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Pferdefleisch-Skandal: Riesiges Betrugsnetz kommt zum Vorschein

Pferdefleisch-Skandal nimmt immer größere Dimensionen an

16.02.2013, 15:35 Uhr | dpa, dapd, t-online.de, AFP

Pferdefleisch-Skandal: Riesiges Betrugsnetz kommt zum Vorschein. Eine molekularbiologische Untersuchung der DNA einer Fleischprobe auf die Tierart Pferd (Quelle: dapd)

Eine molekularbiologische Untersuchung der DNA einer Fleischprobe auf die Tierart Pferd (Quelle: dapd)

Im Skandal um nicht deklariertes Pferdefleisch kommt nach und nach Licht in das Netz aus Produzenten, Lieferanten und Händlern von Fertigprodukten. In vielen Ländern suchen Kontrolleure nach verdächtigen Lebensmitteln, die Ermittlungen gegen mutmaßliche Betrüger laufen. Und die Dimensionen werden immer größer: Das Nachrichtenportal "Spiegel Online" berichtete zuletzt, dass allein zwischen November 2012 und Ende Januar 2013 mindestens 359.722 Packungen Lasagne und Cannelloni aus dem verdächtigen Betrieb in Luxemburg nach Deutschland gekommen seien. Diese Produkte wögen zusammen knapp 144 Tonnen.

Aigner zeigt sich besorgt

In Luxemburg waren von einem französischen Tiefkühlhersteller falsch etikettierte Fertigprodukte hergestellt worden. Der Großteil der nach Deutschland gelieferten Waren sei über ein Kühlhaus in Neuss geleitet worden, von wo das Fleisch verteilt wurde, berichtete das Portal unter Berufung auf eine interne Lieferliste der EU-Kommission.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) äußerte sich besorgt über das wachsende Ausmaß des Skandals. "Der Betrugsfall nimmt immer größere Dimensionen an. Hier wurde offenbar mit großer krimineller Energie gehandelt", sagte Aigner der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Spanghero stellte 4,5 Millionen Verpackungen her

Frankreich will nun zum Schutz von Verbrauchern rasch eine freiwillige Kennzeichnung von Fleisch erreichen, wie Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll der Zeitung "20 Minutes" sagte. In Frankreich ist das Unternehmen Spanghero schwer belastet. Das Unternehmen weist die Vorwürfe aber zurück.

Nach Ermittlungen hat Spanghero wissentlich solches Fleisch etwa an den Hersteller Comigel verkauft. Dort wurde es verarbeitet und auch nach Deutschland geliefert. Insgesamt soll Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Fleisch von Spanghero hergestellt haben, die an mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern verkauft wurden. Von einer verdächtigen Lasagne sind rund 179.000 Packungen nach Deutschland geliefert worden. Dies gehe aus einer EU-Information hervor, sagte ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums.

"Das rechtliche Anreizsystem funktioniert nicht"

Verbraucherschützer forderten deshalb deutlich höhere Bußgelder. "Das rechtliche Anreizsystem funktioniert nicht", sagte der stellvertretende Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, Matthias Wolfschmidt, dem Magazin. Gegenwärtig gebe es für den Einzelhandel gar keine Motivation, Eigenmarken mit Falschdeklarationen auszusortieren, da der Handel nur mit lächerlichen Beträgen zivilrechtlich, aber nicht strafrechtlich hafte. "Hohe Bußgelder würden einen flächendeckenden Betrug wie den gegenwärtigen verhindern", prophezeite Wolfschmidt.

Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Renate Künast, forderte in der "Passauer Neuen Presse", dass verarbeitetes Fleisch gekennzeichnet werden müsste. "Die Kennzeichnung muss die Aufzucht- und Mastbetriebe genau benennen", so die Ministerin. Derzeit müssten Fälle, in denen es keine Gesundheitsgefahr gebe, von Unternehmen nicht gemeldet werden und Behörden dürften sie auch nicht veröffentlichen. Das dürfe so nicht bleiben.

Pferdefleisch auch bei Aldi Süd und Lidl

Auch die Discounter Aldi Süd und Lidl sind mittlerweile von den Gaunereien betroffen: Nachdem bei Aldi Süd in als Rindergulasch deklarierten Konserven Pferdefleisch nachgewiesen worden sei, sei ein Rückruf des Fertiggerichts eingeleitet worden, sagte die brandenburgische Umweltministerin Anita Tack (Linke) am Freitagabend in der rbb-Sendung "Brandenburg Aktuell".

Das am Freitag vom Discounter Lidl aus den Regalen entfernte Nudelgericht "Tortelloni Rindfleisch" stammt entgegen erster Angaben österreichischer Behörden nicht aus Stuttgart. In der Alpenrepublik war zuvor ein nicht deklarierter Anteil Pferdefleisch in Ware mit dieser Bezeichnung gefunden worden. Wie ein Lidl-Sprecher auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mitteilte, fertigt die Hilcona AG das Produkt in Schaan, im Fürstentum Liechtenstein. "Die Rohware dafür stammt von Vossko aus Ostbevern (Nordrhein-Westfalen) oder dem Schweizer Hersteller Suttero aus Gossau", sagte er.

Bei einer von zwei genommenen Proben war nach Informationen des österreichischen Gesundheitsministeriums Pferdefleisch in der Lidl-Ware "Tortelloni Rindfleisch" nachweisbar. Die Behörden hatten zunächst erklärt, das Gericht sei von der in Stuttgart ansässigen Gusto GmbH produziert worden.

EU will DNA-Tests

In Brüssel wurde derweil ein Aktionsplan verabschiedet, wonach die EU mit DNA-Tests bei Fertiggerichten mit Rindfleisch den Skandal aufklären will. Vorgesehen sind auch Kontrollen auf das für den Menschen womöglich gefährliche Tiermedikament Phenylbutazon. Demnach sollen EU-weit 2250 Proben einem DNA-Test unterzogen werden, etwa zehn bis 150 pro Mitgliedsland. Diese Substanz war in exportiertem Pferdefleisch aus Großbritannien entdeckt worden. Es ist für den Einsatz bei Tieren, die später verzehrt werden sollen, nicht zugelassen.

Deutscher Lebensmittelhandel weist Vorwürfe zurück

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wies bereits in fünf von sechs Proben Tiefkühllasagne die DNA von Pferdefleisch nach. In einer Mitteilung hieß es, die Proben stammten aus dem bayerischen Zentrallager eines Vertreibers von Tiefkühlprodukten mit Sitz in Nordrhein-Westfalen. Der Hersteller habe die Produkte bereits vorsorglich zurückgenommen. In den Jahren 2010 bis 2013 wurden den Angaben zufolge am LGL rund 600 Untersuchungen auf nicht deklariertes Pferdefleisch vorgenommen. In keinem Fall sei Pferdefleisch nachgewiesen worden, hieß es.

Der deutsche Lebensmittelhandel sah bei sich keine Versäumnisse und wies Vorwürfe der Intransparenz zurück. Die Branche sei ihrer Sorgfaltspflicht "umgehend" nachgekommen, erklärte der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL).

Razzien gehen weiter

In Großbritannien gingen die Untersuchungen in dem Fleischskandal am Samstag unvermindert weiter. Wie die Polizei mitteilte, wurden bei Razzien in drei Fleisch verarbeitenden Betrieben in London und in Hull, Nordost-England, umfangreiches Probematerial und Computerunterlagen beschlagnahmt.

Unterdessen wurden drei Männer, die am Donnerstag bei Razzien unter Betrugsverdacht in Betrieben in Wales und in Yorkshire festgenommen wurden, gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, teilte die Polizei mit.

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