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Banken-Stresstest: Die nächste Eurokrise gärt in Italien

Banken-Stresstest  

Die nächste Eurokrise gärt in Italien

27.10.2014, 19:25 Uhr | Von Stefan Kaiser, Spiegel Online

Banken-Stresstest: Die nächste Eurokrise gärt in Italien. Das Mailänder Geschäfts- und Bankenzentrum (Quelle: Reuters)

Das Mailänder Geschäfts- und Bankenzentrum (Quelle: Reuters)

Italien ist der große Verlierer des europäischen Stresstests. Der Zustand der Banken ist ein Desaster für den italienischen Staat - denn der ist enger mit den Geldhäusern verknüpft, als ihm lieb sein kann.

Viel weiter können die Einschätzungen nicht auseinander liegen. Die italienische Notenbank bezeichnete die Ergebnisse des europäischen Banken-Stresstests noch am Sonntagabend als "insgesamt beruhigend". Am Montag zeigten die Börsen, was von dieser Beschwichtigungsformel wirklich zu halten ist.

Die Aktien italienischer Banken schmierten gleich reihenweise ab. Die Banca Carige aus Genua verlor zeitweise fast 18 Prozent an Wert. Bei der Traditionsbank Monte dei Paschi, immerhin die drittgrößte des Landes, ging es sogar um mehr als 22 Prozent nach unten - ehe die Börse die Notbremse zog und die Aktie vom Handel aussetzte.

Die Reaktionen waren wenig verwunderlich. Schließlich hatten die italienischen Finanzinstitute im Test ziemlich verheerend abgeschnitten: 9 von insgesamt 15 getesteten Banken des Landes sind durchgefallen. So viele wie in den übrigen Eurokrisenstaaten Griechenland, Spanien, Irland und Zypern zusammen.

Weil der Test auf den Bilanzen vom 31. Dezember 2013 basiert, sind einige der diagnostizierten Kapitallücken zwar mittlerweile schon wieder gestopft. Doch es bleibt ein katastrophaler Eindruck.

"Einer der größten Problemfälle der Eurozone"

Das Ergebnis spiegelt die Lage des Landes wider. Die Wirtschaft siecht seit Jahren vor sich hin. Das Bruttoinlandsprodukt -die Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen - liegt auf dem Niveau des Jahres 1999. Für das laufende Jahr sagen die Experten ein weiteres Minus voraus.

"Italien ist derzeit einer der größten Problemfälle der Eurozone", sagt Clemens Fuest, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Ein Land, dessen Wirtschaft nicht wächst, kann auch keine gesunden Banken haben." Umgekehrt kann die Wirtschaft nicht wachsen, wenn die Banken zu schwach sind, um dieses Wachstum zu finanzieren. Ein Teufelskreis.

Entsprechend nervös sind die Investoren. Schon seit dem Sommer ziehen sie Geld aus Italien ab - im August und September waren es zusammen 67 Milliarden Euro - so viel wie seit dem Höhepunkt der Eurokrise 2011 nicht mehr, wie sich im sogenannten Target-System der europäischen Notenbanken ablesen lässt.

"Die italienischen Banken haben das Problem, dass sie ein Großteil ihres Kreditgeschäfts im Inland machen", sagt Guntram Wolff, Direktor des Brüsseler Thinktanks Bruegel. "Das erhöht die Gefahr, dass die Zahl der faulen Kredite weiter steigt."

Schon jetzt türmen sich in den Büchern der italienischen Banken massenhaft Kredite, die wohl nie mehr zurückgezahlt werden. 21,6 Prozent der Forderungen wurden von der EZB beim Bilanzcheck als Not leidend eingestuft. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 7,3 Prozent. In der Branche erzählt man sich, viele marode Unternehmen würden nur deshalb am Leben gehalten, weil die Banken sonst ihre Kredite abschreiben müssten - und mit in den Untergang gerissen würden.

Der Staat ist auf die heimischen Banken angewiesen

Doch es sind nicht nur die Banken und Unternehmen, die in Italien auf unheilvolle Art miteinander verbunden sind. Auch das finanzielle Schicksal des Staates ist eng mit dem seiner Geldhäuser verknüpft. Er braucht sie als seine wichtigsten Finanziers.

Italiens Staatschulden sind gigantisch. Zuletzt beliefen sie sich auf gut 2,1 Billionen Euro - das entspricht mehr als 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In ganz Europa steht nur Griechenland schlechter da.

Gut 400 Milliarden Euro an italienischen Staatsanleihen halten die heimischen Banken. Die öffentlichen Schulden machten Ende 2013 rund zehn Prozent ihrer Bilanzsummen aus, doppelt so viel wie 2010.

Dass der Anteil so rasant gestiegen ist, haben die Banken ebenfalls einem Italiener zu verdanken: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Um die Banken in der Eurozone zu einer stärkeren Kreditvergabe zu bewegen, versorgt die EZB sie seit drei Jahren mit massenhaft billigem Geld - das leider nicht dort ankommt, wo es hin soll. "Die italienischen Banken reichen die Liquidität nicht an die Wirtschaft weiter, sondern nutzen sie um Staatsanleihen zu kaufen", sagt Experte Wolff.

Aus Sicht der Banken ist das verständlich. Denn um Kredite an Unternehmen zu vergeben, verlangen die internationalen Finanzregeln ausreichend Eigenkapital - und das ist bei vielen italienischen Banken knapp, wie der Stresstest zeigt. Für Staatsanleihen verlangen die Regeln dagegen kein Eigenkapital als Sicherheitspuffer. Noch dazu versprechen sie sichere Renditen. Schließlich hat Draghi versprochen, keinen Eurostaat pleitegehen zu lassen.

Ein lohnendes Geschäft also, zumindest solange es billiges Geld von der EZB gibt. Schon deshalb kann die Notenbank nicht so einfach von ihrer lockeren Geldpolitik abweichen.

Für Italien bedeutet das erst einmal weiteres Siechtum. "Das Kartenhaus wird aufrecht erhalten, solange die Zinsen niedrig sind", sagt Wirtschaftsforscher Fuest. "Falls sie irgendwann wieder steigen, kann das ein großes Problem werden."

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