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Lush: Eine schmierige Naturkosmetikkette

Eine schmierige Naturkosmetikkette

03.11.2010, 10:48 Uhr | FTD, Hannes Grassegger

Lush: Eine schmierige Naturkosmetikkette . Lush-Mitarbeiter werden zu fragwürdigen Aktionen aufgefordert. (Foto: dpa)

Lush-Mitarbeiter werden zu fragwürdigen Aktionen aufgefordert. (Fotos: dpa, ddp)

Das Unternehmen Lush hat sich ein ethisch perfektes Image aufgebaut: Wir sind die Guten. Doch hinter den Fassaden klagen Mitarbeiter über hohen Druck, fragwürdige Verkaufspraktiken und ein sektenähnliches Klima.

"Freiwillig" beim "Go Naked Day"

Es war ein Tag im Sommer 2008, als sich die Mitarbeiter in München auszogen. Natürlich war, wie immer bei Lush, alles "freiwillig". Niemand hatte die Absicht, einen Kollegen zu der Aktion zu zwingen. Aber es wäre doch schön, wenn möglichst viele beim "Go Naked Day" dabei sein würden, oder?

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Fotos für Kundenzeitung verwendet

Also gingen die Mitarbeiter auf die Straße. Nackt. Nur mit einer knappen Schürze bekleidet demonstrierten sie für das Gute und gegen zu viel Verpackungsmüll in der Welt. Schon bald kamen Ordnungshüter und nahmen die Personalien der überraschten Angestellten auf, einige fürchteten eine Anzeige. Hatte sich die Aktion nicht eigentlich harmlos angehört? Egal, Lush hatte das Ziel erreicht: Aufmerksamkeit. Inklusive Nacktaufnahmen in den Medien. Die Fotos wurden auch intern verwendet. Eine Mitarbeiterin berichtet, wie sie zu ihrer Überraschung ihren nackten Hintern in der Kundenzeitung "Lush Times" wiederfand.

Angestellte klagen über Druck und Einschüchterungen

Ja, so ist Lush. Über viele Jahre hat sich die Öko-Kosmetikkette geschickt und mit großem Eifer ein unschlagbares Image aufgebaut: Wir sind die Guten. Für die Natur, für eine bessere Welt. Hinter der duftenden Fassade aber stinkt es gewaltig: Mitarbeiter und ehemalige Angestellte klagen über hohen Druck, erniedrigende Verkaufspraktiken, Einschüchterungen und ein sektenähnliches Klima. Immer wieder überschreitet Lush Grenzen. Die Nackt-Aktion ist nur ein Beispiel von vielen.

25 Filialen in Deutschland

Die Naturkosmetikkette ist zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte. Mit fünf Pfund und etwas Seifenflocken, so die Firmenchronik, begann Lush 1995 im englischen Poole. Heute hat das Unternehmen über 5000 Mitarbeiter in mehreren Produktionsstätten und 678 Filialen in 43 Ländern. Das Unternehmen wächst rasant, 2007 verzeichnete es 130 Millionen Pfund Jahresumsatz, 2009 bereits 215 Millionen Pfund. Auch in Deutschland betreibt Lush inzwischen 25 Filialen mit rund 500 Mitarbeitern, meist wenige Quadratmeter große Geschäfte in besten Innenstadtlagen. Auf Holzregalen liegt die Seife dort gestapelt wie Delikatessen in Feinkostläden, gezahlt wird meist nach Gewicht. Wo Lush ist, riecht die halbe Fußgängerzone nach knallbunten Kosmetikprodukten wie "Sex Bomb", "Fairtrade Foot Lotion" oder dem Duschgel "Happy Hippy".

Bei den besten Arbeitgebern Englands dabei

Erfolgreich hat Lush sich in den vergangenen Jahren als "Ethical Brand" positioniert. "We Believe in a Lush Life" lautet das Motto. In einem Youtube-Spot singen strahlende Mitarbeiterinnen, intern Lushinas genannt: "We believe in happy people making happy soap." Lush kämpft für Umweltschutz oder gegen Tiere im Zirkus. Wiederholt wurde das Unternehmen in die Liste der "Sunday Times" der besten Arbeitgeber in England gewählt, auf der letztjährigen Basler Naturmesse gewann man den Preis als umweltfreundlichster Aussteller, in Deutschland brüstet man sich, einen Award für das beste Retailkonzept gewonnen zu haben.

Umso schlimmer sind für Lush nun die Vorwürfe wie rund um die Nackt-Aktion - die in ganz ähnlicher Art 2007 schon einmal in Zürich durchgezogen wurde, ohne die Mitarbeiter vor möglichen Folgen zu warnen. Auch da ging es natürlich um die gute Sache, damals beendete die Polizei die Aktion und erstattete Anzeige gegen die Personalmanagerin.

Lush gibt sich unschuldig

"Bei unsicherer Rechtslage muss ein Unternehmen die Mitarbeiter über die möglichen Konsequenzen aufklären. Dies ergibt sich schon aus der Treuepflicht des Arbeitgebers", sagt Felix Uhlmann, Juraprofessor an der Universität Zürich. Es liege nahe, dass ein so handelndes Unternehmen die Mitarbeiter "zu rechtswidrigem Verhalten angestiftet" habe. Lush versichert, dass die Aktion in jedem Fall freiwillig gewesen und jeder vorab über die Verwendung der Bilder informiert worden sei. Die Aktion sei nicht rechtswidrig. Man falle als Unternehmen, das "politische Aufklärung" betreibe, "möglicherweise in eine Gesetzeslücke".

Eine interne E-Mail zu der Münchner Aktion jedoch nährt den Verdacht, dass Lush die Konsequenzen ignoriert hat. Man habe sich in einer "größeren Abstimmung mit der Schweiz (...) und England" bewusst dagegen entschieden, die Aktion anzumelden, schreibt eine deutsche Pressesprecherin im August 2008 einem beunruhigten Mitarbeiter auf dessen Anfrage.

Grenzwertige Verkaufspraktiken

Ebenso grenzwertig sind viele Verkaufspraktiken, zu denen vor allem weibliche Angestellte angehalten werden. Im Dezember sollen "Weihnachtselfen" genannte Aushilfen in Verkleidung erscheinen - um ein Wirgefühl zu entwickeln, um "aus sich rauszugehen", wie eine ehemalige Angestellte des "Model Store" in Zürich berichtet. Ihr wurde beigebracht, Kunden ungefragt anzusprechen und zu duzen. Bei Männern sollte sie Produkte vor die Brüste halten, mit dem Kommentar: "Das sind doch schöne Päckchen." Sie sollte den männlichen Kunden kurz auf den Schritt schauen, dann verschiedene Produktgrößen anbieten und sagen: "Größer ist doch immer besser, oder?" "Beigebracht wurde uns das in der Weihnachtsschulung der Firma", bestätigen andere Ex-Mitarbeiterinnen: "Wir nannten uns Öko-Prostituierte."

Lush Schweiz bestreitet die Praktiken: "Von sexuellen Andeutungen haben wir keine Kenntnis. Sie liegen uns fern. Wir wollen mit einem ausgezeichneten Kundenservice brillieren. Die von Ihnen beschriebene Art von Verkauf gehört nicht dazu." Dabei ist der Verkaufstrick mit den Brüsten auch in Deutschland bekannt und angewendet worden. Hier hieß er "Hutschachteltrick". Er wurde bei einer Schulung während eines großen "Weihnachtsmeetings" ganz offiziell vorgeführt, bestätigen zwei Ex-Mitarbeiter aus Stuttgart. Wie stets bei Lush sei dabei die freiwillige Anwendung des Tricks betont worden.

Wie Lush sich unangreifbar macht

Das ist die Masche: Rechtlich macht sich das Unternehmen nicht angreifbar. Die Freiwilligkeit empfinden Angestellte aber oft nur als Feigenblatt. Dahinter steht subtiler Druck, niemals offene Drohungen. Beispiele dafür gibt es viele in der Lush-Welt. So werden Mitarbeiter in der Freizeit immer wieder gefragt, "das Team zu unterstützen", an Sonderveranstaltungen, Teamsitzungen, "Kundenpartys" nach Ladenschluss teilzunehmen. Ex-Mitarbeiter berichten von nächtlichen SMS und Anrufen an freien Tagen. In Stuttgart schickte eine Managerin ein Fax in den Laden, das zur freiwilligen Teilnahme an einem sonntäglichen Putzeinsatz aufrief. Immerhin stand drauf: "Wer will, kann sich das auch bezahlen lassen."

Wer nicht mitmacht, wird gemobbt

Wer nicht mitmacht, bekommt Druck. Als eine Zürcher Mitarbeiterin nicht für eine weitere "politische Aktion" namens "Zirkus ohne Tiere" verkleidet durch die Innenstadt laufen wollte, besuchte sie am nächsten Tag die Personalmanagerin. "Bist du noch motiviert?", habe die gefragt.

Der ehemalige Stuttgarter Shopmanager Alexander Tsiaoussis berichtet von einer Order seiner Vorgesetzten, bei der Auswahl der Vertragsverlängerungen darauf zu achten, wer den Hutschachteltrick anwende. Er hat Dutzende fragwürdiger Vorgänge in Bonn, Hamburg, Stuttgart und München dokumentiert und recherchiert. In einem mehrseitigen Brief schilderte er der Zentrale seine Bedenken gegen die Praktiken - Antwort erhielt er nicht. "An Freiwilligkeit zu glauben fällt schwer, wenn man gesehen hat, wie andere gemobbt wurden, nachdem sie nicht mitgemacht hatten", sagt eine ehemalige Lushina.

Produkttests an Menschen

Ähnlich war es bei den "Goodies", Päckchen mit neuen Produkten, die an Mitarbeiter verschickt wurden. Lush wirbt damit, seine Seife nicht an Tieren zu testen. Tierversuche für Kosmetika sind in der EU zwar längst verboten. Lush kämpft trotzdem lautstark weiter dagegen. Produkte - so wirbt die Firma - teste man an Menschen statt an Tieren, Lush-Mitgründerin Helen Ambrosen etwa probiert die Kosmetika an ihren Kindern aus. Und auch die Mitarbeiter sollen mittesten.

Mit den "Goodies" erhielten die Angestellten einen Begleitbrief der Firmengründer, die um Feedback baten. In einem zweiten Schreiben der Schweizer Geschäftsführung forderte diese anschließend die Mitarbeiter auf, detailliert Rückmeldung zu den Produkten nach England zu geben. Inklusive Kopie an den Vorgesetzten. Selbst vor dem Essen macht der Lush-Eifer nicht halt. So gibt es etwa die "vegane Woche". Die Mitarbeiter hätten an einem offen einsehbaren Aushang abhaken "dürfen", ob sie es heute geschafft hätten, vegetarisch oder vegan zu essen, berichtet eine ehemalige Angestellte.

Mitarbeiter fühlen sich wie in einer Sekte

Viele Mitarbeiter fühlen sich in diesem System unwohl. Die starke Betonung des Gruppengedankens, der mangelnde Respekt von Vorgesetzten vor dem Privatleben der Angestellten und die Verherrlichung der Produkte - viele Mitarbeiter empfanden dies als "sektenartig". Das Unternehmen weist diesen Begriff weit von sich. Auf der ersten Seite des Handbuchs, das jeder Schweizer Lush-Mitarbeiter lesen muss, steht freilich: "A Lush Life. Daran musst du glauben, das musst du verstehen." Ein paar Seiten weiter heißt es: "Du findest, das tönt als wärst Du bei einer Sekte gelandet? Hehe, ja, da bist du nicht die Erste/der Erste :-) Wir sind einfach keine ,normale‘ Kosmetikfirma." Über die Kundenzeitschrift steht dort: "Die Lush Times ist nicht nur für KundInnen da, sondern auch eure Bibel/Koran/Thora/Duden/Hitchhiker's Guide to the Galaxy/Knigge."

Wer das nicht versteht, hat offenbar ein Problem. So schied eine Schweizer Mitarbeiterin aus dem Unternehmen aus, nachdem ihr bei einem dreieinhalbstündigen Mitarbeitergespräch diagnostiziert wurde, eine multiple Persönlichkeitsstörung zu haben - weil sie nicht immer happy war. Dabei hätte sie doch einfach nur bei Youtube schauen müssen: Da hüpfen die Kollegen in lustigen Kostümen auf und ab und sagen in die Kamera: "We believe in happy people."

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