Sie sind hier: Home > Gesundheit >

Medizin: Bis zu 15 Prozent aller Diagnosen sind falsch


GESUNDHEIT | ÄRZTE  

Bis zu 15 Prozent aller Diagnosen sind falsch

10.11.2010, 09:31 Uhr | Holger Dambeck, Spiegel Online

Beim Lesen von Röntgenbildern machen Ärzte häufig Fehler  (Quelle: imago images)Beim Lesen von Röntgenbildern machen Ärzte häufig Fehler (Quelle: imago images) Wie oft urteilt ein Arzt falsch? Schätzungen zufolge schwankt die Quote je nach Fachgebiet zwischen zwei und 15 Prozent. Viele Ärzte überschätzen ihre Fähigkeiten, kritisieren Forscher und fordern gezielte Maßnahmen, um im schlimmsten Fall tödliche Fehldiagnosen zu vermeiden.

Fehler oft verschwiegen

Kunstfehler? Falsche Diagnose? Ärzte sprechen nicht gern über ihre Fehler. Am offenen Umgang mit Missgeschicken mangelt es in vielen Praxen und Krankenhäusern. Forscher haben sich nun mit einem sehr delikaten Aspekt ärztlicher Fehler beschäftigt: den falschen Diagnosen.

Röntgenbilder falsch interpretiert

Die Fehlerquote liege in Bereichen wie der Pathologie, Radiologie oder Dermatologie zwischen zwei und fünf Prozent, erklären Eta Berner von der University of Alabama und Mark Graber von der State University of New York. Doch es gebe auch Fehlerraten deutlich über zehn Prozent, etwa beim Lesen von Röntgenbildern, schreiben die Forscher in einer Sonderausgabe des Fachblatts "The American Journal of Medicine".

Falsche Diagnose in jedem zehnten Notfall

Die beiden Experten haben Dutzende Studien zu Fehldiagnosen durchgesehen und die teils sehr verschiedenen Schätzungen zusammengetragen. So hatte ein Forscherteam des University College London den Anteil der Fehldiagnosen in britischen Krankenhäusern mit sechs Prozent beziffert. Andere Studien kamen zumindest für die Notfallstationen auf Werte bis zu zwölf Prozent. Arthur Elstein, emeritierter Professor von der University of Illinois in Chicago hat sich fast sein gesamtes Berufsleben lang mit Irrtümern der Götter in Weiß beschäftigt. Nach seiner Schätzung liegen Mediziner in etwa 15 Prozent aller Fälle falsch.

Ärzte überschätzen sich

"Die meisten Diagnosen sind korrekt" betonen Berner und Graber jetzt, doch trotz modernster Technik gebe es immer noch zu viele falsche Urteile. Ärzte seien zu sehr von sich überzeugt, sie überschätzten die Genauigkeit ihrer Diagnosen. Das sensible Problem von Fehldiagnosen werde zu wenig thematisiert und sei auch nicht ausreichend erforscht. An exakte Zahlen über falsche Einschätzungen deutscher Mediziner zu kommen, ist so gut wie unmöglich: "Uns liegen keine Zahlen für Deutschland vor", sagt Jörg Lauterberg vom AOK-Bundesverband. Lauterberg ist ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Kunstfehler: Er sitzt im Vorstand des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, das im Februar eine Broschüre veröffentlicht hatte, die für einigen Wirbel sorgte. 17 Ärzte und Pfleger bekannten sich darin öffentlich zu Behandlungsfehlern.

Tumor mit Hämorrhoiden verwechselt

Die Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern hat Hunderte Fälle von Arztirrtümern bearbeitet. So ging eine 47-jährige Frau wegen Blutabganges aus dem Anus zu ihrer Hausärztin. Diese stellte Hämorrhoiden fest und verordnete Salben und Zäpfchen, ohne den Enddarm zu untersuchen. Die Patientin kam mehrfach wieder, immer mit den gleichen Beschwerden. Wegen auffälliger Laborwerte wurde die Frau knapp vier Monate nach dem ersten Arztbesuch zum Urologen überwiesen - und dieser stellte schnell fest, dass es sich nicht um Hämorrhoiden, sondern um einen Tumor handelte.

Mangelnde Sorgfaltspflicht

Fälle wie dieser beschäftigen die Schlichter immer wieder, deren Ziel es ist, Streit zwischen Patienten und Medizinern außergerichtlich zu lösen. Im Fall der angeblichen Hämorrhoiden erkannte der Gutachter der Schlichtungsstelle eine Sorgfaltspflichtverletzung der Ärztin. Der Krankheitsverlauf sei typisch gewesen, eine Darmuntersuchung hätte zwingend erfolgen müssen. Die Diagnose und somit die Behandlung seien um rund vier Monate verzögert worden.

Brusttumore oft nicht erkannt

Für das Jahr 2007 hat die Schlichtungsstelle eine Liste der häufigsten Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen niedergelassener Ärzte in Norddeutschland erstellt. An der Spitze stehen nicht erkannte Brusttumore, gefolgt von Frakturen an Hand, Handgelenk oder Unterarm sowie Blinddarmentzündungen. "Selbst Hausärzte staunen, wenn sie in Statistiken lesen, wie oft in ihrer Berufsgruppe zum Beispiel Blinddarmentzündung nicht oder zu spät erkannt werden", sagt AOK-Experte Lauterberg.

Besseres Feedback nötig

Wie aber lassen sich derartige, für Patienten mitunter folgenschwere Fehleinschätzungen vermeiden? Irren sei menschlich, das gelte auch für Mediziner, schreiben Berner und Graber im Fachblatt "The American Journal of Medicine". Viele seien sich aber gar nicht bewusst, wie hoch die eigene Fehlerquote tatsächlich sei. Die Ärzte bräuchten ein besseres Feedback. "Lernen und Feedback sind untrennbar" erklärt Gordon L. Schiff vom Brigham and Women's Hospital in Boston, der in der Sonderausgabe des Fachblatts für ein systematisches Feedback plädiert. Anders als seine Kollegen Berner und Graber macht er weniger die Selbstgewissheit der Ärzte, sondern viel stärker den Zeitdruck in vielen Kliniken für die Fehler verantwortlich.

Hoher Zeit- und Kostendruck

Eine Absicherung gegen Fehldiagnosen könnten auch Computer bieten: "Verschafft den Ärzten einen Internetzugang im Behandlungszimmer", fordert Graber. So könnten sie schnell auf Fachtexte und Fachmagazine zugreifen. Zudem sei Software zu empfehlen, die die Entscheidungsfindung unterstütze. Grabers Rat an Mediziner, doch auch eine zweite Meinung einzuholen, erscheint da fast schon banal. Das Verfahren scheitert im Alltag häufig auch am Zeit- und Kostendruck.

Kritische Patienten im Vorteil

Eine wichtige Rolle spielen laut Graber jedoch auch kritische, aufmerksame Patienten. Sie seien "ideale Partner" der Ärzte, um die Fehlerwahrscheinlichkeit zu senken. Dazu müssten Mediziner jedoch auch ihre Kommunikation ändern: Häufig würden nur Untersuchungen beschrieben und Testergebnisse genannt, statt die Diagnose explizit anzugeben. Und wenn die Diagnose unsicher sei, sollte dies auch offen so gesagt werden, fordert der Mediziner. Patienten ruft er zum Nachfragen auf: "Was könnte es noch sein?" Über andere Varianten nachzudenken, sei ein guter Weg, um der Tendenz menschlichen Denkens entgegenzuwirken, die erstbeste Erklärung für die richtige zu halten.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Mäntel-Highlights und schöne Jacken shoppen
bei MADELEINE
myToysbonprix.deOTTOhappy-size.detchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR;

shopping-portal