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Operieren für den Bonus: Durch Chefarztverträge steigt Risiko unnötiger Behandlungen

Chefarztverträge gefährden Ihre Gesundheit

16.07.2012, 13:01 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Operieren für den Bonus: Durch Chefarztverträge steigt Risiko unnötiger Behandlungen. Klinikärzte geraten durch fragwürdige Boni mehr und mehr unter Druck (Quelle: dapd)

Klinikärzte geraten durch fragwürdige Boni mehr und mehr unter Druck (Quelle: dapd)

Operieren für den Bonus: Chefärzte werden immer öfter leistungsabhängig bezahlt. Krankenhäuser zahlen üppige Gehaltszulagen, wenn die Zahl lukrativer Behandlungen steigt. Für den Patienten wächst das Risiko unnötiger Eingriffe.

Konventionelle Behandlung oft ausreichend

Karl Lauterbach ist ein leidenschaftlicher Kampfsportler. Das ist nicht unbedingt ein altersgemäßer Sport für einen 49-Jährigen, wie der SPD-Politiker zugibt. Prompt zog sich Lauterbach vor einigen Wochen einen Bandscheibenvorfall zu. Bei der Behandlung kam ihm dann aber ein besonderes Privileg zugute: Lauterbach kennt sich als Arzt selbst aus und weiß auch, welchen Kollegen er vertrauen kann.

"Die Spezialisten haben mir dann geraten, das konventionell behandeln zu lassen - also ohne Operation." Ein Rat, den ein normaler Patient vielleicht nicht erhalten hätte. Denn Lauterbach ist privat versichert. Eine Operation würde dem Krankenhaus viel Geld bringen. Bei einer künstlichen Bandscheibe kommen im Einzelfall bis zu 25.000 Euro zusammen. Die konventionelle Behandlung bringt dagegen kaum etwas ein. Doch mittlerweile ist Lauterbach schon wieder fit.

Fragwürdige Boni-Regeln

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum werden inzwischen fast die Hälfte der neuen Chefarztverträge um Boni-Vereinbarungen ergänzt. Das heißt konkret: Wenn ein Chefarzt ein bestimmtes Ziel erreicht, bekommt er von seinem Krankenhaus einen üppigen Zuschlag zu seinem Gehalt. Fast immer sehen die Ziele eine Steigerung vor - zehn Prozent mehr künstliche Kniegelenke, 50 Hüften mehr, fünf Prozent mehr Geburten.

Anreize für unnötige Therapien

Die Gefahr: Die Kliniken schaffen einen Anreiz für die Ärzte, auch medizinisch unnötige oder fragwürdige Behandlungen vorzunehmen. Der wachsende wirtschaftliche Druck stellt die moralischen Grundsätze der Mediziner auf eine harte Probe. Behandeln sie den Patienten immer auf die bestmöglichste Weise? Oder wählen sie auch mal die Variante, die für das Krankenhaus - und damit auch ihren eigenen Geldbeutel - am lukrativsten ist?

Alle Ärzte, mit denen "Spiegel Online" gesprochen hat, weisen darauf hin, dass die Mediziner sich dieser Gefahr bewusst sind. Bis auf ganz wenige Ausnahmen würden sie nie bewusst Entscheidungen treffen, die für den Patienten von Nachteil wären. Doch die Gesprächspartner geben auch zu, dass da eine große Grauzone entstanden sei.

Kasse machen bei Armbrüchen oder künstlichen Hüften

Ein einfaches Beispiel ist der Armbruch: Ärzte können eine gebrochene Speiche richten und eingipsen. Sie können aber auch operieren - und den Knochen mit Metallplatten und Schrauben fixieren. Die Operation bringt mehr Geld. Doch für den Patienten wäre der Gips die unkompliziertere und nicht unbedingt schlechtere Wahl.

Gravierender wird es bei künstlichen Implantaten. Mal angenommen, ein Chefarzt bekommt ab dem 100. Hüftgelenk eine Sonderprämie. Will man da wirklich der 99. Patient sein? Kann man sich sicher sein, dass der Arzt eine rein medizinische Diagnose trifft?

Immer mehr Operationen aus ökonomischen Gründen

Zu den Gefahren für Patienten kommen die Kosten. Die Zuwächse gerade bei den besonders teuren Behandlungen zahlen die Versicherten über ihre Beiträge. Ein Gutachten im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ergab, dass nur ein Teil der ständigen Zunahme an Operationen mit der demografischen Entwicklung und dem medizinischen Fortschritt zu erklären ist. "Offenbar erbringen Krankenhäuser einen Teil der zusätzlichen Leistungen allein aus ökonomischen Gründen", kritisierte der GKV-Spitzenverband.

Ärzte: Kliniken sind schuld

Die Ärzte sehen die Schuld bei den Klinikbetreibern. "Das unternehmerische Risiko wird immer stärker auf die Mediziner verlagert", kritisiert Rudolf Henke, Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. "Die Boni schaffen falsche Anreize und gefährden die Patientenversorgung. Wir fordern deshalb von den Kliniken, auf solche Zielvereinbarungen zu verzichten."

Doch damit ist nicht zu rechnen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft empfiehlt ihren Mitgliedern in einem Mustervertrag für Chefärzte sogar explizit die Aufnahme einer Boni-Klausel. In Paragraf 8 Absatz 3 heißt es dort unter anderem:

"Gegenstände der Zielvereinbarungen können insbesondere sein:

- Zielgrößen für Sach- und Personalkosten seiner Abteilungen
- Zielgrößen für Leistungen nach Art und Menge
- Einführung neuer Behandlungsmethoden
- Maßnahmen und Ergebnisse der Qualitätssicherung
- Inanspruchnahme nichtärztlicher Wahlleistungen."

Harsche Kritik an Mustervertrag

Marburger Bund, Bundesärztekammer und der Chefarztverband kritisieren diesen Mustervertrag in einer gemeinsamen Stellungnahme. Er sei "geprägt durch eine ökonomische Dominanz" und lasse medizinische Gründe für das Handeln von Ärzten "zunehmend in den Hintergrund treten".

Neben den "Zielgrößen für Leistungen" lehnen die Ärzteverbände auch den Punkt der "nichtärztlichen Wahlleistungen" ab. Ein solches Ziel mache den Chefarzt "zum Verkäufer von Telefon- und Fernsehanschlüssen sowie von Einzelzimmern".

Aktuelle Praxis gefährdet Gesundheitssystem

Natürlich ist es generell sinnvoll, Ärzte zum vernünftigen Wirtschaften anzuhalten. So steigt unter anderem die Effektivität. Problematisch wird es jedoch, wenn medizinisch Notwendiges unterbleibt - oder unnötige Behandlungen durchgeführt werden. Dadurch steigen die Kosten für das Gesundheitssystem schließlich auch.

Der Rechtsanwalt Norbert H. Müller prüft jedes Jahr Dutzende Arbeitsverträge von Chefärzten. Seiner Erfahrung nach machen Boni mittlerweile oft mehr als 20 Prozent der Vergütung aus. "Für viele wird es da schon schmerzhaft, wenn sie die Ziele nicht erreichen." Ein Chefarzt verdient je nach Größe seiner Klinik und seines Bereichs zwischen 150.000 und 450.000 Euro.

Druck auf Mediziner wächst

Müller sagt, er wolle "keinen Klassenkampf machen", der Anwalt von der Kanzlei Klostermann & Partner aus Bochum vertritt auch Kliniken. Dennoch sieht er die Entwicklung mit Sorge. "Die Ziele werden ja jedes Jahr neu definiert. Da gibt es in den ersten Jahren dann durchaus Bereiche, wo sich die Effizienz steigern lässt. Aber danach? Da wächst der Druck auf die Ärzte, auch ethisch fragwürdige Entscheidungen zu treffen."

Lauterbach: Zahl der Kliniken muss sinken

Aufhalten lässt sich die Entwicklung nicht so einfach. Jedes Krankenhaus kämpft um seine Existenz - und nutzt die Möglichkeiten, die das System bietet. SPD-Politiker Lauterbach fordert, die Zahl der Kliniken müsse deutlich sinken. Zumindest dürften bestimmte Behandlungen nur noch in deutlich weniger Krankenhäusern angeboten werden.

"Es macht keinen Sinn, dass in einer Kleinstadt zum Beispiel vier Kliniken Prostatabehandlung machen", sagt Lauterbach. "Nur weil es für die Häuser lukrativ ist." Eine Konzentration werde dazu führen, dass auch der ständige Anstieg von Behandlungen abnehme.

Extras für mehr Qualität statt für Menge

Der Marburger Bund hat einen anderen Vorschlag. Wenn schon Boni, dann sollten sie für die Steigerung der Qualität gezahlt werden. Zum Beispiel, wenn die Zahl der Komplikationen nach Operationen sinkt. Oder wenn die Zufriedenheit der Mitarbeiter beziehungsweise der Patienten steigt. "Das wäre wirtschaftlich auch sinnvoller, als sich nach dieser reinen Mengenideologie zu richten", sagt der Gewerkschaftschef Henke.

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