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Experte nimmt Ratingagenturen in Schutz


Schuldenkrise  

Banken-Experte Burghof: "Die Ratingagenturen haben Recht"

t-online.de - Frank Lansky

28.07.2011, 17:25 Uhr
Experte nimmt Ratingagenturen in Schutz. Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft, an der Universität Hohenheim (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft, an der Universität Hohenheim (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Der Euro-Sondergipfel hat die Finanzmärkte erst einmal beruhigt. Doch die Ratingagenturen drohen mit einer Herabstufung der Staatsanleihen von Schuldenstaaten. Auch US-Bonds könnten unter Druck geraten. Damit ist neuer Ärger vorprogrammiert, die Länder der Eurozone nahmen schon auf ihrem Krisengipfel die Ratingagenturen ins Visier. Zu Unrecht, wie der Banken-Experte Hans-Peter Burghof im Gespräch mit t-online.de erläuterte.

Agenturen drohen mit Herabstufung

Auf dem Sondergipfel forderten die EU-Staaten in Punkt 13 ihres Abschluss-Statements, die Abhängigkeit von außereuropäischen Agenturen zu verringern, die EU-Kommission solle in dieser Richtung aktiv werden. Damit schossen sich die Eurokraten einmal mehr auf die Privatunternehmen ein, die in der veröffentlichten Meinung zuletzt häufiger als die Schuldigen in der europäischen Schuldenkrise abgestempelt wurden.

Unmittelbar nach dem Gipfel meldete sich die Agentur Moody's mit der Warnung zu Wort, bei einem griechischen Zahlungsausfall könnten auch andere Krisenländer herabgestuft werden. Dann folgte die Ratingagentur Fitch, sie wertet die Umschuldung als Zahlungsausfall. Nun werden Hellas-Bonds zeitweise mit der Note "Restricted Default", also teilweise zahlungsunfähig, eingestuft. Noch reagiert der Markt gelassen: Diese Note werde nur für den Zeitraum des Umtauschs gelten, beschwichtigte Fitch. Nach dessen Abschluss werde die Kreditwürdigkeit Griechenlands neu bewertet werden. In Kürze allerdings könnten US-Staatsanleihen herabgestuft werden, weil der Streit um die Schulden-Obergrenze nicht gelöst ist. Das könnte für neue Unruhe sorgen - und die Agenturen einmal mehr in die Schusslinie bringen.

"Ratingagenturen beleidigen die EU-Majestäten"

Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft, an der Universität Hohenheim, hält diese Kritik der Politik für absolut ungerechtfertigt. Die Angriffe auf die Ratingagenturen nannte Burghof im Gespräch mit t-online.de eine "Strafe für Majestätsbeleidigung". Dabei sei diese Schelte nicht gerechtfertigt: "Die Politik hat bislang keine faktischen Argumente geliefert, warum die angeblich so schlechten Ratings wirklich falsch sind." Das sei kein Wunder, denn de facto gebe es auch keine Gegenargumente gegen die harschen Urteile über die bankrotten Schuldenstaaten in Südeuropa.

Die aktuellen Attacken seien somit nichts als "Nebelwerfen", da die Verantwortlichen einen Sündenbock für ihre eigenen Fehler suchten. Ferner seien die Agenturen gar nicht so mächtig, wie sie geschildert würden: Der Markt habe sich sowieso schon eine eigene, negative Meinung über die PIGS-Staaten (Portugal, Italien/Irland, Griechenland und Spanien) gebildet.

Brüssel empört über unbequeme Wahrheiten

Jügst hatte EU-Justizkommissarin Viviane Reding die Ratingagenturen frontal angegriffen: Die G20-Staaten könnten den Beschluss fassen, das "Kartell der drei US-Ratingagenturen zu zerschlagen". Damit reagierte sie auf die erneute Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands und Warnungen bezüglich der Bonität Portugals, Irlands, Spaniens und Italiens durch die drei großen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch Ratings. "Europa darf sich den Euro nicht von drei US-Privatunternehmen kaputtmachen lassen", sagte Reding der Zeitung "Die Welt". Ein Kartell dürfe nicht über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften und ihrer Bürger entscheiden.

Ähnlich hatte sich der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso Anfang Juli geäußert. Er hatte den Agenturen vorgeworfen, bei der Bewertung der Lage in Europa voreingenommen zu sein, und angekündigt, dass seine Behörde an einer weiteren Regulierung der Ratingagenturen arbeite. Es sei schon merkwürdig, so Barroso, "dass keine einzige große Ratingagentur aus Europa kommt". Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) äußerten sich ähnlich.

Dass den empörten Politikern Fehler unterliefen – oder besser gesagt: dass es sich wohl um eine gespielte Entrüstung handelte – störte kaum jemand: Alle drei Agenturen agieren zwar hauptsächlich aus New York – sie haben aber Tochterfirmen überall in Europa. Die Fitch Group gehört zudem mehrheitlich der französischen FIMALAC-Gruppe, das bedeutet Financière Marc de Lacharrière.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Burghof kritisierte dennoch die Oligopol-Situation der Ratingagenturen. Die Idee einer neuen europäischen Ratingagentur beurteilte er daher positiv. Sie würde für mehr Wettbewerb sorgen, außerdem könne sie den europäischen Markt besser verstehen. Allerdings müsse dieser neue Wettbewerber völlig unabhängig von der Politik sein – wenn sie ihr nach dem Mund rede, werde niemand sie ernst nehmen.

Im Übrigen sei die aktuelle Schuldenkrise ganz anders gelagert, als die amerikanische Subprime-Krise, als die Ratingagenturen tatsächlich gravierende Fehler gemacht hätten, fuhr Burghof im Gespräch mit t-online.de. Zum einen hätten die Ratingagenturen ihre Bewertungsmodelle mittlerweile verbessert. Zum anderen wisse jede Bank bei den Staatsanleihen der Schuldenstaaten selbst, worum es sich handele – damit sei der Fall anders gelagert als bei den intransparenten Ramsch-Hypotheken aus der Finanzkrise, die kaum jemand verstanden habe.

In der Finanzkrise 2007/2008 hätten die Agenturen die mit Schrott-Hypotheken besicherten Anleihen offensichtlich falsch bewertet. Außerdem hätten sie Banken mit zu geringem Gewinn gedrängt, in diese scheinbar sicheren Anleihen zu investieren. Alles in allem hätten die Ratingagenturen in der Subprime-Krise mit ihren im Auftrag der Verkäufer vorgenommenen Analysen viel Geld verdient – und sie seien insgesamt zu gut, weil ungeschoren durch die Krise gekommen.

Burghof warnt vor neuen Rettungspaketen

Abschließend ging Burghof noch auf die aktuelle Schuldenkrise ein. Die größte Gefahr sieht er in der Ansteckung der anderen EU-Staaten. Alleine durch Griechenland sei der Schaden zwar nicht so groß, jedoch könne die Krise auf Spanien und Italien übergreifen.

Für den Wissenschaftler gibt es nur zwei wesentliche Schritte, das Drama zu beenden: Erstens müsse die Europäische Zentralbank (EZB) zu ihren Anfängen zurückkehren – sie müsse wieder unabhängig werden und sich der Preisstabilität verpflichten. Zweitens dürfe es keine Rettungen von Schuldenstaaten mehr geben – die "No-Bailout"-Regel dürfe nicht mehr gebrochen werden. Ausufernden Rettungspaketen für Schuldensünder, die durch die Druckerpresse finanziert werden, erteilte der Wissenschaftler damit eine Absage. Griechenland könne durchaus in der Eurozone verbleiben, allerdings nur ohne Rettungspakete.

Die EZB könne übrigens ihre aufgekauften PIGS-Anleihen nicht mehr abstoßen, da sie sowieso niemand mehr kaufe. Da die Anleihen an Wert verlieren oder gleich ganz wertlos würden, werde wohl eine Kapitalerhöhung erfolgen. Bezahlen dürfte den Großteil davon einmal mehr der deutsche Steuerzahler.

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