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Ilse Aigner: Falsche Bio-Eier sind "Betrug im großen Stil"

Aigner: Falsche Bio-Eier sind "Betrug im großen Stil"

25.02.2013, 19:06 Uhr | dapd, dpa, t-online.de

Ilse Aigner: Falsche Bio-Eier sind "Betrug im großen Stil". Betrug mit falschen Bio-Eiern ist hierzulande wohl "flächendeckend Praxis" (Quelle: dpa)

Betrug mit falschen Bio-Eiern ist hierzulande wohl "flächendeckend Praxis" (Quelle: dpa)

Im Skandal um Millionen falsch deklarierte Bio-Eier haben Politiker und Verbände Konsequenzen für betrügerische Betriebe und das staatliche Kontrollsystem gefordert. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sieht besonders die Länder in der Verantwortung. Die Leidtragenden sind demnach nicht nur die Verbraucher. Der Beamtenbund kritisierte den Mangel an Kontrolleuren.

Kontrollen vor Ort notwendig

"Es geht auch immer um die Kontrollen und hier muss ich auch eindeutig sagen: Die Kontrollen, für die die Länder ja zuständig sind, können nicht nur vom Schreibtisch aus durchgeführt werden, sondern man muss sich natürlich die Betriebe auch mal vor Ort anschauen", sagte Aigner.

Auch FDP und Grüne verlangen schärfere Kontrollen von landwirtschaftlichen Betrieben und ein Zählen der Tiere. Der Tierschutzbund verlangte eine Sonderkommission von Bund und Ländern. "Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, geht es hier um Betrug im großen Stil: Betrug an den Verbrauchern, aber auch Betrug an den vielen Bio-Landwirten in Deutschland, die ehrlich arbeiten", erklärte Aigner.

Ministerium denkt über Nennung der Betriebe nach

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium erwägt indes die namentliche Nennung der betroffenen Betriebe. "Wir prüfen, ob die Veröffentlichung schon bei hinreichendem Tatverdacht möglich ist", sagte der neue Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne). Grundlage für die Nennung könnte das Verbraucherinformationsgesetz sein. "Es geht hier nicht um Ordnungswidrigkeiten oder ein Kavaliersdelikt, sondern um Straftaten", betonte Meyer.

Betrug "flächendeckend Praxis"

Millionen Eier aus Freiland- und Bodenhaltung sowie Bio-Betrieben vor allem aus Niedersachsen sollen als angebliche Bio-Eier in den Handel gelangt sein. Die Legehennen sollen in überfüllten Ställen nicht so gehalten und gefüttert worden sein, wie es für Bio-Eier vorgeschrieben ist.

Betrügereien bei der Hühnerhaltung und der Eier-Kennzeichnung sind nach Angaben der Ermittler weit verbreitet. "Es scheint relativ flächendeckend Praxis gewesen zu sein", sagte der Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Roland Herrmann. Seine Behörde ermittelt gegen rund 100 Betriebe in Niedersachsen. Diese seien alle durchsucht worden. Gegen einige stehe das Verfahren kurz vor dem Abschluss. Die Ermittlungen werden insgesamt aber noch längere Zeit dauern, sagte Herrmann.

Ermittlungen seit 2011

Die Behörde hatte etwa 50 weitere Verfahren an Ermittler in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern abgegeben. Betroffen sein sollen auch Betriebe in den Niederlanden und Belgien. Erste Verfahren seien bereits im Herbst 2011 eingeleitet worden, schrieb der "Spiegel".

Keine falsch deklarierten Eier wurden bislang in Baden-Württemberg und Brandenburg entdeckt, dagegen besteht ein erster Verdacht gegen zwei Betriebe in Thüringen. Aigner verwies darauf, dass Vorgaben an Bio-Betriebe sehr streng seien und strikt eingehalten werden müssten. Für die Freilandhaltung von Hühnern sind mindestens vier Quadratmeter Auslauffläche pro Huhn vorgeschrieben. Freilandeier dürfen nur dann als "Bio" in den Handel, wenn auch bestimmte Futtermittel-Auflagen erfüllt werden.

"Es fehlen über 1000 Lebensmittel-Kontrolleure"

Der Beamtenbund forderte die Einstellung von mehr Kontrolleuren. "Uns fehlen schon jetzt über 1000 Lebensmittelkontrolleure, und auch in diesem Bereich ist der öffentliche Dienst überaltert und unterbesetzt", sagte dbb-Vorsitzender Klaus Dauderstädt. Auf einen Lebensmittelkontrolleur kämen inzwischen tausend Betriebe. "Das Kontrollsystem hat hoffnungslos versagt. Lebensmittelkontrollbehörden und Öko-Kontrollstellen müssen die Ergebnisse ihrer Betriebskontrollen publik machen", erklärte Anne Markwardt von der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Schärfere Eigenkontrollen gefordert

Die FDP forderte die Geflügelwirtschaft auf, die Eigenkontrollen zu verschärfen und unseriöse Beratungspraktiken aufzudecken. Die Bundesländer müssten ihre rechtlichen Möglichkeiten zur Kontrolle der Betriebe ausschöpfen. "Schreibtischkontrollen reichen nicht aus. Die Kontrolleure müssen in die Ställe gehen und Tiere zählen", sagte die Agrar-Expertin der FDP-Bundestagsfraktion, Christel Happach-Kasan. Die verdächtigen Betriebe hätten "mit bewusster Verbrauchertäuschung Profit auf Kosten der Tiere erzielt".

Die Grünen-Politikerin Renate Künast sagte im ARD-Morgenmagazin: "Wichtig ist, dass vorne die Kontrollen ordentlich funktionieren. Das haben sie hier, auch die staatlichen, nicht getan." Kontrolleure prüften in den Betrieben zwar das Futter und die Haltung der Tiere im Allgemeinen, nicht aber die Zahl der Hühner insgesamt. Sollten sich die Ermittlungen bestätigen, müssten die Betriebe auch öffentlich genannt werden, sagte Künast.

"Ziemliche kriminelle Energie"

Christian Meyer kündigte an zu prüfen, "ob man den überführten Betrieben [...] die Betriebserlaubnis entzieht". Hinter der möglichen massiven Verbrauchertäuschung könne sich eine "ziemliche kriminelle Energie" verbergen.

"Es geht um Käfig-, Boden-, Freilandhaltung, wo möglicherweise deutlich mehr Hühner gehalten worden sind als erlaubt", sagte Meyer im ARD-Morgenmagazin. Der engagierte Kämpfer gegen Massentierhaltung hatte erst vor knapp einer Woche das Amt als neuer niedersächsischer Landwirtschaftsminister aufgenommen.

Tierschützer verlangen Klärung

Nach Vorschlag des Deutschen Tierschutzbundes sollte eine gemeinsame Sonderkommission von Bund und Ländern die Erkenntnisse bündeln und entsprechende Konsequenzen ziehen. Es müsse auch geklärt werden, warum die Staatsanwaltschaft in Niedersachsen bereits seit 2011 ermittele, aber die Betriebe offenbar den Betrug fortsetzen konnten, sagte Präsident Thomas Schröder.

Die Gewerkschaft NGG forderte, das komplette Lebensmittel-Kontrollsystem auf den Prüfstand zu stellen. "Es ist unerträglich, dass immer neue Lebensmittelskandale auftauchen, ohne dass am System irgendetwas Entscheidendes geändert wird", erklärte Christian Wechselbaum von der Gewerkschaft Nahrung - Genuss - Gaststätten in Bremen.

Geld- und Haftstrafen möglich

Im Eier-Skandal wird wegen möglicher Verstöße gegen das Lebensmittel- und das Futtermittelgesetzbuch sowie das ökologische Landbaugesetz ermittelt. Verstöße könnten mit Geldstrafen und Haftstrafen von bis zu einem Jahr geahndet werden. Auch Betrugsvorwürfe müssten geprüft werden.

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