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VW hadert mit der erfolglosen Jagd nach "Mister X"

Vergebliche Tätersuche  

VW hadert mit der erfolglosen Jagd nach "Mister X"

15.04.2016, 18:24 Uhr | Von Marco Hadem und Heiko Lossie, dpa

VW hadert mit der erfolglosen Jagd nach "Mister X". VW-Ermittler konnten die Schuldfrage im Abgas-Skandal bisher nicht klären. (Quelle: dpa)

VW-Ermittler konnten die Schuldfrage im Abgas-Skandal bisher nicht klären. (Quelle: dpa)

Die Suche nach dem oder den Schuldigen ist eine der spannendsten und wichtigsten Fragen im Abgas-Skandal von Volkswagen. Rund um den Globus ermitteln Juristen, Polizisten und Behörden. Doch der geheimnisvolle Fremde ist noch immer nicht gefunden.

Nicht nur in Wolfsburg dürfte der Urheber des Diesel-Skandals derzeit einer der meistgesuchten Verbrecher sein. Doch anders als im ARD-"Tatort" sind die Ermittler bei Volkswagen in einem der größten Wirtschaftskrimis der Nachkriegsgeschichte auch über sieben Monate nach dem Beginn der Affäre nicht fündig geworden.

Während sich die Strafbehörden weder in den USA noch in Deutschland in die Karten schauen lassen, will eine Ermittlergruppe bald liefern: Bis Ende April soll die vom VW-Aufsichtsrat im vergangenen Herbst engagierte US-Kanzlei Jones Day einen ersten "substanziellen Bericht" vorlegen. So hat es das Gremium wiederholt angekündigt. Wer jedoch - wie viele der Konzernkontrolleure selbst - auf konkrete Namen, Zahlen und Fakten hofft, wird wohl enttäuscht werden.

Quelle weiterhin unklar

Nach dpa-Informationen kann der geheime Bericht bislang keine endgültige Gewissheit über den Ursprung der illegalen Abgas-Software liefern. In der gigantischen Datenmasse von mehr als 102 Terabyte - immerhin rund 50 Millionen Bücher und die fast 40-fache Menge der "Panama Papers" - konnten die gut 450 Ermittler bisher keine restlosen Erklärungen für die weltweiten Abgas-Manipulationen in rund elf Millionen Wagen finden.

Damit ist die Quelle des "defeat device", das VW in die größte Krise seiner Geschichte gestürzt hat, weiter unklar. Stattdessen bietet der derzeit rund zwei Zentimeter hohe Papierstapel, den der Bericht ausgedruckt umfasst, eher eine Chronologie der Ereignisse.

"Das ist wie ein Witz ohne Pointe"

Ein Ermittlungsbericht ohne einen Schuldigen? "Das ist wie ein Witz ohne Pointe, das geht gar nicht", heißt es aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten. Die Ermittlungen von Jones Day sind eine absolute Top-Secret-Angelegenheit. Während sich im Konzern sonst gern gute wie schlechte Nachrichten verselbstständigen, konnte dieses brisante Material bislang nach außen unter Verschluss gehalten werden.

Auch ohne Beschuldigten ermöglicht der Zwischenbericht einen intimen Einblick in das Biotop Volkswagen. Schon deshalb ist fernab der Schuldfrage die Veröffentlichung ein Politikum. Welches Unternehmen will seiner Konkurrenz schon etwas über interne Abläufe, Hierarchien, Strukturen verraten? Doch VW kommt kaum umhin, dies zu tun - will der Konzern die Krise hinter sich lassen.

Gab es eine Anweisung "von oben"?

Konkret bedeutet dies folgendes: Der Verstoß lässt sich bislang nur auf einige Entwicklungsabteilungen und dort Beschäftigte eingrenzen, nicht aber in der Kette der Geschehnisse komplett rekonstruieren. Das erfuhr die dpa aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen. "Die Prozessstruktur war sauber", betont ein Insider, der die Ergebnisse kennt. Was zunächst für den Konzern nicht schlecht klingt - immerhin deutet damit nichts auf eine kollektive Schuld oder ein Organversagen hin. Es lässt aber jedem IT-Forensiker die Haare zu Berge stehen.

Denn trotz der umfangreichen internen Ermittlungen ist so noch immer unklar, ob nun einzelne VW-Entwickler aus eigenem "bösen und kriminellen Antrieb" den fatalsten Fehler begingen - oder ob sie nur auf eine Anweisung "von oben" hin handelten. Ein VW-Sprecher sagt, der Konzern könne sich zur Arbeit von Jones Day nicht äußern.

Bei Winterkorn "keine Schuld erkennbar"

Zumindest ein einstiger VW-Protagonist dürfte den Zwischenbericht auch mit Genugtuung lesen: Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn. Er trägt laut Jones Day keine Verantwortung, weder ihm noch anderen Vorständen kann demnach eine Mitschuld angelastet werden. Daran ändert auch Winterkorns dubiose "Wochenendpost" aus 2014 nichts.

Auch Jones Day liefert keine Hinweise dazu, wie genau Winterkorn die brisanten Hinweise auf die mögliche Betrugs-Software und drohende Probleme in den USA wahrgenommen hat. "Es bleibt die Frage, ob er sich hätte wundern müssen, womöglich sensibler sein müssen - aber es ist keine Schuld erkennbar", sagt einer, der nah dran ist.

Für die Strafbehörden ist es egal

Gemäß dem Ausschlussprinzip könnte damit wohl nur Variante eins bleiben: Ehrgeizige Ingenieure und Programmierer sahen sich ob der schlechten Abgaswerte der Diesel-Flotte von VW derart in ihrem Stolz verletzt, dass sie die verhängnisvolle Manipulation wagten.

Für die weiteren Ermittlungen bedeutet das erst einmal nichts. Aber letztlich ermitteln die Juristen nur für das Image des Konzerns. Für die deutschen und US-amerikanischen Strafbehörden ist es egal.

Staatsanwaltschaft Braunschweig ist "interessiert"

Offiziell klingt dies so: Man kommentiere die internen Ermittlungen von VW nicht. Man wisse nicht einmal, wann der Bericht veröffentlicht werden solle, sagt eine Sprecherin des US-Justizministeriums.

Ähnlich die Staatsanwaltschaft Braunschweig: "Wir schauen natürlich interessiert auf den Bericht als weitere Erkenntnisquelle von außen", erklärt Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe. Es bleibe aber abzuwarten, wie und in welchem Umfang VW die Arbeit von Jones Day verfügbar mache. "Als Strafermittlungsbehörde sind wir gehalten, unsere eigenen Ermittlungen vollständig und umfassend selbst durchzuführen und uns nicht auf Befragungen und Erkenntnisse dritter Seite zu stützen."

Diesel-Drama mit offenem Ende

Monatelange Ermittlungen für den Papierkorb? So weit wird es sicher nicht kommen. Jeder, der mit "Dieselgate" zu tun hat, dürfte die Informationen begierig aufsaugen. Doch mehr als ein Abgleich der Ergebnisse dürfte am Ende nicht übrig bleiben. Dies wäre sicher anders, stünde im Jones-Day-Bericht eindeutiges Wissen über Täter.

Bis das Diesel-Drama - wie von Oscar-Gewinner Leonardo DiCaprio geplant - verfilmt werden kann, muss wohl noch viel passieren. Ohne einen echten Bösewicht dürften die Zuschauer enttäuscht sein.

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