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"Viele T├╝rken verfluchen sich, je Erdogan gew├Ąhlt zu haben"

Von Nele Behrens und B├╝┼čra Delikaya

Aktualisiert am 17.12.2021Lesedauer: 4 Min.
Gefallener Held? Immer mehr T├╝rken wenden sich wegen seiner Geldpolitik von Erdo─čan und der AKP ab. (Archivbild)
Gefallener Held? Immer mehr T├╝rken wenden sich wegen seiner Geldpolitik von Erdo─čan und der AKP ab. (Archivbild) (Quelle: Idil Toffolo/imago-images-bilder)
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Das Geld verliert in der T├╝rkei jeden Tag an Wert, doch Pr├Ąsident Erdo─čan h├Ąlt an seiner Zinspolitik fest. Frustration, Hilflosigkeit und Wut sind an der Tagesordnung.

Sie klopfen auf T├Âpfe, recken die F├Ąuste und br├╝llen aus voller Kehle: "H├╝k├╝met istifa" ÔÇô "Regierung, tritt zur├╝ck". Hunderte T├╝rken versammelten sich in dieser Woche in mehreren St├Ądten, um ihre Wut ├╝ber die Regierung unter Pr├Ąsident Recep Tayyip Erdo─čan auf die Stra├čen zu schreien. Denn der hat aus ihrer Sicht das Land zugrunde gerichtet.

Einer ihrer wichtigsten Gr├╝nde daf├╝r: die heftige Wirtschaftskrise und die galoppierende Inflation, f├╝r die auch Erdo─čan verantwortlich ist. Durch seinen Einfluss auf die Notenbank verliert die Landesw├Ąhrung Lira immer schneller an Wert, bei fast 20 Prozent liegt die Teuerungsrate aktuell. Gegen├╝ber dem Euro hat die Lira binnen eines Jahres rund 40 Prozent ihres Wertes eingeb├╝├čt. Aktuell ist ein Euro rund 13 t├╝rkische Lira wert, vor zwei Jahren waren es noch 6 Lira.

Die Folge: Essen, Gas, Strom, Miete ÔÇô alles wird teurer, w├Ąhrend die Geh├Ąlter der meisten T├╝rken kaum mitziehen. "Die Menschen werden faktisch von Tag zu Tag ├Ąrmer", erz├Ąhlt die 29-j├Ąhrige Elif, die geb├╝rtig aus Berlin kommt, im Gespr├Ąch mit t-online.

Sind w├╝tend: Diese Woche demonstrierten viele T├╝rken gegen die Entwertung der Lira. Die Polizei ging teils harsch gegen die Demonstranten vor.
Sind w├╝tend: Diese Woche demonstrierten viele T├╝rken gegen die Entwertung der Lira. Die Polizei ging teils harsch gegen die Demonstranten vor. (Quelle: HAKAN AKGUN/imago-images-bilder)
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"Die Preise steigen t├Ąglich"

Viele erf├╝llt das mit Wut. Einer von ihnen ist Ahmed. "Ehemals treue AKP-Anh├Ąnger beschimpfen nun Erdo─čan", sagt er. Der 26-J├Ąhrige lebt in A─čr─▒, einer Stadt mit etwa hunderttausend Einwohnern im Osten der T├╝rkei. Seinen echten Namen m├Âchte der studierte Lehrer nicht ver├Âffentlicht lesen. Zu gro├č ist die Angst, bei der Jobsuche Nachteile zu haben. Der Redaktion ist sein voller Name bekannt.

Die fatale Geldpolitik Erdo─čans, die Notenbank trotz steigender Inflation zu Zinssenkungen zu n├Âtigen, schl├Ągt sich immer heftiger im Alltag der Menschen nieder. "Die Preise im Supermarkt ├Ąndern sich t├Ąglich. Mittlerweile geben wir im Monat etwa 2.500 t├╝rkische Lira f├╝r Lebensmittel aus", sagt Elif, die mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn seit zwei Jahren in Istanbul lebt. Im vergangenen Jahr w├Ąren es noch 2.000 Lira gewesen.

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Ahmed nimmt die Preissteigerungen in seiner Stadt noch sch├Ąrfer wahr. "Du kaufst den einen Tag etwas f├╝r eine Lira und am n├Ąchsten Tag kostet es bereits f├╝nf Lira", berichtet er t-online.

Die Ersparnisse sind weg, die Kosten steigen

Viele Grundnahrungsmittel h├Ątten sich stark verteuert, berichten sowohl Elif als auch Ahmed. "Raps├Âl, Fleisch und Toilettenpapier sind sehr stark angestiegen", sagt Elif. "Fr├╝her hat ein Liter Raps├Âl unter 10 Lira gekostet, heute zahlst du 40 bis 50 Lira. In gro├čen St├Ądten bekommst du kaum noch Zucker oder Raps├Âl", so Ahmed.

Und die Preise d├╝rften weiter anziehen: Die Milchindustrie forderte erst k├╝rzlich eine Anhebung der Preise um 55 Prozent, auch andere Branchen stehen unter Druck. F├╝r viele T├╝rken sind weitere Preissteigerungen nicht mehr zu ertragen.

Steigende Preise: Immer mehr T├╝rken m├╝ssen genau schauen, was sie noch einkaufen k├Ânnen. Die Grafik zeigt eine Auswahl an Angeboten aus Prospekten verschiedener Istanbuler Superm├Ąrkte.
Steigende Preise: Immer mehr T├╝rken m├╝ssen genau schauen, was sie noch einkaufen k├Ânnen. Die Grafik zeigt eine Auswahl an Angeboten aus Prospekten verschiedener Istanbuler Superm├Ąrkte. (Quelle: Heike A├čmann/getty-images-bilder)

Der Mindestlohn liegt bei 18,35 Lira die Stunde, das ergibt etwa einen Monatslohn von 2.800 Lira ÔÇô umgerechnet etwa 200 Euro. Zu Beginn des Jahres waren es noch mehr als 300 Euro. Zwar bekommen viele T├╝rken etwas mehr als den Mindestlohn, doch auch das d├╝rfte kaum ausreichen, um weitere Preisspr├╝nge noch lange abfedern zu k├Ânnen. Ersparnisse habe in der Mittelschicht kaum einer mehr, sagt Ahmed.

"Wer nicht arbeitet, muss hungern"

Das zeigen die klassischen Supermarktpreise: Ein Familienpaket t├╝rkischer Schwarztee, das Nationalgetr├Ąnk, kostet im Angebot 76 Lira, knapp 5,50 Euro. Das Kilo Reis schl├Ągt mit 12 Lira zu Buche und Rinderhaxe ist f├╝r viele mit 60 Lira pro Kilogramm auch im Angebot nicht mehr zu bezahlen.

"Wer im Westen als Mieter lebt und einen Tag nicht arbeitet, muss hungern", sagt Ahmed. Die Lage ist so ernst, dass t├╝rkische Politiker bereits B├╝rger aufgerufen haben, beim Essen zu sparen und weniger Lebensmittel zu kaufen.

T├╝rkischer Supermarkt (Symbolbild): T├Ąglich steigen die Preise in den L├Ąden, berichtet Elif aus Istanbul.
T├╝rkischer Supermarkt (Symbolbild): T├Ąglich steigen die Preise in den L├Ąden, berichtet Elif aus Istanbul. (Quelle: Carl Court/getty-images-bilder)

Nun profitieren die Regionen, in denen viele noch selbst Land besitzen ÔÇô so wie im Osten der T├╝rkei, in der auch Ahmet lebt. "Viele k├Ânnen mit ihrem eigenen Anbau ├╝ber die Runden kommen", sagt er. Im Westen sei das anders.

Immer mehr T├╝rken wollen weg

Zudem ist das Leben in der Stadt deutlich teurer, berichtet auch Elif. Sie selbst ist davon kaum betroffen, da ihr Mann einen gut bezahlten Job als Programmierer hat und sein Unternehmen das Gehalt mit der Inflation anhob. "Aber ich wei├č nicht, wie Menschen mit dem Mindestlohn in Istanbul ├╝berleben", sagt sie. Auch die Mieten seien durch die Inflation in der Gro├čstadt gestiegen.

Doch selbst Elif und ihr Mann haben seit der Geburt ihres Sohnes ├╝berlegt, zur├╝ck nach Deutschland zu kommen. So d├╝ster seien die Aussichten f├╝r junge Menschen in der T├╝rkei. Vorher sei dies nie ein Thema gewesen. Der Traum auszuwandern ist f├╝r immer mehr T├╝rken der Ausweg aus der Krise. "Die Menschen hier in Agri verlassen ihre Heimat zu Hunderten und Tausenden", erz├Ąhlt Ahmed.

Er hat auch Verwandte in Deutschland, will aber eigentlich bleiben. Nur bietet ihm seine Heimat kaum Chancen: Trotz gutem Abschluss findet der Akademiker keinen Job, der Staat stellt kaum noch Lehrer an. "Die Jugend ist in einer Depression", sagt Elif.

Erdo─čan scheut Neuwahlen

Ihre Wut richtet die junge Generation ÔÇô wie viele andere T├╝rken ÔÇô gegen die Regierung. "Viele T├╝rken verfluchen sich daf├╝r, je die AKP gew├Ąhlt zu haben", sagt Ahmed.

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Es gebe zwar noch immer T├╝rken, die an Erdo─čan festhalten. Doch Erdo─čan f├╝rchte nicht ohne Grund die Neuwahlen, welche die Opposition immer h├Ąufiger fordert. "Die AKP traut sich nicht an die Urne. Die Politiker wissen, dass sie die Wahl verlieren w├╝rden", sagt Ahmed.

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