "Über ihre Ratings verschärfen sie die Stimmungslage gegen die Reformländer. Sie unterminieren den unwiderlegbaren Erfolg der Reformschritte. Die bisherigen Reformerfolge, die die Zielsetzungen des IWF und der EU übertrafen, interessieren nicht." Diese Stimmungslage zeigt sich vor allem an den Finanzmärkten, wo die Risikoaufschläge für Staatsanleihen - eine wichtige Finanzierungsquelle der Länder - auf immer neue Rekordhöhen steigen. Dies verteuert die Schuldenaufnahme und drängt einige Länder an den Rand der Staatspleite.

"Vollkaskohaftung" für private Gläubiger

Doch damit nicht genug: Selbst der deutlich aufgestockte Euro-Rettungsschirm ESM, der ab dem Jahr 2013 gelten soll, scheint den Agenturen nicht weit genug zu gehen. Auch hier findet Hellmeyer deutliche Worte: Grund der Rating-Herabstufungen seien keinesfalls ausbleibende Reformen oder mangelnder Sparwille, sondern das Fehlen einer Art "Vollkaskohaftung" für private Gläubiger. "Das ist erstaunlich, wenn nicht gar grotesk", sagt der Kritiker.

Aber nicht nur der als besonders kritisch geltende Hellmeyer, auch gemäßigtere Experten finden klare Wort. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise etwa kritisiert die jüngsten Bonitäts-Herabstufungen der Agenturen als deutlich verspätet. Die Ökonomen der Allianz rechnen bereits für dieses Jahr wieder mit Wirtschaftswachstum in vielen angeschlagenen Euro-Ländern. Zu einer Kehrtwende dürften vor allem die eingeschlagenen Konsolidierungskurse bei den Staatshaushalten und wichtige Strukturreformen beitragen - Faktoren, die für die Agenturen nicht entscheidend zu sein scheinen.

Experte: Es hilft nichts sich aufzuregen

Zurückhaltender gibt sich Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Mag sein, dass die Agenturen mehr reagieren als agieren - sie sind aber auch keine Prognostiker im eigentlichen Sinn." Zwar sei das Timing einiger Ratingaktionen nicht immer glücklich gewesen, räumt der Ökonom ein.

Der Fokus aber sollte auf den Problemen in den jeweiligen Ländern und nicht auf vermeintlichen Fehlern der Agenturen liegen. "Es hilft nichts, sich über das Thermometer aufzuregen, wenn man das Fieber nicht mag." Die Gegenfrage hierauf könnte lauten: Was aber, wenn das Thermometer nicht mehr funktioniert und Fieber möglicherweise unzuverlässig, zumindest aber mit erheblicher Verzögerung angezeigt wird?

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