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Ärzte haben für Patienten kaum noch Zeit

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Ärzte haben für Patienten immer weniger Zeit

15.01.2009, 19:37 Uhr | dpa

Gesundheit: Ärzte haben im Schnitt nur noch sechs Minuten Zeit für jeden Patienten. (Foto: imago)Ärzte haben im Schnitt nur noch sechs Minuten Zeit für jeden Patienten. (Foto: imago)Im Minutentakt werden Millionen Patienten in Deutschland ihre Diagnosen erteilt und Therapien verordnet. In keinem anderen europäischen Land haben die Ärzte so wenig Zeit für die Menschen. Oft geben sich die Versicherten in den Praxen die Klinke in die Hand. Die seit Jahren hohe Zahl der Arztbesuche ist noch einmal gestiegen: 18 Mal pro Jahr geht jeder Deutsche im Durchschnitt zum Arzt. Dabei sind Besuche beim Zahnarzt nicht eingerechnet. Experten fordern, dass Ärzte mehr Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten haben sollten. #

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Lange gewartet, kurz behandelt

Auf lange Wartezeiten folgen oft kurze Diagnose- und Behandlungsgespräche. An einem Spitzentag muss ein niedergelassener Mediziner laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse (GEK) bis zu 70 Patienten am Tag betreuen. Pro Patient bleiben dem Arzt also im Schnitt sechs Minuten Zeit, wobei Hausärzte und Internisten gemessen an ihrem höheren Beratungsbedarf am wenigsten Zeit hätten. Sonst sind es verschiedenen Angaben zufolge knapp acht bis zwölf Minuten. Mehr als 92 Prozent der Menschen in Deutschland suchten binnen eines Jahres einen Arzt auf. Pro Werktag gebe es im Schnitt 5,2 Millionen Arztbesuche. Jeder der 137.000 niedergelassenen Ärzte müsse im Schnitt normalerweise 38 Patienten behandeln. Knappe Beratungszeiten und steigende Arzneimittelverordnungen sind daher nach Einschätzung der GEK "kaum verwunderlich". Überall in Europa haben Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten, im Schnitt 30 Prozent mehr als in Deutschland, so eine Erhebung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Montags größter Andrang in Arztpraxen

Dabei ist der Montag wegen aufgeschobener Patientenanliegen vom Wochenende der geschäftigste Tag in den Praxen. Während im Schnitt täglich rund vier Prozent einen Arzt aufsuchen, so seien es an Montagen acht Prozent der Bevölkerung. Jeder zweite Bundesbürger nahm binnen eines Jahres zudem vier oder mehr Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen in Anspruch.

Schwierigkeit: in kurzer Zeit das Anliegen vorbringen

Für den Hannoveraner Gesundheitsforscher Friedrich Wilhelm Schwartz hat der vergleichsweise große Rummel in den Praxen zwei Seiten. "Der Arzt kann sich fortlaufend über seine Patienten informieren, und die Patienten können immer hingehen", sagt er. "Aber für die Patienten ist es oft schwierig, ihre Anliegen in den kurzen Kontaktzeiten vorzubringen." Missverständnisse, ungeklärte Details, fehlende Angaben über Begleiterscheinungen und sonst eingenommene Medikamente können die Folge sein. Nach Angaben deutscher Patientenvertreter kann Ärztestress zu teils erheblichen Problemen führen.

Falsche Therapien können Folgen haben

Das Beispiel eines gesetzlich Versicherten in Berlin zeigt, wie es zu Fehleinschätzungen beim Arzt kommen kann. Ein niedergelassener Allergologe riet dem Mann mit einem angeborenen, allergisch bedingten Atemwegsleiden zu einer langwierigen Therapie, einer Hyposensibilisierung. Vorangegangen seien zwei Termine mit einer von einer Schwester per Großgerät gemachten Untersuchung sowie zwei Blitzgesprächen beim Arzt, erinnert sich der Versicherte. Wegen Zweifeln besuchte er einen weiteren Facharzt. "Mit überraschendem Ergebnis", wie er sagt. Nach eingehendem Gespräch zur Krankheitsgeschichte kam dieser Mediziner zu dem Schluss: Im speziellen Fall mache eine Hyposensibilisierung gar keinen Sinn.

Gute Versorgungsdichte, Zweifel an Qualität

Der GEK-Vorsitzende Rolf-Ulrich Schlenker lobt die hohe "Versorgungsdichte" bei den Arztpraxen in Deutschland, hinsichtlich der Qualität sieht er aber Skepsis angebracht. Oft nur "flüchtige Behandlungen" könnten ein Grund für die vielen Arztbesuche sein, so Schlenker weiter. "Es gibt Zweifel, ob bei jedem Kontakt das Richtige getan wird und ausreichend getan wird."

Auch Ärzte mit der Situation unzufrieden

Viele Ärzte sind mit der Situation selbst unzufrieden. 35 Prozent der niedergelassenen Mediziner und 56 Prozent der Klinikärzte sagen laut einer Allensbach-Umfrage, nicht genügend Zeit für ihre Patienten zu haben. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, warnt seit längerem vor einem Wust an Vorschriften: "Wir ersticken in immer neuen bürokratischen Auflagen und werden gezwungen, die sprechende Medizin hintanzustellen."

In Zeit investieren, nicht zu sehr in Technik

IQWiG-Chef Peter Sawicki betont andere Ursachen: "Wir müssen es höher bewerten, wenn Ärzte sich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen." Aus seiner Sicht wird im Vergleich dazu in Deutschland zu viel Geld für neue Technik und teure Therapien ausgegeben - oft mit zweifelhaftem Nutzen.

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Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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