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Blutvergiftung: "Sepsis ist ein Notfall wie Herzinfarkt"

Von dpa
Aktualisiert am 17.02.2021Lesedauer: 3 Min.
Könnte es eine Sepsis sein? Betroffene fĂŒhlen sich elend, doch denken oft nicht an die Möglichkeit einer Blutvergiftung.
Könnte es eine Sepsis sein? Betroffene fĂŒhlen sich elend, doch denken oft nicht an die Möglichkeit einer Blutvergiftung. (Quelle: Christin Klose/dpa-tmn./dpa)
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Berlin (dpa/tmn) - Sepsis zĂ€hlt zu den hĂ€ufigsten Todesursachen hierzulande. Doch viele tragische VerlĂ€ufe ließen sich verhindern, sagt die Ärztin Ruth Hecker. Sie ist Vorsitzende des AktionsbĂŒndnis Patientensicherheit. Im Interview erklĂ€rt die Medizinerin, warum man bei bestimmten Symptomen immer auch an eine Sepsis denken sollte und weshalb diese gerade im Zusammenhang mit Corona so tĂŒckisch ist.

Frau Hecker, warum ist eine Sepsis so gefÀhrlich?

Ruth Hecker: Weil sie als solche oft nicht frĂŒh genug erkannt wird. Und wer nicht rechtzeitig behandelt wird, kann daran sterben.

Woran erkennt man eine Sepsis ĂŒberhaupt?

Hecker: Ich bin noch aufgewachsen damit, dass einem gesagt wurde, ein roter Strich am Arm sei gefĂ€hrlich - weil das auf eine Blutvergiftung hindeute. Das ist auch richtig und deshalb sind ja zum Beispiel auch Tetanus-Impfungen so wichtig. Doch eine Blutvergiftung, wie die Sepsis im Allgemeinen genannt wird, kann nicht nur durch Ă€ußere Verletzungen entstehen, durch die Erreger in den Körper eindringen.

Sondern?

Hecker: Auch Infektionen jeder Art im Körper können dazu fĂŒhren, dass starke körpereigene Abwehrreaktionen hervorgerufen werden und das Immunsystem ĂŒberreagiert. Diese Überreaktion fĂŒhrt dazu, dass es zur Zerstörung von eigenem Gewebe und Organen kommt.

Das macht sich dann wohl nicht durch einen roten Strich bemerkbar. Wie sehen die Symptome aus?

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Hecker: Typisch sind Fieber und SchĂŒttelfrost, doch das ist natĂŒrlich sehr unspezifisch. Was dazukommt, sind Verwirrtheit und Desorientierung, schnelle Atmung und schneller Puls. Man fĂŒhlt sich sterbenselend.

Sepsis zÀhlt zu den hÀufigsten Todesursachen hierzulande. UngefÀhr 75000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland daran - Expertinnen und Experten schÀtzen, dass jeder vierte Todesfall vermeidbar wÀre. Warum?

Hecker: Weil wir die Sepsis oft zu spĂ€t erkennen. Bei jedem zweiten Patienten beginnt die Sepsis daheim. Man fĂŒhlt sich sehr schlecht, hat die beschriebenen Symptome. Viele sagen dann aber: Es geht mir halt nicht gut, ich habe vielleicht Grippe. Dadurch verliert man wertvolle Zeit und deshalb sterben so viele daran. Es muss schnell behandelt werden: Sepsis ist ein Notfall wie Herzinfarkt und Schlaganfall.

Eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 kann auch eine Sepsis hervorrufen. Ist eine Blutvergiftung infolge einer Covid-19-Erkrankung besonders tĂŒckisch?

Hecker: Durchaus. Manche entwickeln erst sieben bis zehn Tage nach der Diagnose ein extremes KrankheitsgefĂŒhl. Gerade Ă€ltere Menschen sitzen dann mitunter zu Hause und wollen aus Angst nicht ins Krankenhaus oder zum Arzt. Sie verpassen so den Zeitpunkt, wo ihnen eine schnelle Therapie vielleicht noch das Leben gerettet hĂ€tte. Das ist tĂŒckisch. Ein Multi-Organ-Versagen ist hĂ€ufig der Endpunkt der Sepsis - daran verstirbt man dann. So tragisch können auch schwere Covid-19-VerlĂ€ufe enden.

Wie lange dauert es denn, bis es eine Blutvergiftung gefÀhrlich wird?

Hecker: Je nachdem, wie die Immunabwehr des Betroffenen aufgestellt ist - es kann schon nach Stunden kritisch werden. Das ist aber zu individuell, um das genau zu taxieren.

Was ist konkret zu tun, wenn man das GefĂŒhl hat, es könnte eine Sepsis sein?

Hecker: Den Notruf 112 anrufen. Und dann auch Notarzt und SanitĂ€ter fragen: Könnte es eine Sepsis sein? Denn auch die RettungskrĂ€fte haben diese Möglichkeit nicht immer auf dem Schirm. Die Frage zu stellen, ist wichtig. Ansonsten kann man nicht viel machen, außer sich schnell Hilfe zu holen.

Wie wird die Sepsis im Krankenhaus behandelt?

Hecker: Es wird sofort Blut abgenommen und mikrobiologisch analysiert, um den auslösenden Keim zu identifizieren. Der Patient bekommt zunÀchst ein Breitband-Antibiotikum. Sobald man den Auslöser kennt, wird gezielter behandelt.

Kann man einer Blutvergiftung vorbeugen?

Hecker: Gerade das Impfen ist fĂŒr bestimmte Risikogruppen zur PrĂ€vention wichtig. Patienten, die keine Milz mehr haben, rĂ€t man zum Beispiel zu einer Pneumokokken-Impfung. Menschen, die ohnehin krank sind, können schneller eine Sepsis entwickeln, weil sie nicht so viele Reserven in der Immunantwort haben. Generell sollte man Hygienemaßnahmen beachten, um sich keinen Infekt zu holen. Offene Wunden sollte man immer gut reinigen.

Können SpĂ€tfolgen zurĂŒckbleiben?

Hecker: Ja. Es gibt viele Patienten, die wegen einer Sepsis auf der Intensivstation waren und die Langzeitfolgen wie kognitive Störungen, Muskel- und NervenschwĂ€che oder Gleichgewichtsprobleme haben. Durch eine verminderte Durchblutung infolge der Sepsis mĂŒssen oft auch an Finger oder Zehen Amputationen vorgenommen werden. Viele, die das ĂŒberlebt haben, leiden unter bleibenden SchĂ€den.

Service:

Das AktionsbĂŒndnis Patientensicherheit hat zusammen mit der Sepsis Stiftung, dem Sepsisdialog und der Deutschen Sepsis-Hilfe die Kampagne "#DeutschlandErkenntSepsis" ins Leben gerufen.
Infos unter: www.deutschland-erkennt-sepsis.de

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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