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Euro-Krise: Wo versickert die Geldflut der EZB?


Folgen der Euro-Krise: Wo staut sich die Geldflut?

19.12.2012, 17:32 Uhr | Spiegel Online

Euro-Krise: Wo versickert die Geldflut der EZB?. Die Geldversorgung in Deutschland stimmt (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Geldversorgung in Deutschland stimmt (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpt immer neue Milliarden in den Geldkreislauf - doch bei den Unternehmen und Verbrauchern kommt davon kaum etwas an. Wo bleiben bloß all die neuen Euro? Droht bald die große Inflation? Eine Spurensuche.

Deutschlands Geldmaschine versteckt sich in einem schmucklosen Achtziger-Jahre-Bau: Außen weiße Platten und etwas Glas, innen Auslegware in Grau- und Blautönen. Hier im Frankfurter Norden, weit ab von den Bankentürmen der Innenstadt, sorgen rund 300 Mitarbeiter einer kleinen Firma dafür, dass dem Land das Geld nicht ausgeht. Die Firma heißt Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH und sie bedient sich eines Mittels, das seit einigen Jahren ziemlich in Verruf geraten ist: Sie macht Schulden.

Schulden sind nicht grundsätzlich schlecht

Schulden sind an sich nichts Verwerfliches. Im Kapitalismus sind sie sogar dringend nötig, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Würden Unternehmen keine Kredite aufnehmen, um Geld in vielversprechende Ideen und Projekte zu investieren, gäbe es kein Wachstum und keinen Wohlstand. Die Unternehmen wiederum bekommen ihr Geld von den Geschäftsbanken geliehen, gegen Zinsen natürlich. Und die Geschäftsbanken können selbst Kredite aufnehmen bei den Notenbanken, in der Euro-Zone also bei der Europäischen Zentralbank (EZB).

So sieht der Geldkreislauf aus, der in jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch beschrieben wird. Man könnte auch sagen: so sieht die ideale Welt aus.

Doch mit dieser idealen Welt hat die Realität nur noch wenig gemein. Eine Unwucht ist in den Geldkreislauf geraten. Die europäische Zentralbank verteilt immer mehr Geld an die Geschäftsbanken. Doch bei den Unternehmen, die mit diesem Geld eigentlich ihre Investitionen finanzieren und so für das Wirtschaftswachstum von morgen sorgen sollen, kommt davon nur wenig an. Stattdessen landet ein viel zu großer Teil des Geldes in dem schmucklosen Flachbau im Frankfurter Norden.

Deutschland profitiert von der Krise

Carl Heinz Daube, der Geschäftsführer der Finanzagentur, sitzt in seinem Büro im ersten Stock. Sein Job ist es, Staatsanleihen zu verkaufen - Schuldscheine der Bundesrepublik. Gerade haben Daube und seine Händler bei einer Versteigerung solcher Scheine 2,5 Milliarden Euro reingeholt. Übermorgen soll das Geld an den Finanzminister überwiesen werden. "Es ist ordentlich gelaufen", sagt Daube. "Wir hatten 60 Gebote von 32 Banken. Die hätten uns Anleihen über fast fünf Milliarden Euro abgenommen."

Die Anleihen der Bundesrepublik sind gefragt im Moment. Für die fünfjährigen Schuldscheine, die Daube und seine Leute heute versteigert haben, müssen sie den Investoren im Schnitt gerade einmal 0,4 Prozent Zinsen zahlen. In Zeiten der Krise suchen die Anleger fast verzweifelt nach soliden Anlagen. Und sind deshalb bereit, auf hohe Renditen zu verzichten, solange ihr Geld nur sicher ist. "Für den deutschen Steuerzahler ist das charmant", sagt Daube. Schließlich spart der Bund dadurch jedes Jahr mehrere Milliarden Euro an Zinszahlungen.

Spannung bei der Versteigerung

Dreieinhalb Stunden dauerte die Auktion diesmal - um 8 Uhr morgens ging es los, mittags um 11.30 Uhr war alles vorbei. In der Zwischenzeit gaben die Banken ihre Gebote ab, zu welchem Preis sie die Schuldscheine kaufen wollen. "Die spannendste Phase sind die letzten zehn bis 15 Minuten", erklärt Daube. "Da kommen noch mal viele Gebote rein."

In dieser Phase bildet sich im Handelsraum der Agentur eine kleine Menschentraube hinter den Bildschirmen. Chefhändler Thomas Weinberg ist dabei, ein Vertreter der Strategieabteilung, ein Controller und Geschäftsführer Daube. "Variante ist ausgewählt", sagt Weinberg am Ende, als der Preis und die versteigerte Menge feststehen. "Daten stehen zur Zuteilung bereit."

Banken betreiben lieber Finanzmarktgeschäfte

Die 2,5 Milliarden Euro, die Deutschland an diesem Tag im November einnimmt, kommen von Banken. Einen guten Teil der frischen Anleihen verkaufen sie weiter, zum Beispiel an Pensionskassen oder Investmentfonds, den Rest behalten sie. Solche Finanzmarktgeschäfte sind in den vergangenen Jahren zu einer Hauptbeschäftigung der Banken geworden. Das klassische Modell, Spareinlagen zu verzinsen und Kredite zu vergeben, ist in den Hintergrund getreten. Stattdessen wird in Wertpapiere investiert - am liebsten in deutsche. Denn Deutschland, so lautet eine der letzten Wahrheiten, die an den Finanzmärkten als unumstößlich gelten, kann nicht pleite gehen.

Doch woher haben die Banken all das Geld, um Deutschlands Schulden nahezu zum Nulltarif zu finanzieren?

"Money for nothing" - Wie die Banken an Geld kommen

Die Antwort liegt knapp acht Kilometer entfernt von der Finanzagentur, mitten im Frankfurter Bankenviertel. Hier, im 36. Stock des Euro-Towers, trifft sich einmal im Monat der Rat der Europäischen Zentralbank, um darüber zu entscheiden, wie viel Geld die Banken in der Euro-Zone bekommen sollen - und zu welchem Preis.

Ein riesiger ringförmiger Tisch aus hellem Holz, drumherum 24 schwarze Sessel. An einem davon, auf der gegenüberliegenden Seite der Tür, sitzt Mario Draghi, der Präsident der EZB. Zwei Plätze neben ihm Jens Weidmann, Chef der Bundesbank. An diesem Donnerstag Anfang Dezember ist es mal wieder so weit. Der EZB-Rat tagt. 34 Stockwerke darunter warten die Journalisten darauf, dass Zentralbankchef Draghi ihnen die Beschlüsse erklärt. Noch ist er nicht zu sehen. Aus den Boxen tönt das Lied "Money for Nothing" - zu deutsch: "Geld für Nichts". Es ist der wohl größte Hit der Dire Straits, deren Bandname sich am besten mit "Schlimme Notlage" übersetzen lässt.

Die EZB als Geldpumpe

Mit diesen beiden Begriffen lassen sich auch die vergangenen fünf Jahre der Finanzkrise ziemlich treffend beschreiben. Immer wieder war die Lage so schlimm, dass die EZB eingreifen musste. Immer wieder pumpte sie dabei neues Geld in die Märkte - zu viel Geld, meinen viele Kritiker.

Das Geld geht an die Banken. Es fließt nicht in Form von Scheinen oder Münzen, sondern in Form von Zahlenreihen am Computer. Wer es genauer wissen will muss in den ersten Stock des EZB-Turms. Dort ist das Büro von Ulrich Bindseil. Als Generaldirektor für Marktoperationen ist er für die Verteilung des Geldes zuständig. Jeden Dienstag sammeln sich bei Bindseil die Wünsche der rund 6000 Banken der Euro-Zone. Wer braucht wie viel Geld?

EZB musste Zuteilungsverfahren umstellen

Bis 2008 wurden die Kredite der EZB an die Geschäftsbanken versteigert. Es gab einen Mindestpreis, den sogenannten Leitzinssatz, den der Rat der Zentralbank jeden Monat festlegt. Je niedriger er ist, desto günstiger wird das Geld. Ausgehend von diesem Leitzins mussten die Banken vor der Krise angeben, welchen Satz sie zu zahlen bereit waren. Nur die höchsten Gebote bekamen den Zuschlag. Viele Banken gingen leer aus. Sie mussten sich das nötige Geld dann im Handel bei anderen Banken leihen.

Seit Beginn der Krise ist das kaum mehr möglich. "Wir haben eine Situation, in der der Geldhandel zwischen den Banken beschädigt ist", sagt Bindseil. "Die Institute, die keinen Zugang mehr zu Krediten haben, kommen jetzt vermehrt zu uns."

Die EZB hat deshalb umgestellt auf das sogenannte Vollzuteilungsverfahren. Jede Bank erhält so viel Geld wie sie will - und das immer zum jeweiligen Leitzinssatz. Der ist seit Beginn der Krise extrem niedrig. Derzeit liegt er bei gerade mal 0,75 Prozent, deutlich niedriger als die Inflationsrate. Die Banken bekommen also unbegrenzt Geld - und das geschenkt.

"Das Geld wird am Computer geschaffen"

"Im Moment nehmen wir die Gebote nur zur Kenntnis", sagt Bindseil. "Dann drücken wir den Knopf. Einen Tag später wird das Geld überwiesen, nachdem die notwendigen Sicherheiten bei den nationalen Notenbanken eingegangen sind." Diese Sicherheiten können Staatsanleihen sein, aber auch Anleihen von Unternehmen. Sie dienen als Pfand, falls die Banken den Kredit nicht zurückzahlen können.

Normalerweise laufen die Kredite nur sehr kurzfristig. Eine Woche ist die Regel, manchmal auch drei Monate. Doch im Verlauf der Krise wurden die Zeiträume immer länger. 2009 verlieh die EZB erstmals Geld für ein Jahr. Ende 2011 wurden sogar die ersten Drei-Jahres-Kredite aufgelegt. Die "dicke Bertha" nannte Draghi das damals, in Anlehnung an ein besonders großkalibriges Krupp-Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg. Die Nachfrage war riesig. Hunderte Institute aus der ganzen Euro-Zone griffen zu. Insgesamt überwies die EZB rund eine Billion Euro - Geld, das sie aus dem Nichts geschaffen hat.

Bilanz der EZB bläht sich auf

Die Kredite der Notenbanken an die Geschäftsbanken sind der Kern der Geldmaschine. Hier entsteht das sogenannte Zentralbankgeld, das die Basis für die Geldversorgung der Wirtschaft bilden soll. In den vergangenen Jahren ist es immer mehr geworden - abzulesen ist das an der aufgeblähten Bilanz der EZB. Die hat im vergangenen Sommer erstmals die Marke von drei Billionen Euro überschritten - Ende 2007, also zu Beginn der Finanzkrise, waren es gerade einmal 1,2 Billionen Euro. "Das Geld wird praktisch am Computer geschaffen ", sagt Bindseil, "was aber nicht heißt, dass seine Menge nicht kontrolliert werden kann."

Die Zentralbank ist nicht der einzige Akteur im Finanzsystem, der Geld schöpfen kann. Auch die Banken selbst können das - und zwar mit jedem Kredit, den sie vergeben. Wenn sich also ein mittelständischer Bauunternehmer bei seiner Sparkasse 100.000 Euro leiht, um damit neue Lastwagen anzuschaffen, wächst die Geldmenge um den gleichen Betrag. Zahlt er den Kredit nach fünf Jahren wieder zurück, sinkt die Geldmenge wieder.

Derzeit hat die Zentralbank alle Schleusen weit geöffnet. Sie pumpt immer mehr Geld ins Finanzsystem. Unter normalen Umständen würde dieses Geld schnell in Form von neuen Krediten bei den Unternehmen und Privathaushalten ankommen - die Geldmenge würde rasant wachsen, die Gefahr von Inflation wäre groß.

Inflation ist nicht das Problem

Doch die Notenbanker haben derzeit ganz andere Probleme als Inflation. Ihr Geld kommt nicht im Wirtschaftskreislauf an. Viel zu oft verzichten die Banken derzeit auf Rendite und parken ihr Geld nahezu unverzinst bei Daubes Finanzagentur, anstatt es zu höheren Zinsen, aber auch mit höherem Risiko an Unternehmen zu verleihen.

Das ist auch die große Sorge von Mario Draghi. Der Präsident ist im zweiten Stock des Euro-Towers zur Pressekonferenz erschienen. Die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen außerhalb des Finanzsektors sei im Oktober weiter gesunken, sagt Draghi und kneift die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. "Die Liquidität hat die Realwirtschaft nicht wirklich erreicht."

Geldkreislauf behält seine Unwucht bei

Es wird also weitergehen, das große Spiel mit dem vielen Geld. Die EZB wird die Schleusen offen halten - und darauf hoffen, dass auch die Banken endlich wieder mitmachen. Auch der Bund wird weiter neue Schulden machen - im nächsten Jahr sollen es 17 Milliarden Euro sein. Zinsen wird er darauf kaum zahlen müssen. Und nichts deutet darauf hin, dass diese Unwucht in absehbarer Zeit wieder aus dem Geldkreislauf verschwindet.

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