Sie sind hier: Home > Finanzen > Börse > News > Eigene >

Ifo-Experte: Deutschland riskiert Kreditwürdigkeit


Ifo-Experte: Deutschland riskiert Kreditwürdigkeit

10.08.2011, 10:18 Uhr | dapd, dapd

Schuldenkrise in Europa und den USA, heftiger Börsencrash: Einem Experten zufolge setzt Deutschland in dieser Situation seine Kreditwürdigkeit aufs Spiel, wenn es sich zugunsten klammer EU-Nachbarn an einer Aufstockung des Euro-Rettungsschirms EFSF beteiligt. Der Ökonom warnt vor einer möglichen Herabstufung der deutschen Bonität in dem Fall. Außerdem fürchtet er, die Finanzmärkte könnten das Vertrauen in Deutschland verlieren.

Top-Rating in Gefahr

Der Chefökonom des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, hat sich klar gegen eine EFSF-Aufstockung ausgesprochen, um die Kreditwürdigkeit Deutschlands nicht zu gefährden. "Wenn Deutschland jetzt Garantien und Hilfen für alle Nachbarstaaten übernimmt, dann werden wir unser Triple-A-Rating nicht halten können", sagte Carstensen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Nach der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's führen weltweit noch 16 Länder die Bestnote "AAA", unter anderem Deutschland und Frankreich.

Rating-Agenturen könnten Bonität senken

Der Ifo-Experte mahnte: "Wenn Deutschland auch nur zu erkennen gibt, dass es im Zweifelsfall italienische Anleihen unbegrenzt mit aufkaufen will, zum Beispiel durch eine massive Ausweitung des Rettungsschirms, dann hängen wir voll mit drin. Dann ist die europäische Gemeinschaft eine Art Haftungsgemeinschaft - und dann werden die Ratingagenturen sehr schnell auf die Idee kommen, dass es eine gemeinsame Bonität gibt." Das sei dann der Durchschnitt der Bonität der Einzelstaaten - "und das ist nicht mehr das Triple A", sagte der Professor für Volkswirtschaftslehre.

Gemeinsam untergehen?

"Es hilft Italien nicht, wenn Deutschland sich mit in den Strudel begibt. Es ist zwar wahnsinnig solidarisch, gemeinsam unterzugehen, aber am Ende überlebt dann niemand", sagte Carstensen. EU-Währungskommissar Olli Rehn hatte vor wenigen Tagen eine Aufstockung des Euro-Rettungsfonds EFSF angedeutet, nachdem zuvor auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in einem Schreiben an die europäischen Staats- und Regierungschefs eine Neubewertung des Fonds gefordert hatte. Die Renditen für italienische Staatsanleihen hatten zuvor ein Rekordniveau erreicht.

Konkrete Konsolidierungsstrategie gefragt

Mit Blick auf die nervösen Finanzmärkte sei es für die europäische Wirtschaft sehr viel hilfreicher, wenn die stabilen Länder ihre Stärke weitertrügen und zeigten, dass Kontinuität möglich sei. "Damit könnte für die Politik anderer Länder ein Anreiz gegeben werden, dieser Stabilität nachzueifern", sagte Carstensen. In Bezug auf Rom betonte der Konjunkturexperte: "Italien braucht jetzt eine konkrete Konsolidierungsstrategie, die schnell umgesetzt wird. Sie muss groß und glaubwürdig genug sein, damit die Finanzmärkte ihr trauen." Italien will angesichts seiner Schulden und der nervösen Märkte im Jahr 2013 einen ausgeglichenen Haushalt erreichen - ein Jahr früher als bislang geplant.

Falsches Anreizsignal für verschuldete Länder

Reicht das? Oder gab es nicht mit der umstrittenen Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), italienische und spanische Staatsanleihen aufzukaufen, längst einen Dammbruch? "Die EZB ist in einer ganz schrecklichen Zwickmühle", erklärte Carstensen. Auf der einen Seite wolle die Zentralbank kurzfristig die Märkte beruhigen. Auf der anderen Seite sende sie ein fatales Anreizsignal an die betroffenen Staaten: "Dass nämlich im Zweifelsfall die EZB eingreifen wird und andere europäische Maßnahmen, insbesondere Konsolidierungsmaßnahmen, durchaus auf die lange Bank geschoben werden können. Das ist genau das, was wir in den vergangenen 15 Monaten gesehen haben: Dass die einzelnen Regierungen immer dann Konsolidierungsmaßnahmen angekündigt haben, wenn nichts anderes mehr ging, wenn der Druck wirklich zu hoch war. Es wurde nichts prophylaktisch gemacht. Im Zweifelsfall hat die EZB die Scherben immer aufgewischt und in die eigene Bilanz genommen. Mit Geldpolitik hat das dann aber nichts mehr zu tun."

Abschwung-Risiko steigt

Wie weit die Märkte weltweit noch abstürzen und wie groß die Auswirkungen auf die Realwirtschaft werden könnten, vermag der Ökonom derzeit noch nicht abzuschätzen. Prognosen würden zwar noch nicht zurückgenommen. Allerdings mahnte Carstensen: "Die Risiken sind deutlich größer geworden, dass es weltweit wieder einen Abschwung gibt." Investoren würden derzeit abwarten - aus Angst um die US-Konjunktur und um die Eurozone gleichermaßen. "Dieses Abwarten hat uns nach der Lehman-Krise sehr viel Konjunktur gekostet, weil Aufträge storniert wurden und nicht investiert wurde. Jetzt besteht abermals die Gefahr, dass dieser Effekt groß und wichtig wird."

Politische Lösungen fehlen

Die Gründe für die momentanen Kursausschläge begründeten sich nicht nur in den aktuellen Konjunktursorgen, sondern seien auch politisch gemacht - weil es weder in der Eurozone, noch im US-Schuldenstreit einen richtigen Befreiungsschlag gegeben habe. "Wenn das politisch nicht gelingt, dann sind die Investoren verunsichert und verkaufen im Zweifelsfall ihre Anleihen. Und wenn sie das mangels sicherer Alternativen nicht können, verkaufen sie etwas anderes. Zum Beispiel ihre Aktien."

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Wirtschaft
Mit dreckigen Schuhen aufs Börsenparkett

New York: Schuhputzer leiden unter der Wirtschaftskrise. zum Video


Anzeige
MagentaTV jetzt 1 Jahr inklusive erleben!*
hier Angebot sichern
Anzeige
Die neuesten Technik-Trends: Mieten ist das neue Kaufen
OTTO NOW entdecken
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal