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Finanzkrise: Europa geht das Geld aus

Kreditklemme droht: Europa geht das Geld aus

02.01.2012, 16:20 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Finanzkrise: Europa geht das Geld aus. Muss die Europäische Zentralbank die Währungsunion retten? (Quelle: dpa)

Muss die Europäische Zentralbank die Währungsunion retten? (Quelle: dpa)

Die Euro-Zone steckt in der Doppelkrise: Investoren ziehen ihr Geld sowohl von Staaten als auch von Banken ab - dabei brauchen die es gerade jetzt dringend. Ohne ein radikales Signal der Politik droht eine Abwärtsspirale aus Angst und immer neuen Schulden.

Finanzbranche in Aufruhr

Josef Ackermann ist viel beschäftigt. Kaum ein Tag vergeht, an dem der scheidende Chef der Deutschen Bank nicht einen Vortrag zur aktuellen Finanzkrise hält - und meist wirft er dabei die Frage nach den Staatsanleihen auf: Wer soll diese ehemals als sicher geltenden Papiere künftig noch kaufen?

Das Problem treibt nicht nur Deutschlands obersten Banker um, die ganze Finanzbranche ist in Aufruhr. Es sei in Zukunft nicht mehr selbstverständlich, dass ein Staat seinen Haushalt über die Kapitalmärkte finanzieren könne, warnte am Montag, dem 21. November, der Präsident der Bankenverbandes, Andreas Schmitz. Wer wissen will, was damit gemeint ist, sollte sich die verzweifelten Versuche einiger Euro-Staaten anschauen, an frisches Geld zu kommen.

"Kollektives Misstrauen" gegenüber Staatsanleihen

Am Dienstag, dem 22. November, etwa probierte es Spanien und bot Anleihen mit Laufzeiten zwischen drei und sechs Monaten an. In normalen Zeiten wäre das ein Selbstläufer. Für solch kurze Zeiträume verleihen Investoren sogar Staaten mit weniger soliden Staatsfinanzen noch Geld zu annehmbaren Zinsen von drei oder vier Prozent. Spanien dagegen musste mehr als fünf Prozent bieten, um die Papiere loszuwerden - der höchste Wert seit 14 Jahren und sogar mehr, als Griechenland zuletzt zahlen musste.

Die Situation ist nicht nur für die betroffenen Staaten bedrohlich, sondern auch für die europäischen Banken. Denn die haben viele Staatsanleihen in ihren Bilanzen - und kommen deshalb selbst kaum noch an frisches Geld. "Es gibt derzeit ein kollektives Misstrauen gegenüber europäischen Staatsanleihen und Banken", sagt Eugen Keller, Finanzmarktexperte bei der Frankfurter Privatbank Metzler.

EZB als Rettungsanker

US-Geldmarktfonds etwa haben sich längst aus der Eurozone zurückgezogen. Und auch amerikanische oder britische Banken sind bei Geschäften mit Geldhäusern aus der Eurozone extrem vorsichtig geworden. "Die Bereitschaft von Investoren, sich längerfristig in Banken zu engagieren, ist nicht sehr ausgeprägt", umschreibt Deutsche-Bank-Chef Ackermann das Phänomen. Würde die Europäische Zentralbank (EZB) nicht einspringen und den Banken Geld zur Verfügung stellen, sähe es noch viel schlimmer aus.

Um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, versuchen die Kreditinstitute, die Staatspapiere aus ihren Bilanzen zu verbannen. Nach einer Schätzung der US-Investmentbank Goldman Sachs haben die 55 größten europäischen Institute ihre Bestände italienischer Anleihen alleine zwischen Ende Juni und Ende September um 26 Milliarden Euro reduziert - das entspricht fast einem Drittel. Bei spanischen Papieren betrug das Minus 29 Prozent oder 6,8 Milliarden Euro. Im Oktober und November dürfte sich dieser Trend fortgesetzt haben.

Einen Gutteil der Papiere dürften die Banken bei der EZB losgeworden sein, die die Anleihen seit Mai 2010 am Markt aufkauft, um die Zinsen zu drücken - mit mäßigem Erfolg. Bisher hat sie Papiere im Wert von rund 195 Milliarden Euro in ihrer Bilanz angehäuft. Ihren Kritikern reicht das nicht aus. Sie fordern ein gigantisches Aufkaufprogramm, das die Finanzmärkte beruhigen soll. Doch diese Rolle als letzte Rettungsinstanz lehnt die EZB ab - vor allem die Vertreter der Deutschen Bundesbank laufen Sturm dagegen.

Die Situation ist wie 2008 - nur schlimmer

Je länger die Doppelkrise bei Staaten und Banken anhält, desto mehr wird sie zur existentiellen Gefahr für die Währungsunion. Denn beide sind aufeinander angewiesen: Die Staaten brauchen flüssige Banken als Abnehmer für ihr Anleihen - und die Banken brauchen solide Staaten als Garanten für die Wertpapiere in ihren Bilanzen. Beides funktioniert derzeit nicht.

Vor wenigen Tagen schlug der weltgrößte Anleiheninvestor Pimco Alarm: "Das ist eine Wiederholung dessen, was wir 2008 gesehen haben, als jeder Investor forderte, dass die toxischen Wertpapiere aus den Bilanzen der Banken verschwinden", zitierte die "New York Times" den Pimco-Experten Christian Stracke. Auch Metzler-Analyst Keller zieht diese Parallele. "Damals waren es minderwertige US-Immobilienkredite, die den Banken Probleme machten, heute sind es die eigentlich so sicher geglaubten europäischen Staatsanleihen."

Krise bedroht gesamte Staatsfinanzierung

Der Vergleich mit der Krise 2008 ist beängstigend. Schon damals stand das weltweite Finanzsystem am Rande des Kollapses. Doch diesmal ist die Ausgangslage noch schlimmer: Die Krise hat sich tief hinein gefressen in das Kreditsystem. Die gesamte Staatsfinanzierung ist bedroht - und mit ihr der Wohlstand in Europa.

Lange werden sich die Regierungen diese Unsicherheit nicht erlauben können. Wenn sie es nicht bald schaffen, das Vertrauen in die Staatsanleihen wieder herzustellen, droht eine Abwärtsspirale aus Angst und Schulden. Der Schlüssel dazu wird bei der Bundesregierung liegen. Deutschland ist das einzige Land der Eurozone, dem die Anleger noch uneingeschränkt vertrauen. Das spiegelt sich in den niedrigen Zinsen wider, die die Bundesrepublik für ihre Anleihen zahlen muss.

"Einer für alle, alle für einen" in der Eurozone?

Noch weigert sich die Regierung um Angela Merkel (CDU), für die Schulden anderer Euro-Länder einzustehen, wie es etwa bei den viel diskutierten Eurobonds der Fall wäre. Doch Experten gehen davon aus, dass die Kanzlerin bald einknicken wird. "Ich denke, es ist nur noch eine Frage von Wochen, bis wir sagen müssen: Einer für alle, alle für einen", sagt Finanzmarktanalyst Keller.

Im Klartext heißt das: Entweder wird Deutschland für die Schulden der übrigen Euro-Länder mithaften müssen - oder die Europäische Zentralbank springt ein und kauft in ganz großem Stil Staatsanleihen gefährdeter Länder auf. Eine dritte Alternative ist derzeit nicht in Sicht.

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